Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 517 - 518 (sequence 3)
- Language
- German
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517 Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. 51S bei ihnen der Uebergang der berufslosen, von den Erwerbstätigen miterhaltenen Angehörigen zur eigenen Erwerbstätigkeit im Hauptberufe nicht in dem Masse stattfindet, wie bei der übrigen Bevölkerung, die der Industrie die Arbeiterheere stellt, und die Landwirtschaft an Stelle der feldflüchtigen männlichen Arbeiter mit weiblichen, früheren ,,Angehörigen'*, versorgt. Soweit übrigens auch bei den Juden eine Abnahme der Bevölkerungsgruppe ,,Angehörige" stattfand, ist sie ebenfalls auf eine stärkere aktive Beteiligung des weiblichen Geschlechtes am Wirtschaftsleben zurückzuführen. Wie gross der Unterschied zwischen der allgemeinen und der jüdischen Berufsgliederung ist, wird am besten aus den Prozentziffern der sechs Haupt-Berufsabteilungen ersichtlich. Wir erfahren, dass im Jahre 1907 ihre Nahrung fanden: Von der Landwirtschaft 28,7 Prozent der Gesamtbevölkerung gegen 1 Prozent der jüdischen Bevölkerung; von Industrie und Gewerbe 42,7 gegen 22,6 Prozent; von Handel und Verkehr 13,4 gegen 55,2 Prozent; vom häuslichen Dienst (nicht Dienst im] Haushalt der Dienstgeber) und Lohnarbeit wechselnder Art 1,3 gegen 0,3 Prozent; als beruflose Selbständige (hauptsächlich Rentner einerseits und Anstaltsinsassen andererseits) 8,4 gegen 14,2 Prozent. Diese Gegenüberstellungen beziehen sich auf die ganzen beiderseitigen Bevölkerungsmassen, also einschliesslich der „Angehörigen" und der im Haushalte der Dienstgeber lebenden Dienstboten. Berücksichtigt man aber bloss die (im Hauptberufe) Erwerbstätigen, dann verändern sich die Prozente der in den einzelnen Berufsabteilungen Tätigen einigermassen. Aber im grossen und ganzen bleiben die charakteristischen Unterschiede zwischen der allgemeinen und der jüdischen Berufsgliederung bestehen. Vergleichen wir wieder nur in bezug auf die Erwerbstätigen die jüdischen Berufszahlen von 1895 und 1907 mit einander, so gewinnen wir folgendes Bild: 1895 bzw. 1907 oblagen 56,02 bzw. 50,56 Prozent der erwerbstätigen deutschen Juden dem Handel und Verkehr; 19,30 bzw. 21,87 Prozent der Industrie; 16,73 bzw. 19,24 Prozent waren beruflose Selbständige; 6,14 bzw. 6,54 Prozent wirkten im öffentlichen Dienst und freien Berufen; 1,41 bzw. 1,30 Prozent waren in der Landwirtschaft hauptberuflich tätig und 0,37 bzw. 0,46 Prozent leisteten häusliche Dienste (nicht im Haushalte der Dienstgeber). Wir sehen also eine merkliche Verschiebung der Berufsgliederung seit 1895: die Beteiligung der Juden am Handel, wiewohl sie absolut genommen noch stieg (von 133 451 auf 145 606 Erwerbstätige), ist prozentuell erheblich zurückgegangen. Die Beteiligung an der Industrie ist nur wenig gestiegen. Die Masse der berufslosen Selbständigen ist beträchtlich gewachsen. Im ganzen aber blieb der allgemeine Charakter der Berufsverteilung gewahrt, vor allem dadurch, dass die Landwirtschaft für das jüdische Erwerbsleben nach wie vor fast ausgeschaltet war. Die Beteiligung ■ der Juden am Handel ist nicht nur innerhalb der Berufsgliederung der Juden, sondern auch namentlich im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Rückgang begriffen. Während die Zunahme der Erwerbstätigen im Handelsgewerbe von 1895 bis 1907 bei der Gesamtbevölkerung 53,8 Prozent betrug, betrug sie bei den Juden nur 9,1 Prozent. Die Abnahme der Beteiligung der Juden am Handel kommt auch in den vier grossen Berufsgruppen des Handels, Handelsgewerbe (im engeren Sinn), Versicherungsgewerbe, Verkehrsgewerbe, Gast- und Schankwirtschaft, zum Vorschein. Und dann weiter in den verschiedenen Berufsarten der vier Berufsabteilungen. So sehen wir, dass z. B. im Waren- und Produktenhandel im stehenden Geschäftsbetrieb, der die Hauptmasse aller erwerbstätigen Juden umfasst, die Zunahme von 1895 bis 1907 nur 9 Prozent betrug — gegenüber 46 Prozent bei der Gesamtbevölkerung. Im Geldhandel ist die Differenz ganz exorbitant. Die betreffenden Prozentzahlen sind für die Juden 14, für die Gesamtbevölkerung 97. Diesen Zahlen entsprechen natürlich auch die Zahlen, welche den Anteil der Juden in den einzelnen Berufsarten ausdrücken. Während 1895 von den im Waren- und Produktenhandel Erwerbstätigen 10,9 Prozent Juden waren, waren es im Jahre 1907 nur mehr 8,1 Prozent. Im Geld- und Kredithandel sind die entsprechenden Ziffern 13,8 und 7,9. Der Hauptgrund für den Rückgang des jüdischen Handels ist darin zu suchen, dass die Juden sehr stark am kleinen und mittleren Detailhandel beteiligt waren und gerade dieser in den letzten Zeitläuften von verschiedenen Seiten bedrängt und geschädigt wurde und wird. Da sind die Konsumvereine, die Genossenschaften, das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen, vor allem aber die Versandgeschäfte und Warenhäuser, die den Rückgang speziell der selbständigen Unternehmer bedingen. Nach einer Angabe von Hirsch waren unter den Rayonchefs bei Leonhard Tietz (Cöln) 20 Prozent ehemalige selbständige Kaufleute. Dass unter solchen Verhältnissen die Zahl derjenigen, welche sich dem Handelsgewerbe zuwenden wollen, sinken muss, liegt auf der Hand. Der Rückgang des jüdischen Geldhandels ist in der siegreichen Konkurrenz, die die Grossbanken dem Privatbankierstande machen, begründet. Mit diesem Stande schwindet auch allmählich der dominierende Einfluss der Juden im Geldhandel. Wie schon gesagt, weist die Industrie hinsichtlich ihrer Anziehungskraft auf die jüdischen Erwerbstätigen eine Entwicklungsrichtung auf, die der des Handels entgegengesetzt ist. Die Zahl der jüdischen Erwerbstätigen in der Industrie überhaupt und in ihren einzelnen Berufsgruppen nimmt von Jahr zu Jahr zu. So hat sich von 1895 bis 1907 die Zahl der im Maschinen-