Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 523 - 524 (sequence 6)
- Language
- German
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523 Die beruflichen und. sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. 524 kerung. Und man darf nicht vergessen, dass die Landwirtschaft, die doch gerade eine so grosse Anzahl von Arbeitern und mithelfenden Familienangehörigen stellt, für die Juden als Erwerbsquelle gar nicht in Betracht kommt, und in der Industrie eine soziale Umschichtung der jüdischen Erwerbstätigen schon wegen der numerischen Schwäche der zur Verfügung stehenden Kräfte in besonderem Masse nicht zu erwarten ist. Heute sind 76,34 Prozent der in der Industrie erwerbstätigen Gesamtbevölkerung Arbeiter (die mithelfenden Familienangehörigen nicht mitgerechnet), bei den Juden dagegen nur 35,81 Prozent. Zu den Zeichen der besprochenen Annäherung wird auch die wachsende Anteilnahme des weiblichen Geschlechtes am Wirtschaftsleben der Juden gerechnet. Im Jahre 1882 waren von den deutschen Jüdinnen nur 15,94 Prozent erwerbstätig, 1895 waren es schon 21,97 und 1907 bereits 30 Prozent. Hierbei sind allerdings auch die Selbständigen ohne Beruf, die gerade unter den Frauen stark vertreten sind, mitgerechnet. Aber auch wenn man diese ausscheidet, bleibt noch immer die Zunahme der erwerbstätigen Jüdinnen beträchtlich. Während es im Jahre 1895 insgesamt 33 129 waren, betrug ihre Zahl im Jahre 1907 schon 48 976. Das ist eine Zunahme um 47 Prozent gegenüber 44 bei der gesamten deutschen Frauenbevölkerung. Was speziell die soziale Schichtung betrifft, hat sich die Zahl der jüdischen weiblichen Angestellten im Handel von 1895 bis 1907 verfünffacht. Im öffentlichen Dienst und in den freien Berufen hat sich die Zahl der jüdischen weiblichen Angestellten im selben Zeitraum versiebenfacht. Von den erwerbstätigen jüdischen Frauen des Jahres 1907 waren 33 Prozent selbständig, 13 Prozent Angestellte, 29 Prozent Arbeiterinnen und 25 Prozent mithelfende Familienangehörige. Im übrigen findet der Verfasser wohl nicht den Eintritt der jüdischen Frau ins Wirtschaftsleben, aber die Intensität und Rapidität, mit der er sich vollzieht, bedenklich. Er führt diese Erscheinungen auf das Streben, nach aussen hin glänzend aufzutreten, und auf die steigenden Mitgiftansprüche der jungen Männer zurück. Sombart hat den Anteil der Juden an der Bevölkerung von 30 deutschen Städten, dann ihren Anteil an den Steuerkontingenten dieser Städte festgestellt. Bei der Gegenüberstellung fand er, dass der letztere den ersteren um ein Vielfaches übertreffe (z. B. in Posen 24,2 Prozent gegen 4,21 Prozent) und schloss daraus, dass die Juden um ein Vielfaches reicher seien als die übrige Bevölkerung. Aber dieser Schluss entspricht, wie in der besprochenen Schrift dargelegt wird, nicht den tatsächlichen Verhältnissen. Die Juden in den Städten besitzen infolge des geringen Kinderbestandes und der Zuwanderung einen höheren Prozentsatz von steuerfähigen Personen, daher auch von Zensiten. Dann kann das Bild, das aus den Sombartschen Tabellen gewonnen wird, nicht zutreffend sein, weil fast nur grosse Städte und nur eine kleine Zahl derselben berücksichtigt sind. (Im Westen und Osten sind die Verhältnisse ganz entgegengesetzt.) Auch sind die kleinen jüdischen Gemeinden, namentlich im Osten, völlig ausser acht gelassen. Man hat also in den Sombartschen Tabellen „nur eine finanzielle Auslese der Juden vor sich". Ferner darf man nicht übersehen, dass gerade in den grossen Städten ein grosses nichtjüdisches Proletariat sich zusammendrängt, durch das die von den Juden dieser Städte aufgebrachte Steuersumme um so höher erscheint, während andererseits die kapitalskräftigen nichtjüdischen Grossgrundbesitzer im Sombartschen Bilde nicht mit einbegriffen sind. Weiter hat Sombart nur die Steuern physischer Zensiten zum Vergleiche herangezogen, dagegen die Steuern nichtphysischer Zensiten, wie z. B. der grossen rheinischen und schlesischen Bergwerksgesellschaften, an denen fast nur nichtjüdische Kapitalien beteiligt sind, vollständig vernachlässigt. Endlich hat Sombart es verabsäumt, die Steuerpflichtigen nach Einkommenklassen zu unterscheiden. Dadurch müssen sich in Gemeinden mit grossen sozialen Gegensätzen Fehler ergeben, indem ein sehr reicher Mann das Bild für tausend arme Leute rosig färbt. Diese Polemik gegen Sombart ist an wissenschaftlicher Selbständigkeit vielleicht der beste Teil der Schrift. Ihre Hauptbedeutung aber liegt in der übersichtlichen Entfaltung des Materials bis zur Problemreife, und dieser Artikel hatte vor allem den Zweck, in völliger Anlehnung an den Autor, dem Leser einen Abriss dieses Materiales zu vermitteln. Denn die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland sind etwas, was nicht länger ausserhalb des Interesses der jüdischen Gesellschaft bleiben darf.