Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die Juden und der türkisch-italienische Krieg
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 551 - 552 (sequence 4)
- Language
- German
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551 Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Rom: Die Juden und der türkisch-italienische Krieg. 552 Tripolis und der Kyrenaika zur Begutachtung unterbreitet war, und welcher es einstimmig annahm, 3 Semiten, nämlich den berühmten Nationalökonomen und früheren Ministerpräsidenten Luigi Lu.zzatti, ferner Riccardo Luzzatto, welcher zu den 1000 Freischärlern gehörte, mit denen vor 52 Jahren Garibaldi auszog, um Sizilien vom bourbonischen Joche zu befreien, und Salvatore Barzilai, den republikanischen Vertreter Roms im Parlamente und Sohn des bekannten Bibelkommentators und Sekretärs der jüdischen Gemeinde von Triest, delegiert? Welches werden nun die Folgen der Annexion für die Israeliten der neuen Provinzen und für die des Heimatlandes sein? Gewiss nur die allerbesten, da es sich die italienische Regierung ganz besonders angelegen sein lässt, jenes wertvolle Element für sich zu gewinnen. Das Hess sich u. a. daraus erkennen, dass die erste Begnadigung am 6. Januar durch den König von Jtalien nach Verkündigung des Standrechts in Tripolis zugunsten eines jüdischen Notabein ausgesprochen wurde. Derselbe hatte eigentlich die Strafe von einem Jahr Gefängnis verwirkt, weil eine Feuerwaffe in seinem Besitze vorgefunden worden war. Die jüdische Bevölkerung der neuen italienischen Provinzen ist zwiefachen Ursprungs: Der eine Teil, besonders viele der Kyrenaika, wo es bereits unter dem römischen Kaiser Trajan im Jahre 115 zu einem gefährlichen Aufstande der Juden kam, lassen sich als einheimische bezeichnen, die anderen stammen aus Italien und Spanien, aus welchen Ländern ihre Vorfahren ihres Glaubens wegen vertrieben wurden. Beide Elemente werden seit alter Zeit von Berbern, den Urbewohnern des Landes, und Arabern gleichmässig gehasst, so dass auch die türkische Regierung wenig für Hebung ihrer sozialen Lage zu tun vermochte. Kein Wunder, dass die Landung der Italiener und die Besetzung der Küstenplätze von der grossen Mehrzahl der Juden mit Freuden begrüsst wurde. Ist doch vielen die italienische Sprache ganz geläufig und allen die Indifferenz der italienischen Regierung, wenn es sich um religiöse und um Rassenfragen handelt, bekannt! Mit grösster Bereitwilligkeit stellten sie ihre Begräbnisplätze für die Bestattung protestantischer Soldaten, gegen deren Beerdigung auf katholischen Friedhöfen die protestantischen Geistlichen Bedenken gehabt hatten, zur Verfügung. Als überaus nützliche Elemente der neuen Kolonien wegen ihrer Redlichkeit und Ordentlichkeit sofort erkannt, sind sie in grosser Zahl für die italienische Regierung tätig. Diese hat auch den Zahltag vom Sonnabend auf einen anderen Tag verlegt, weil die jüdischen Arbeiter am Feiertage weder von Arbeit noch von Geld etwas wissen wollen. Am deutlichsten zeigt sich der Fortschritt, den das jüdische Element bereits gemacht hat, an dem Mute, mit dem es sich an den Sonnabenden ins Freie wagt: Der scheue, eingeschüchterte, sich als ein Geduldeter fühlende Jude, welcher ehrfurchtsvoll vor dem ärmsten ihm begegnenden Araber vom Pferde steigen musste, wächst mit jedem Tage des neuen italienischen Regimes zum freien, gleichberechtigten Bürger eines zivilisierten Grossstaates heran. Sehr zeitgemäss ist seit März d. J. die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Tripolis mit ihren Wohltätigkeitsanstalten und richterlichen Funktionen der Kontrolle seitens der italienischen Zivilverwaltung unterstellt. Aber auch die Israeliten Italiens ziehen nicht geringen moralischen Nutzen aus der Besetzung des Landes. Beispielsweise sei hier nur darauf hingewiesen, dass im Verfahren des öffentlichen Wettbewerbs einer der grössten jüdischen Mittelmeerfirmen, Almagiä, die Ausführung der Hafenbauten in Tripolis in Höhe von über 2V? Millionen Franken übertragen wurde, nicht nur weil sie weniger verlangte als die anderen Firmen, sondern auch wegen des freiwillig gegebenen Versprechens, dass, falls sich bei Beendigung der Bauarbeiten irgend ein Gewinn über den Selbstkostenpreis hinaus ergeben sollte, dieser dem Fonds zugunsten der Hinterbliebenen von im Kriege gefallenen italienischen Soldaten zufliessen würde. Auf diese Weise will sie wenigstens mit ihrem Gelde und ihrer Tätigkeit zum Gelingen des Feldzuges beitragen, da einer der Söhne des Hauses die gewünschte Verwendung als Freiwilliger auf dem Kriegsschauplatze nicht hat finden können. Ebenfalls einem Israeliten, dem hervorragenden Elektrotechniker und wissenschaftlichen Leiter der Weltfirma Pirelli, Emanuele Jona, ist die schwierige Aufgabe zugefallen, vom Bord eines. italienischen Kriegsschiffes aus sämtliche türkische Unterseekabel im Aegäischen Meer durchzuschneiden. Für die glänzende Leistung erhielt er eine Belobung des kommandierenden Admirals. Weit grösser dürfte noch mit der Zeit die moralische und intellektuelle Einwirkung des afrikanischen Judentums auf das italienische und umgekehrt werden, wenn man bedenkt, dass die nur etwa 50 000 Seelen starke italienische Judenschaft durch die neuen Kolonien einen bedeutenden prozentuellen Zuwachs frischen Blutes, frischer Lebenskraft und orthodoxer Elemente, die im Mutterlande bereits sehr selten geworden sind, erhält! Was die orthodoxe Gesinnung der tripolitanischen Juden betrifft, so zeigte sich diese auch öffentlich bei den Feierlichkeiten, welche sich im Mai an die Auffindung eines Skeletts knüpften, das man von jüdischer Seite für das des Wunderrabbis Simon Sabi erklärte, der vor Jahrhunderten um seines Glaubens willen den Märtyrertod erlitten hatte. —Wollte man einen Vergleich anstellen, so könnte man etwa an die Wechselwirkung denken, welche die Annexion ehemaliger polnischer Landesteile auf die Judenschaft Deutschlands ausgeübt hat. Im übrigen bietet sich jetzt mehr denn je für die Juden Gelegenheit, ihre seit dem Mittelalter so glänzend bewährte Geschicklichkeit als Vermittler zwischen Europa und dem Orient zu betätigen und dadurch die beiden so verschiedenen Kulturkreise einander anzunähern.