Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 519 - 520 (sequence 4)
- Language
- German
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519 Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. 520 bau und der Erzeugung von Werkzeugen tätigen jüdischen Selbständigen und Beamten (also ohne Arbeitgeber) um 132,8 Prozent vermehrt, im Bergbau und Hüttenwesen um 121,4, in der Lederfabrikation um 68,5, in der Metallverarbeitung um 67,3, in der chemischen Industrie um 62,5, in Kunst und Kunstgewerbe um 55,9, im Baugewerbe um 55,2, in der Gewinnung forstwirtschaftlicher Nebenprodukte um 45,1, im graphischen Gewerbe um 43,4, in der Bekleidungs- und Reinigungsindustrie um 40,2, in der Industrie der Steine und Erden um 37, in der Textilindustrie um 36,6, in der Papierindustrie um 33,8, in der Erzeugung von Holz- und Schnitzstoffen um 14,6, in der Nahrungs- und Genussmittelbranche (die die zweitgrösste Zahl jüdischer Erwerbstätiger enthält) um nur 6 Prozent, (wöbei sogar die Zahl der Selbständigen zurückging). Nehmen wir wieder den Anteil der Juden an der Gesamtzahl der industriellen Erwerbstätigen, so können wir eine Erhöhung in folgenden Berufsgruppen konstatieren: Bergbau...... von 0,03 % auf 0,36 O ' 0 Metallverarbeitung . .? > 0,19 % „ 0,24 0. . 0 Chemische Industrie . ) ) 0,92 % „ 0,98 0 ' / 0 Textilindustrie . . . 11 0,27 % „ 0,33 0/ /o Lederindustrie .... J > 0,81 % „ 1,04 0/ ,0 Holzu. Schnitzstoffe » 5 0,23 % „ 0,27 0/ / Ü Bekleidung und Reinigung....... J 5 1,19% „ 1,49 0 ' 0 Baugewerbe..... y > 0,13% „ 0,15 0 ' /o Künstler und Kunstgewerbe ..... > i 0,89 % ., 1,06 0 ' , 0 Fabrikanten, Fabrikarbeiter u. Gehilfen, deren nähere Erwerbstätigkeit zweifelhaft bleibt . . . „ 0,54 % „ 1,63 % Hierbei sind alle drei sozialen Schichten der Industrie (a. Selbständige, leitende Beamte und sonstige Geschäftsleute, b. nichtleitende Beamte, wie überhaupt das wissenschaftlich, technisch und kaufmännisch gebildete Personal, c. sonstige Gehilfen, Lehrlinge, Arbeiter) berücksichtigt. Fasst man aber den Anteil speziell der ersten Schicht ins Auge, so zeigt sich ebenfalls durchwegs eine erhebliche Steigerung der Prozentsätze, die aber auch schon an und für sich viel höher sind. So sind z. B. in der chemischen Industrie, die die höchsten Ziffern aufweist, im Jahre 1895 3,43 Prozent aller selbständigen oder leitenden Industriellen Juden gewesen. Im Jahre 1907 waren es schon 5,28 Prozent. Im übrigen legt der Verfasser der Schrift gerade auf diese Schicht der Unternehmer besonderes Gewicht. Darauf, dass ihr Anteil an der Industrie im Steigen begriffen ist, kommt es nach ihm hauptsächlich an, ,,wenn man eine annähernd richtige Vorstellung von der wachsenden Bedeutung der Juden in der Industrie gewinnen will, nicht aber darauf, in welcher Stärke die Juden als Lohnarbeiter vertreten sind." Dieser Satz wäre sicherlich weniger richtig, wenn es grosse jüdische Arbeitermassen in Deutschland gäbe, und der Anteil der deutschen Juden an der industriellen Lohnarbeiterschaft nicht vielmehr so winzig wäre (z. B. 0,07 Prozent in der Textilindustrie, und, die höchste Ziffer, 0,73 Prozent in der Nahrungs- und Genussmittelbranche.) Aber andererseits scheint diese so überaus schwache Vertretung der Juden im Arbeiterstande, mit Rücksicht auf die starke Divergenz zwischen jüdischer und allgemeiner Berufsschichtung sowie auf die, wie wir sehen werden, vom Verfasser gewünschte Annäherung des beiderseitigen wirtschaftlichen Typenbildes, doch nicht gleichgültig zu sein. Es ist den meisten nicht bekannt, dass es in Deutschland eine ganz beträchtliche Anzahl jüdischer Handwerker gibt, über deren wirtschaftliche Lage wir allerdings so gut wie gar nicht unterrichtet sind. Es sind ca. 40 000 erwerbstätige Personen, so dass man von 90 000 deutschen Juden, die durch Handwerk ihre Nahrung finden, sprechen kann. Und diese Ziffer — der jüdischen Bevölkerungszahl (für das Jahr 1905) von 607 862 gegenübergestellt — ist gewiss sehr bedeutend. Im einzelnen nimmt die Bekleidungsindustrie die erste Stelle ein. Es gibt in Deutschland 14 422 jüdische Schneider, wovon 6125 Selbständige, 3452 Angestellte und 4303 Arbeiter, ferner mehr als 7000 jüdische Fleischer und fast 1500 Bäcker. Schuhmacher sind mehr als 1800 da. Was die Hauptabteilung „Oeffentlicher Dienst und freie Berufe" betrifft, so ist für die Beamtengruppe die bemerkenswerte Tatsache zu konstatieren, ,,dass der Prozentsatz der Juden unter den höheren Reichs- und Staatsbeamten durchaus nicht ungünstig ist: er beträgt nämlich 1,93. Würden nicht so zahlreiche Juden gerade unter den höheren Beamten sich vom Judentum losgesagt haben, so wäre die Vertretung der Juden in dieser Berufsschicht noch viel höher." Dagegen beträgt der Prozentsatz der Juden unter den Reichs- und Staatsbeamten mittleren Ranges nur 0,35, und unter den niederen Reichs- und Staatsbeamten gar nur 0,17 Prozent. (In den kommunalen Aemtern weisen alle Beamtenränge sehr niedrige jüdische Prozentziffern auf.) Anknüpfend an diese Feststellungen fordert der Verfasser eine stärkere Heranziehung der Juden zum mittleren und niederen Reichs-, Staats¬ und Kommunaldienst, resp. einen Kampf um Zulassung zu den betreffenden Aemtern. Diese Forderung ist sicherlich gerecht. Doch scheint er seine Erwartungen zu weit zu spannen, wenn er sich von der Durchsetzung seines Desiderates eine zweckmässige örtliche Verteilung der Juden im Gegensatz zu der heutigen für die Erhaltung des Judentums so gefährlichen Massenansiedlung in den grossen Städten verspricht oder sie gar als die einzige ,,Möglichkeit einer Berufsumschichtung" der deutschen Juden betrachtet. Denn wenn man die Zahl der jüdischen mittleren und niederen Beamten im Jahre 1907 — sie beträgt