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Ost und West · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 421 - 422

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Article
Die Juden und die deutschen Universitäten
Date
1912-05-01
Page
Seite 421 - 422 (sequence 3)
Language
German
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Theodor Zlocisti: Die Juden und die deutschen Universitäten. 422 ihren. Unvollkommenheiten abhilft." Noch ehe der Friede zu Paris geschlossen war, begründeten sie — am 2t>. September 181(3 — die „heilige Allianz", in der Uebcrzeugung, den Gang der gegenseitigen Verhältnisse den hohen Wahrheiten, die durch das ewige Gesetz Gottes, des Heilandes, eingeflösst werden, unterzuordnen/* Von der Vorsehung bevollmächtigt wollen sie fortan sich sämtlich als ein und dieselbe christliche Nation betrachten und dementsprechend „empfehlen ihre Majestäten ihren Untertanen, .sich von Tag zu Tag in den Grundsätzen und der tätigen Erfüllung der Pflichten zu befestigen, in denen der göttliche Erlöser die Menschen unterrichtet hat." Diese Grundanschauungen haben fortan die Politik der drei Mächte bestimmt. In der durch die Geschichte des Christentums scharf charakterisierten Art wurde die biblische Idee, die (nach dem Wortlaut der Allianzurkunde) „allen Menschen befiehlt, Brüder zu sein'* ins Leben getragen: Grausamkeit hiess da Gerechtigkeit, Unterdrückung wurde liebende Obhut für die Seelen, Christentum wurde Polizei. Die Universitäten, die Heimstätten national-freiheitlicher Strebungen, wurden in Verfolg der Karlsbader Beschlüsse (1819) durch richterliche Beamte geknobelt. Wissenschaft und Lehre wurden überwacht. Für die katholische Kirche nahte jetzt die Zeit, sich auch im protestantischen Staate, im Lande der Reformation (!) durchzusetzen. Ein Konflikt an der Hochschule zu Münster gab den äusseren Anlass. Die Omnipotenz des Staates rang mit episkopaler Gewalt. Am 4. August 1822 reichte Hardenberg, längst im Fahrwasser der Reaktion segelnd, dem König einen Bericht ein über die kirchlichen Verhältnisse und die Besetzung des erzbischöflichen Stuhles in Köln — eine löbliche Unterwerfung des Staates. Vierzehn Tage später erfolgte eine Kabinettsorder Friedrich Wilhelms und in dieser die überraschenden Sätze: „Aus den zurückgehenden Anlagen Ihrer Anzeige habe ich ersehen, dass die Bestimmungen der §§ 7 und 8 des Ediktes vom 11. März 1812, nach welcher die für Einländer zu achtenden Juden zu akademischen Lehr- und Schul-Aemtern zugelassen werden sollen, nicht, ohne grosse Missverhältnisse zu veranlassen, durchzuführen ist. Ich will daher diese Bestimmung hierdurch aufheben und Ihnen die weitere Verfügung wegen der Bekanntmachung dieser Abänderung des gedachten G esetzes anheimstellen." Am 4. Dezember 1822 veröffentlichte das Staatsministerium den Inhalt dieser Kabinettsorder. Jn der Folge ist dieses Publikandum mehrfach in seiner Rechtsgültigkeit angezweifelt worden.*) Aus formalistischen Gründen und mit dem Hinweis auf den § IG der Bundesakte vom 8. Juni 1815, der den Juden die von den einzelnen Bundesstaaten bereits eingeräumten Rechte erhalten wissen wollte. Indes, ob die späteren Darlegungen des Kultusministers Eichhorn juristisch stichhaltig waren oder nicht: die Tatsache wird dadurch nicht verschoben, dass jene Verfügung das Aufstreben jüdischer Gelehrten in den akade- *). Wilhelm Freund, Judenfrage S. 288 ff. Verhandlungen des vereinigten Landtags 1&47. mischen Lehrbezirk schon an der Wurzel vernichtete. Diese Keimzerstörung war die besondere Bosheit des Erlasses. Denn praktische Bedeutung hat er für die Generation um 1820 nicht haben können. Es war die Weisheit der Regierung, dass sie zwar für die Zwecke gewissenhafter Ausbeutelung die Solidarhaft der „jüdischen Kolonien" bis nahe zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts bestehen Hess, dagegen durch ein kunstvolles Schichtungssystem von eigentlichen Schutzjuden, Schutzjuden mit den Rechten christlicher Kaufleute, ausserordentlichen Schutzjuden, vergleiteten und unvergleiteten Juden tiefe Risse in das nationale Massiv der Judenschaft erzwang. Da zudem diese Schichtung nach gut plut akratischen Grundsätzen durchgeführt wurde, musste sich bald die Oberschicht durch eine deutliche Demarkationslinie abgrenzen. Die Kinder dieser Reichen, die peinliches Aufsehen bei Juden und Christen erregten und sich (nach den Angaben David Friedender«) besonders auf den Universitäten unangenehm bemerkbar machten, hatten nicht das Verlangen, sich ihre Luxus- und Kulturbed ürfnisse d urc h rechtliche 1 Tibet | uen diehkeiten erschweren zu lassen. Sie nahmen die Taufe; ohne Bedenken oder wie Eduard Gans, nachdem sie die Periode ihrer jüdisch - romantischen \ ergangenheitssehwärmerei, dieser blassen Imitation der deutschen Romantik, überwunden hatten. Indem die Emanzipation das Schichtungssystem verliess und die Juden in den. preussischen Staaten unterschiedslos als Einländer zu betrachten und zu behandeln vorgab, eröffnete sie den Söhnen aller jüdischen Stände, aller religiösen Richtungen, den Alt jüdischen wie den ..Neumodischen", die Möglichkeit zeitgemässer Ausbildung und somit des Eindringens in die akademischen Lehrberufe. Die Generation von 1812 war erst in den vierziger Jahren für die Universitätslaufhahn reif. Und so musste es sein: nicht 1822 bei der Publikation des Bremserlasses, sondern um die Mitte der vierziger Jahre wird das ,,Gesetz" schmerzhaft. Der erste Jude, der sich für die Habilitation in Berlin meldet, ist der Physiologe H e m a k. 1843 beginnt er seinen Kampf. Er will sich nicht taufen lassen und weiss dafür gute Gründe anzugeben. Sie haben ein zeitgeschichtliches Interesse. Darum darf man dabei verweilen. ,,Jener bekannte unfreiwillige Ursprung des Uebcrtritts", heisst es in seinem Bittgesuch an den König, „erzeugt zumeist die zweifelhafte soziale Stellung des Uebertretenden, welche ihre Wirksamkeit verkümmert und andere, nicht äusserlich Angeregte, von der Nachfolge zurückhält (!!!■), nicht zu denken, von der Verpflichtung für die Erhebung der ihm von der Natur gegebenen Gemeinschaft zu wirken.*' In welchem Sinne diese „Erhebung* zu verstehen ist, kann wohl darauf geschlossen werden, dass seine ,,Bildung und Gesinnung innigst verwachsen ist mit den im Christentum wurzelnden Anschauungen, welche das Leben der Wissenschaft und des Staates durchdringt." Das waren Worte, die lieblich klingen mussten in den Ohren jenes königlichen Romantikers, der sich als Oberpriester in dem mystisch-umnebelten Gebilde seines christlichen Staates fühlte. Aber erst im Mai 1847 konnte Robert Remak durch die Für-

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