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Ost und West · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 463 - 464

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Article
Die Geschichtslüge über Leopold Zunz
Date
1912-05-01
Page
Seite 463 - 464 (sequence 4)
Language
German
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463 Prof. hr. Kalischer: Eine Geschiehtslüge über Leopol«! Zunz. 464 die unerschütterlichste Inwandelbarkeit offenbarte un<l trotz seines Scharfsinns, seiner Skeptik und seiner Gelehrsamkeit dennoch treu blieb dem gegebenen Worte, der grossmütigen Grille seiner Seele". «Zwanzig Jahre waren vergangen, seitdem der „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" (welcher von Xuns. Gans und Moser gegründet war, und dem Ludwig* Marcus und Heine selbst angehört hatten) Schiffbruch erlitten hatte. Wie scharf er auch die egoistische Fahnenflucht von Gans; der an der Spitze des Vereins gestanden, geisselt, — für Zunzens Treue hat Heine, der seine eigene Taufe bald verleugnet, oder ignoriert, auch gar ironisiert, keine andere Erklärung als Grossmut, und diese qualifiziert er. vielleicht zu seiner eigenen Entlastung, eben als Grille! Man sieht, in dem ."Briefe an Frau v. Eonin figuriert ein von Heine über Zunz im Jahre 1844 abgegebenes l'rteil als ein Ausspruch Zunzens über sich selbst, und dazu als ein ihm seit langen Jahren geläufiges Diktum! Hat dieses Quiproquo die Verwandlung der grossmütigen Grille in die grosse Grille verschuldet? Konnte doch Zunz selbst unmöglich von seiner eigenen Gn»ssmut sprechen! Aber klingt nicht auch die ,,grosse Grille" aus Zunzens eignem Munde noch absonderlich und unnatürlich genug, um den Verdacht bewusster Absicht hei ihrer Erfindung auszusehliessen? ,.Die grosse Grille seiner Seele" hat in der Tat einen anderen Ursprung, der freilich nicht rühmlicher ist und nichts weniger als ihre Echtheit legitimiert. Wie und was Heine 1844 geschrieben, d.h. grossmütige Grille seiner Seele und zwar ohne Anführungszeichen. — genau so ist in allen Heine-Ausgaben ohne Ausnahme und insbesondere auch in der kritischen Heine-Ausgabe von Karpeles zu lesen. Die „grosse Grille seiner Seide" (und zwar mit Anführungszeichen) entstammt eben nicht einmal der primären Quelle, sie ist vielmehr das — obenein noch missdeutete — Plagiat eines unglücklichen Schreib- oder Gedankenfehlers in Karpeles' ..Geschichte der jüdischen Literatur" (Herlin 1866!) Dort heisst es (S. 1107) von. Zunz: „er ist in der Zeit der allgemeinen Fahnenflucht „der grossen Grille seiner Seele" treu geblieben". Durch die Anführungszeichen ist der Abschreiber angeführt und verführt worden. Er hat „die grosse Grille seiner Seele** für Zunzens eigene Worte genominen und dieselben dahin interpretiert, uass „Zunz selbst damit seinen Eutsclduss. es anderen nicht nachzutun, bezeichnete". — Dabei freilich hat er übersehen oder auch nicht gewusst, d;iss Zunzens Grille, geboren erst im Jahre 1844, in der Jugenderinnerung der Kaiserin einen gewaltigen Anachronismus bedeutet. Und wie die ganze Zunzepisode ist mit solchem Anachronismus auch ein Artikel behaftet, den die „Tägliche Rundschau" zur zeit veröffentlicht hat [21. August 1890 Beilage] — um die Echtheit der Briefe zu verteidigen. Derselbe ist speziell der Zunzepisode gewidmet, knüpft zufälligerweise (?) auch an Karpeles' Geschichte der jüdischen Literatur an und schöpft aus derselben. Die sogenannten „Massentaufen", durch welche — nach einer übrigens gänzlich unbegründeten Legende — die "Berliner Gemeinde die Hälfte ihrer Seelen verloren haben soll, beziehen sich auf die ersten dreissig Jahre nach dem Tode Mendelssohns, nicht aber auf die zwanziger und dreissiger Jahre dieses Jahrhunderts, auf welche die Kaiserin hinweist.?.lue bezwingende Wirkung des Christentums" in Wen zwanziger und dreissiger Jahren aus der Jugenderinnerimg der Kaiserin hatte ihre Höhe bereits überschritten, als die Prinzessin Wilhelm nach Berlin kam. Beginnt doch schon im Anfange des dritten Jahrzehnts die Reaktion gegen den Abfall, und dieselbe ist ausser von Gabriel Riesser nicht am welligsten gerade von Leopold Zunz selbst hervorgerufen. Es darf nur hingewiesen werden auf seine (von der Zensur konfiszierte) Vorrede zu seinen berühmten ,.Gottesdienstlicheii Vorträgen der Juden4* und ebenso auf seine (1837 veröffentlichte) das Selbstbewusstsein der Juden wieder erweckende Schrift über die „Namen der Juden''. Die Kaiserin Augusta lebte noch als Prinzessin Augusta in Weimar, als genau in der Mitte der Zwanziger „viele andere Christen wurden", Zunz aber seine Treue gegen das Judentum bewährte, eben die von Heine als eine grossmütige Grille qualifizierte Treue. Vergebens sucht man vor 1844 in der ganzen Literatur von und über Zunz die Grille, und nach 1844 ist wieder jede Spur von ihr verschwunden. Was aber in Zunzens Leben die Grille bedeutet, welche ihn von der Taufe abgehalten, was er gedacht und gefühlt zur Zeit, als er treu blieb, während die andern abfielen, das wissen wir am besten von ihm selbst aus einem Briefe an seinen Freund Wohlwill im Sommer 1824. Als die ..Sündflut" auch den Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden verschlungen hatte und er viele ,.in die christliche Notreligion" sich flüchten sieht, bleibt — nächst der Ergebung in das Gericht Gottes — die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft sein Trost und Anhalt". „Ich habe getan, was zu tun ich für meine Pflicht hielt. Weil ich gesehen, dass ich in der Wüste predige, habe ich aufgehört zu predigen, doch nicht um dem Inhalte meiner Worte treulos zu werden*'. Sapienti sat . . . ,,Xichts bleibt den Mitgliedern, als. treu sich selber, in ihrem beschränkten Kreise zu wirken und Gott das Weitere zu überlassen". — Das, geehrter Herr Hedakteur, ist meine Antwort auf Ihre Anfrage wegen der Zunzstelle im Briefe der Kaiserin Augusta an Frau v. Eonin. Ich habe meine Antwort nach bestem Wissen gegeben — ohne jede Rücksieht auf Personen oder Parteien. — Eine Fälschung, gleichviel ans welcher Absieht unternommen, wird gewiss am allerersten von den Verehrern der Kaiserin zurückgewiesen. Die Verehrung für Zunz wird durch keinerlei Fälschung irgendwie berührt. Ob die Antisemiten sich freuen, wenn der Brief gegen den Antisemitismus als gefälscht erkannt würde, ist ganz und gar gleichgültig. Die Juden sollen und wollen für ihr Recht kein falsches Zeugnis anrufen. Meine Antwort soll nichts sein, als eine durchaus tatsächliche Aufklärung über die bisher unbeachtet gebliebene Zunzepisode — und wenn durch Ihre Anfrage in der weitere Kreise interessierenden Frage die Wahrheit zu ihrem Recht kommen sollte, so dürfen wir uns im Geiste Zunzens darüber freuen. Die „Tägliche iJundschairhat erklärt, dass in deuBriefen der Kaiserin nur 3 Veränderungen vorgenommen seien, die sich auf zwei Kommata und ein Semikolon beziehen.*) *) Welchen Wert ditv-f Erklärung hat, ergibt sich daraus, dass di«' Herausgeber natürlieh keim- Originale, sondern nur „Abschriften*4 vor Augen gehabt haben. K.

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