Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Die Juden und die deutschen Universitäten
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 429 - 430 (sequence 7)
- Language
- German
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429 Theodor Zlocisti: Die Juden und die deutschen Universitäten. 430 B|J9 Ehe diese" Zeugnisse der Angst um den Futterkorb, des Hochmuts und christlicher Staatsretterei zunächst weiteres Unheil gebären konnten, brach das S}Tstem Eichhorn zusammen. Die ,,Revolution von unten" rollte durch Frankreich wie ein vulkanisches Beben. Die Ordnung wurde erschüttert, die Ordnungen in Stücke gerissen und durcheinandergeworfen. Wie ein glühender Lavastrom entluden sich im Innern tiefster Schichten zusammengepresstes Freiheitsverlangen und Menschenrecht und entzündeten mit ihren Gluten weithin die ausgetrockneten Seelen. Es waren nicht sowohl Juden, die diese heilige Flamme wahrten. Aber ihrer die Besten und Ungestümsten, die Tiefsten und die spielerischsten Feuerwerker hatten zu unermüdlich den Schlaf der Behäbigen und Zufriedenen gestört; und was ihnen gebrach an der Gediegenheit der Enzyklopädisten, tausendfältig ersetzt und übersteigert durch die Gediegenheit ihres persönlichsten Leides und ihres Hasses gegen die Unterdrücker. Frei vom Zwange der Tradition und partikularistischer Sentimentalitäten konnten sie die Gleichheitsidee predigen, konnten sie am leichtesten über alle bürgerlichen Schichtungen und staatlichen Schachtelungen zu grossen Allgemeingcdanken vordrängen, konnten sie — ohne romantischen Vergangenheitsschwarm — die W i r k 1 i c h k e i t Alldeutschlands erschauen, erstrchen. Jüdisch es Schicksal konnte einSymbol der Volkserniedrigung sein. Aber es brauchte ihrer nicht mehr ein Paradigma zu sein. Die fortschreitende Bildung, das entwickelte Zeitungswesen, die Bedeutung von Handel und Gewerbe, der Siegeszug von Technik und Industrie hatten schon den tiefsten Ständen das Bewusstsein ihrer Wertigkeit im Staatsganzen gegeben. Allein: waren bei ihnen schon deutlich Differenzierungen im Sozialen wie in der nationalen und in der Weltanschauung markiert, der Druck von oben — zu unklug, ein einheitliches Bürgertum zusammenzuschweissen — presste die Verschiedengeartetsten dicht aneinander und erzeugte einen Willen, der sich als einheitlicher Volkswille gebärden m u s s t e , ohne im Wesen noch einheitlich zu sein. Dem Andrang dieser Leidenschaft konnte das alte Regime nicht widerstehen. Nur die Leiber konnte die Soldateska niedertreten. Die Seele des neuen Bürgertums war nicht mehr zu zerstören. Der Tisch des Polizeistaates musste abgeräumt werden, dass die magna Charta libertatum darauf Platz fände. Je widerspruchsvoller die Bedingungen und die Ziele der einzelnen Bürgergruppen waren, um so weiter und allgemeiner mussten die Grundsätze der neuen Verfassungen werden! Ihr Lebensgesetz aber konnte nur sein: dass die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte fortan von dem religiösen Glaubensbekenntnisse unabhängig ist. Hatte Friedrich Wilhelm IV. schon im März 1848 die religiöse Gleichberechtigung für die Wahlen zugestanden, so wurde dieses Prinzip Leitmotiv in allen späteren Verordnungen. In der oktroyierten, in der Unionsverfassung, endlich in der beschworenen Urkunde vom 31. Januar 1850 ist von Juden nicht mehr das Wort. Sondern — allgemein — von den Rechten der Preussen. $5 der „Verordnungen über einige Grundlagen derj künftigen Preussisehen Verfassung11 weitet sich zu der Bestimmung des Artikels 12: ,,Die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsgesellschaften und der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Religionsübung wird gewährleistet. Der Genuss der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse. Den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Pflichten darf durch Ausübung der Religionsfreiheit kein Abbruch geschehen/' Für die Zulassung jüdischer Gelehrten zu den Universitäten hatte schon die Zirkular-Verfügung vom 14. Juli 1848 die Folgerungen aus der neugeschaffenen Rechtslage gezogen. Der Kultusminister v. Ladenberg verfügt: In Folge einer an mich gerichteten Anfrage habe ich, mit Rücksicht auf die von des Königs Majestät wegen Unabhängigkeit der staatsbürgerlichen Rechte von dem religiösen Bekenntnisse erteilten Zusicherungen, keinen Anstand nehmen können, zu erklären, dass ich auch alle jüdischen Gelehrten als zulassungsberechtigt zu allen Lehrämtern an den Landes-Universitäten anerkenne, insofern nicht die Natur eines solchen Lehramts das christliche Bekenntnis not w endi g voraussetze. Damit war der Bann gebrochen! Der Arbeit und den Begabungen jüdischer Männer war' die Bahn zu den höchsten Lehrstellen der Universitäten freigelegt. Der Sieg des allgemeinen Freiheitsgedankens hatte allen Hoffnungen der Juden die Erfüllung gebracht. Nur eines blieb noch zu tun übrig: dass die Bureaukratie die klaren Bestimmungen feindselig zerfasernd interpretierte und rückwärtsrevidierte! . . Und das geschah. Planmässig. Und mit deutscher Gründlichkeit! Die Ultras der Kreuzzeitungspartei, die sich als Knechte des Königs gebärdeten und seine Knechter waren, kamen ans Ruder. Die religiöse Heuchelei stand auf der Kommandobrücke. Schamlos und ,,gottesfürehtig" ging der Kurs nach rückwärts. Für den Wind in den Segeln sorgte die „Landratskammer", zu der die Errungenschaft der Märzrevolution, das Abgeordnetenhaus, herabgesunken war. Oktober 1857 übernahm Prinz Wilhelm von Preussen die Regentschaft. Der Flüchtling von 1848 hatte in England die Konstitution kennen und — nicht fürchten gelernt. Oktober 1858 wurde das Ministerium Manteuffel entlassen, und gemässigt liberale, verfassungstreue Männer wie Auerswald, Graf Schwerin, Bethmann Hollweg übernahmen die Regierung. Die Luft wurde wieder rein: das Volk atmete auf. Und die Juden — die Routiniers im Hoffen — sahen das Land der Verheissung im Lenzgold vor ihren Blicken. Und das Wunder begab sich! Aber es fand eine Generation, die nicht mehr die Uebung im Schauen der Wunder hatte wie ihre Ahnen in Ägypten. Die ..liberale/' Regierung entdeckte ihr christliches Herz.