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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 547 - 548

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Die Juden und der türkisch-italienische Krieg
Date
1912-06-01
Page
Seite 547 - 548 (sequence 2)
Language
German
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547 Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Rom: Die Juden und der türkisch-italienische Krieg. 548 Operationen auf feindlichem Gebiet übertragen kann, dürfte manchen nordischen Staatsmann in einen gelinden Schauder versetzen! Und was würde ein preussischer Landrat gar dazu sagen, dass die italienische Regierung eine Strasse in Tobruk nach dem Kommandanten Frank benannt hat! Auf demselben Kriegsschauplatze konnte in der Nacht vom 17. zum 18. Januar ein anderer jüdischer Offizier eine glänzende Probe von Tapferkeit und Kaltblütigkeit ablegen. Ein zur Verteidigung von Bengasi 'errichtetes Blockhaus wurde unvermutet von etwa 400 Arabern unter dem Kommando eines türkischen Offiziers angegriffen. Nur 14 Soldaten und Unteroffiziere des 68. Infanterieregiments befanden sich in dem Blockhaus. Aber kaum sah der Befehlshaber der kleinen Schar, Leutnant Levi-Bianchini, die dunklen Schatten der Araber heranschleichen, als er durch einen Pistolenschuss den Seinigen das Signal zum Feuern gab, welches von feindlicher Seite nachdrücklich erwidert wurde. Wilde Schlachtrufe und Gestöhn der Verwundeten durchtönten die Nacht; dazwischen hörte man fortwährend (so erzählt einer der Mitkämpfer in einem Briefe an seine Eltern) den Leutnant mit lauter Stimme seine Soldaten ermuntern: „Es lebe Italien! Mut! Feuer! Es lebe das 68. Infanterieregiment und die 12. Kompagnie! Jungens, macht eurem Regiment, eurer Kompagnie Ehre! Kämpft bis auf den letzten Mann! Denkt daran, dass ihr Italiener seid!" Doch gegen halb drei Uhr morgens wurde die Lage der kleinen Heldenschar kritisch, da bereits 6 Italiener verwundet am Boden lagen und die Gewehre der übrigen, durch das anderthalb Stunden andauernde Schiessen überhitzt, nicht mehr recht funktionierten. Andererseits hatte die italienische Ar- ALFRED GRAETZER. Dunkler Weg. tillerie nicht mehr genügend Spielraum urn einzugreifen, da die Feinde nur noch 15 Meter vom Blockhause entfernt waren. Mit grosser Kaltblütigkeit machte sich trotzdem Levi-Bianchini daran, mit seinem Jagdmesser einige der unbrauchbar gewordenen Gewehre auszubessern und dann selbst mit einem derselben auf die Araber zu feuern, die sich schliesslich zurückzogen; so dass, als um halb vier Uhr morgens endlich Verstärkung eintraf, die Gefahr schon beseitigt war.' Nicht weniger als 29 Tote hatten die Feinde beim Blockhaus liegen lassen, andere Tote und Verwundete waren von ihnen mitgenommen worden. In Italien, wo die Schulmeisterei eines gewissen deutschen Professors der Nationalökonomie noch keinen Eingang gefunden hat, empfindet es niemand als „Taktlosigkeit", dass Leutnant Levi- Bianchini den Vornamen Achille führt. Und die Art, wie er ihm Ehre zu machen gewusst hat, beweist wieder einmal dem Herrn Schulmeister zum Trotz, dass es heutzutage in den wirklich zivilisierten Ländern keiner Kriegerkaste mehr bedarf, um gute Offiziere heranzubilden. Uebrigens wird von Verwundungen jüdischer Offiziere öfters berichtet. Eine solche erlitt zum Beispiel der Oberleutnant Mario Bachi aus Turin in einem Gefecht bei Derna. Sollte also der deutsche Militärbevollmächtigte in Rom und sein Kollege von der Marine nicht allzu sehr mit Arbeit überhäuft sein, so könnte ihnen der gegenwärtige Krieg mannigfaches Material zur Behandlung der Frage über die Zulassung der Juden zum Offiziersberufe bieten. Dass in Italien die Religionsfreiheit im weitesten Sinne des Wortes wirklich durchgeführt ist, dafür legt die Offenheit, mit welcher die genannten Offiziere Frank und Levi-Bianchini ihre Zugehörigkeit zum Judentum kundgeben dürfen, ein beredtesZeugnis ab: Zum Ehrenmitglied der israelitischen Brüderschaft,,Herz und Eintracht", die in Venedig ihren Sitz hat, ernannt, richtete Frank ein Dankschreiben an dieselbe, worin er seiner Freude darüberAusdruck verlieh, dass ihm seitens seiner Glaubensgenossen eine Auszeichnung zuteil geworden, die nicht nur ihm, sondern auch der Kriegsmarine, welche er als seine zweite Familie betrachte, zur Ehre gereiche. Und als Levi- Bianchini im April aus Gesund heits rücksichten in die Heimat zurückkehrte, besuchte er am ersten Pessachtage die Synagoge inPadua und wurde zur Thora aufgerufen. (NACH EINER LITHOGRAPHIE.)

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