Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 515 - 516

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland
Date
1912-06-01
Page
Seite 515 - 516 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584026-2601167--13130-2601256
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

515 Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. 516 wenn die Fruchtbarkeitsperiode der Frau schon zum Teile zurückgelegt ist. Oder sie sind schon alt, oder unverheiratet, wie z. B. die Studenten. Oder vermehren nur mit vielen kleinen Kindern die Bevölkerungszahl, ohne die Geburtenquote zu steigern. Jene aber, die Auswanderer, waren zumeist Männer und standen im heiratsfähigen Alter, so dass also ihre ganze Nachkommenschaft für die deutsche Judenheit verloren gegangen ist. Ausser der Aus- und Einwanderung ist es auch noch eine ganz ausserordentlich starke Binnenwanderung, die die Bevölkerungsbewegung und damit die sozialen und beruflichen Verhältnisse der deutschen Juden ganz entscheidend beeinflusst hat. Sie steht mit dem sogenannten Zug in die Stadt in innigstem Zusammenhang. Wie stark dieser Zug ist, geht z. B. für Preussen aus folgender Liste hervor, in der man namentlich die Steigerung in der zweiten und dritten und die Abnahme in der letzten Horizontalreihe beachte. Von 100 Juden wohnten in: 1^85 1900 1905! 1910 Berlin....... 17.56 23.50 24.14 21.62 Sonstige Städte über 100000 Einwohner . . 15.11 25.70 30.93 37.87 Zusammen über 100000 32.67 49 20 55.07 59.49 Städte mit 50000 bis 100000 Einwohner . . 5 85 5.84 5 95 3.98 Städte mit 20000 bis 30000 Einwohner . . 7.65 ' 9.20 8 43 815 Unter 20000 Einwohner . 53 83 44.76 30.55 28 38 Zusammen 100.00 100.00 100.00 100.C0 Nun ist allerdings der Zug in die Stadt ein allgemeiner, dem die Gesamtbevölkerung unterlegt, aber er wirkt auf die Juden mit ganz anderer Intensität. Man bedenke, dass im Jahre 1905 nicht weniger als 16,26 Prozent aller deutschen Juden, aber nur 3,36 Prozent der Gesamtbevölkerung in Berlin wohnten. Für Städte zwischen 50 000 und 500 000 Einwohner waren die entsprechenden Zahlen 51,68 und 21,07 Prozent. Die Frage nach der gegenwärtigen Stärke der jüdischen Volksvermehrung in Deutschland veranlasst den Verfasser der Schrift, über die hier referiert wird, zu einer Polemik, die nicht ausdrücklich, aber offensichtlich gegen die bekannte Theilhabersche Schrift ,,Der Untergang des deutschen Judentums" gerichtet ist. Gewiss, das Bild, das die Ziffern der letzten Jahre bieten, ist kein freundliches. Im Durchschnitte der Jahre 1906—1909 kommen in Preussen auf 1000 Personen der Gesamtbevölkerung 32,85, auf 1000 Juden 17,29 Lebendgeburten. In Bayern sind die entsprechenden Zahlen 33,65 und 16,27, in Württemberg (1906—1908) 32,55 und 15,54, in Hessen 29,92 und 19,07. Nach Abrechnung der Ziffern der Todesstatistik, die für die Juden etwas günstiger ist, als für die Gesamtbevölkerung-, ergibt sich für diese eine natürliche Zunahme in Preussen von 15,17, in Bayern von 12,86, in Württemberg von 13,53, in Hessen von 14,09, für die jüdische Bevölkerung aber von 3,39, 3,32, 1,28 und 5,29 pro 1000 Personen. „Wir verkennen keineswegs den Ernst der Situation . . . aber gerade deswegen dürfen wir uns nicht damit begnügen, den deutschen Juden ihren Fortbestand und ihre Lebensfähigkeit abzusprechen, sondern wir müssen mit Ruhe und Objektivität den Ursachen nachspüren, welche diesen Tiefstand herbeigeführt haben, einmal, weil es erforderlich ist, den Vorwurf zu entkräften, dass die deutschen Juden gewissermassen absichtlich an ihrem Niedergange schuld sind, und zweitens, weil man nur so die Mittel und Wege erfahren kann, welche zu einer Heilung führen können/' Zu solchen äusseren Ursachen, „die teils vom Wirken der einzelnen gänzlich unabhängig sind, teils nur lose mit ihm im Zusammenhang stehen", wird nun in erster Linie die grosse, mehrerwähnte Abwanderung („Uebereinstimmung zwischen der Stärke der Abwanderung und der Stärke des Rückganges der Geburten") gezählt. Dann aber auch die Binnenwanderung, bzw. der Mangel an eheschliessenden Männern auf dem Lande und die veränderten Heiratsverhältnisse in der grossen Stadt. Schliesslich die Umwandlung, die in den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der deutschen Juden während der letzten 25 Jahre vor sich gegangen ist. Allerdings werden diesen äusseren Ursachen gegenüber auch innere, und zwar speziell Taufe und Mischehe, in ihrer Gefährlichkeit aufgewiesen und so das Moment der „Schuld" doch wieder eingeführt. Dies um so mehr, als sichs der Verfasser der Schrift als ausschlaggebenden Einzelwillen auslegt. Auf die schwache Volksvermehrung der Juden, sowie überhaupt auf ihre ungünstigen Wachstumsprozente führt nun Friedrich Naumann die Erscheinung zurück, dass die Zahl der (im Hauptberufe) erwerbstätigen Juden sich um so viel langsamer vermehrt, als bei den anderen Bekenntnissen. Gegenüber einem Zuwachs von 39 Prozent bei den Katholiken und von 32 Prozent bei den Evangelischen weisen nämlich die jüdischen Erwerbstätigen nur einen Zuwachs von 17 Prozent auf. Doch wird man dieses Zurückbleiben nicht so einfach erklären können. „Naumann wendet einen und denselben Gesichtspunkt auf zwei ganz verschiedene Volksmassen an. Er übersieht dabei vollständig, dass er inkommensurable Grössen vor sich hat." Die entscheidende Ursache der Differenz muss vielmehr darin gefunden werden, dass die deutschen Juden eine Berufsgliederung aufweisen, die von derjenigen der anderen Bevölkerung abweicht. Sie sind nämlich vorwiegend am Handel und an den freien Berufen beteiligt, bei der Industrie sind sie in der Lohnarbeiterklasse schwach vertreten, und in der Landwirtschaft kommen sie überhaupt nicht in Betracht. Das hat aber zur Folge, dass

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.