Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die Juden und der türkisch-italienische Krieg
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 549 - 550 (sequence 3)
- Language
- German
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549 Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Rom: Die Juden und der türkisch-italienische Krieg. 550 ALFRED GRAETZER. Am Waldesrand. (NACH EINER LITHOGRAPHIE.) Aber nicht minder wird den Unteroffizieren und einfachen Soldaten jüdischen Glaubens allerseits treue Pflichterfüllung bis in den Tod nachgerühmt: Dieselben Blätter, welche wegen der Italien feindlichen Haltung der liberalen Presse Deutschlands gegen das internationale Judentum wetterten, berichteten gerade in jenen Tagen eine Episode aus dem Treffen von Henni (östlich von Tripolis) am 26. November, wonach der aas Rom gebürtige Oberkorporal des ll.Bersaglieriregiments, De Castro, der Erste Lwar, welcher sich bei dem gefährlichen Kundschafterdienst in die Nähe der heiss umstrittenen Position wagte und den hinter ihm marschierenden Kameraden begeistert „Henni, Henni" zurufen konnte. Es stellte sich bald zum Leidwesen der genannten Blätter heraus, dass De Castro Jude warf Aber schon einen Monat vorher, an jenem 23. Oktober, an dem es den Türken durch einen in Tripolis erregten Araberaufstand gelang, bei Schara Schat einige Kompagnien des tapferen 11. Bersaglieriregiments von den anderen Truppenteilen abzuschneiden und zu massakrieren, hatten drei Israeliten, welche dieser Mustertruppe angehörten, den Heldentod gefunden: der Oberkorporal tGuido Volterra aus Rom, der aus derselben' Stadt gebürtige, zur Fahrradabteilung kommandierte Marco Perugia, und der aus Livorno stammende Roberto Guetta. Guido Volterra hatte seinen Tod geahnt. Hatte er doch nach seiner Landung in Tripolis einem Freunde geschrieben: „Weisst Du, ich kehre nicht nach Rom zurück, . , . Ich will mich auszeichnen." Mit Recht konnte daher der Bürgermeister Roms, Ernesto Nathan, welcher aus seiner jüdischen Abstammung nie ein Hehl macht, in der Stadtverordnetensitzung vom 25. November nach Aufzählung der Namen der gefallenen Römer erklären: ,,Bemerkenswert ist die solidarische Bekräftigung des Italienertums, welche sich bis auf das Reich des Todes erstreckt! Der Patrizier, der Kaufmann, der Handwerker, der Katholik und diejenigen, die einst von einem väterlichen Regime in die Barrieren des Ghettos eingeschlossen waren, zahlen die erworbene Freiheit mit ihrem Leben unter dem Rufe: ,,Es lebe Italien!" Natürlich ist die Liste der verwundeten und gefallenen Soldaten jüdischen Glaubens mit den Genannten keineswegs abgeschlossen. So wurde z. B. in der blutigen Schlacht, welche mit der Besitznahme der Oase Ain Zara ihren Abschluss fand, der Grenadier Attilio Orvieto aus Florenz an einem Beine verwundet. Erfreulicherweise wird dieselbe patriotische Gesinnung, die aus den angeführten Worten des obersten Beamten der Hauptstadt spricht, ohne Hintergedanken allen politisch tätigen Israeliten zuerkannt. Hätte wohl sonst der Präsident der Deputiertenkammer in den Ausschuss von 21 Abgeordneten, welchem das Annexionsdekret von