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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 521 - 522

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland
Date
1912-06-01
Page
Seite 521 - 522 (sequence 5)
Language
German
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52t Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. 522 831 — mit 5 oder auch mit 10 oder gar mit 15 multipliziert, so bekommt man doch erst Ziffern von ungefähr 4000, 8000 oder im besten Falle 12 000. Das aber scheinen, — so wenig man auch an die bescheidenen Zahlenverhältnisse der deutschen Judenheit den Massenmassstab legen darf, — denn doch keine zureichenden Hebel für eine umwälzende Berufsumschichtung zu sein. Freilich denkt der Verfasser offenbar an eine weit höhere Vervielfachung der jüdischen Beamtenzahl, als oben angenommen wurde und hätte wohl nichts daran auszusetzen. Denn wir hören ja, dass ihn auch der gegenwärtige (1907) löprozentige Anteil der Juden im Rechtsanwaltstande zufriedenstellen würde, wenn nur auch für eine Verteilung der jüdischen Anwälte über die kleinen und mittleren Städte gesorgt wäre. Aber es ist noch sehr die Frage, ob beim Beamtenstand wirklich dieselbe Erweiterung der Aufnahmegrenzen für Juden möglich ist, wie beim Anwaltsstande. Und dann, wie könnte eine solche Berufsumschichtung, wenn sie möglich wäre, im Sinne der Annäherung der jüdischen Berufsgliederung an die allgemeine wirken? In der Rechtspflege ist der Prozentsatz des jüdischen Anteils an sich ein günstiger. Es gab im Jahre 1907 906 jüdische Richter, das sind 4,28 Prozent. Aber diese Richter gehören fast ausschliesslich der ersten Instanz an. Namentlich tritt die Tendenz zu Tage, die Juden von den Dirigentenstellen fernzuhalten. Dies erkennt man am leichtesten, wenn man die Zahl der Getauften mit berücksichtigt, die da sogar einen Vorsprung gegenüber den christlich Geborenen aufweisen. Staatsanwalt ist überhaupt keiner von den 155 Juden, die bis 1907 im Justizdienste verblieben, geworden. Dagegen von den 108 Getauften 3. Die Justizverwaltung setzt also ,,gewissermassen eine Prämie auf die Taufe." Das jüdische Lehrpersonal hat von 1895 bis 1907 nur um 3 Prozent zugenommen, während gleichzeitig die Gesamtzahl der Lehrer um 27 Prozent wuchs. Infolge dessen ist der Anteil der Juden am Lehrerberufe von 1,44 im Jahre 1895 auf 1,16 im Jahre 1907 zurückgegangen. In bezug auf die Gruppen der Volksschul- und Mittelschullehrer liegen keine besonderen konfessionellen Zahlen für das ganze Reich vor. In Preussen gab es im Jahre 1896 noch 405 jüdische Volksschullehrer, 1906 nur 386. Da an evangelischen und katholischen Volksschulen überhaupt keine jüdischen Lehrer beschäftigt sind, an der paritätischen Volksschule kaum ein Viertel angestellt ist, (wobei der Prozentsatz des Anteils sich so ziemlich gleich geblieben ist), so ist der Rückgang der Zahl der jüdischen Volksschullehrer auf die Abnahme der jüdischen Volksschulen (von 246 im Jahre 1896 auf 240 im Jahre 1906) zurückzuführen. Diese ist jedoch wieder dem Umstände zuzuschreiben, dass die jüdische Schülerzahl in den jüdischen Schulen infolge der rückläufigen jüdischen Geburtenzahl undfder Abwanderung der Juden aus den kleinen Städten in stetigem Sinken begriffen ist. Im Jahre 1896 gab es noch 8123 jüdische Schüler in den jüdischen Volksschulen, 1901 nur noch 6937, 1906 aber gar nur mehr 6065. ,,Der Hauptgrund aber für das Fehlen von Juden in evangelischen und katholischen Schulen, trotzdem an ihnen ein, wenn auch nicht hoher Prozentsatz jüdischer Schüler vorhanden ist, und für den Rückgang überhaupt liegt in der eigenartigen rechtlichen Behandlung, welche die jüdischen Lehrer im preussischen Volksschulrecht gemessen." Das Volksschulunterhaltungsgesetz vom Jahre 1906 sowie die Haltung der Regierung widersprechen dem Bundesgesetze vom 3. Juli 1869 ,,betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung.'4 Während an den Volksschulen der Prozentsatz der jüdischen Lehrer dem der jüdischen Schüler noch einigermassen entspricht, ist das Missverhältnis an den Mittelschulen besonders stark. Im Jahre 1906 gab es in Preussen 36 jüdische Mittelschullehrer, die aber damit noch kein halbes Prozent sämtlicher Lehrkräfte bildeten, während Schüler und Schülerinnen an den preussischen Mittelschulen zu fast 5 Prozent jüdisch waren. Noch weit schlimmer ist das Missverhältnis an den höheren Lehranstalten Preussens. Dagegen wird in den höheren Lehranstalten Bayerns der Prozentsatz der jüdischen Schüler vom Prozentsatz der jüdischen Lehrkräfte oft erreicht, ja auch überstiegen. Von den jüdischen Hochschullehrern Deutschlands waren 1909/10 auf der juristischen Fakultät nur 22, auf der medizinischen Fakultät nur 5, auf der philosophischen Fakultät nur 17 Prozent Ordinarien, und nur 22, 4 und 7 Prozent Extra- Ordinarien. Die entsprechenden Zahlen auf christlicher Seite waren 59, 27 und 44 bzw. 5V2, 3K und 4; auf Seite der getauften Juden dagegen 62%, 12V2, 24 bzw. 0,42 und 9. Von 100 Aerzten waren im Jahre 1895 5 Juden, im Jahre 1907 waren es 6. Ganz pessimistisch verhält sich der Verfasser der Schrift gegenüber dem Bestreben, die deutschen Juden der Landwirtschaft zuzuführen, und er warnt vor einer Verwechslung des Strebens, die Juden über das Land hin zu verbreiten, mit der falschen Tendenz der „Rückkehr" zur Landwirtschaft. Trotzdem konstatiert er, hauptsächlich auf Grund des Einströmens sowohl der Gesaintals der jüdischen Bevölkerung in die Industrie, — der einen aus der Landwirtschaft, der anderen aus dem Handel — eine Annäherung der Juden an die Gesamtbevölkerung in Hinsicht auf die Berufsgliederung. Eine solche Annäherung sieht er auch mit Bezug auf die soziale Schichtung sich vollziehen. In der Tat ist auch bei den Juden die Schicht der Angestellten auf Kosten der Selbständigen gewachsen. Aber der Prozentsatz der Selbständigen beträgt 1907 bei den Juden noch immer 53,84 gegen 29,10 bei der Gesaintbevöl-

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