Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Die Juden und die deutschen Universitäten
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 2)
- Language
- German
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419 Theodor Zloctsti: Die Juden und die deutschen Universitäten. 420 efficiens. Diese souveräne Verneinung der bestellenden Verhältnisse, der wirtschaftlichen und sozialen Sonderstellung der Juden, ihrer geistigen Eigenart, ihres Bildungsstandes, ihres Erziehungswesens und nicht zuletzt ihrer Stellung im Vorstellungskreise der christlichen Bevölkerung konnte sich gegenüber den vorsichtig Wägenden und mit zurückzuckender Hand Gewährenden nur unter der Stimmung einer Zeit der Verlassenheit und der Hoffnung durchsetzen. Da das ganze Land im Staube lag, mochte sich der Vorgang an Vorgang reihende Bureaukrat nicht mehr im Staube der Akten wohlfinden; und die keuchend nach Atem rangen unter den knebelnden Fingern des Feindes, wurden geneigter, die Zügel lockerer zu lassen. ,,Mein ganzes System", sagte Hardenberg den ständischen Vertretern am 23. Februar 1811, ,,beruht darauf, dass jeder Einwohner des Staates, gänzlich frei, seine Kräfte auch frei benutzen und entwickeln könne, ohne durch die willkürliche Macht eines andern daran behindert zu werden; dass die Gerechtigkeit streng und unparteiisch gehandhabt werde; dass das Verdienst, in welchem Stande es sich finde, ungehindert emporstreben könne und dass endlich durch Erziehung, durch echte Religiosität und durch jede zweckmässige Einrichtung im Vaterlande e i n Interesse und e i n Sinn gebildet werde, auf den unser Wohlstand und unsere Sicherheit gegründet werden kann/' Das P r i n z i p siegte, musste siegen. Es hatte sich bestätigt, was 1799 ein Minister dem französischen Gesandten Otto sagte: ,,Die Revolution, welche ihr von unten nach oben gemacht habt, wird sich in Preussen langsam von oben nach unten vollziehen." Die Miseren dieser unorganischen Entwicklung hatten die Juden zuvörderst zu erleiden. Zwischen Prinzip und Wirklichkeit eingeklemmt mussten sie wie zwischen Mühlsteinen zerrieben werden. Napoleon war niedergeworfen. Freiheitsjubel und Siegerlust schwellten den deutschen Busen. Da konnte, um das Glücksgefühl zur Schwelgerei zu füllen, der Judenhass nicht fehlen. Weithin in die Lande brauste der Freudensang. Das Echo aber rief: Hep,v hep! Die Wirklichkeit reckte sich breitspurig auf und drosselte das spindeldürre Prinzip. Jüdische Jünglinge waren im Schmuck der Wundmale von den Schlachtfeldern heimgekehrt. Sie heischten ein Aemtchen im neuen Reiche. Da hiess es höhnisch: Das eiserne Kreuz spricht nur von temporärem Mute. Für die Eignung zum Beamten sagt es nichts. Und ganz ernsthaft wurde in den Ministerien erwogen, ob nicht doch eine besondere KJeiderordnung für die Juden ratsam sei. Nach den Befreiungskriegen! In der Zeit der Bedrängnis, als die einzelnen Ministerien ihre Voten zum geplanten Emanzipationsgesetz abzugeben hatten, mussten sich dieAengstlichen bescheiden, die in der Zukunft das ganze Beamtenheer aus Juden gebildet sahen; vom Minister herab bis zum Kalfaktor. Jetzt waren sie dieses Alpes frei. Das Edikt war Papier. Und vor Papier hatten sie aus guter Uebung keine Furcht. Das wussten sie zu meistern. Und die öffentliche Meinung, das Gewissen der Völker, wurde damals noch nicht von Juden hergestellt. Wer gegen die Rechtsbeugung aufstand, war genügend stigmatisiert. In einem Briefe aus Wiesbaden vom Jahre 1817 konnte man schon lesen, dass der (theoretische) Schutz der jüdischen Nation durch Preussen „leider sehr unreinlichen Triebfedern zugeschrieben wird/4 Die freigemachte Judenheit hatte eben im Volke keinen Stützpunkt. Der Handel fürchtete die allen Zwanges entbundene Konkurrenz. Die Handwerker setzten sich zur Wehre. Vollends die Stimmung der akademischen Bürger hätte nie den jüdischen Universitätslehrer ertragen. Aus den Sehnsüchten der Fremdherrschaft war das Traumbild deutschen Mittelalters aufgestiegen. Die alten Lieder waren erwacht. Die Nibelungen sprachen von Trotz und Heldentum. Verzückte Blicke kosten die Bauwerke der alten Zeit; und die am Zukunftsbau des deutschen Volkes schufen, berauschten sich an den Gebilden der Schönheit, deren gigantische Grösse Gliederung und Einfügung der kleinsten Teile war. Die Schöpfungen des Mittelalters wuchsen empor zu Sinnbildern der neuen Ziele. Der Glorienschein, den die jungen Seelen um die Vergangenheit sahen, spannte seinen lichten Bogen um die deutsche Zukunft. Deutschtum wurde Religion. Im Freiheitsdrange war der ,,Volksgeist" geweckt worden. Nun fanden sie in Lied und Mär, in Sprache und Kunstwerk seine Offenbarungen: nur in der Freiheit aller Volksglieder konnte er in neuen Schöpfungen verjüngte Vielgestaltigkeit erhalten. Konnte ein Jude Lehrer dieses Geschlechtes sein, das in dem goldumrandeten Gewölke christlichgermanischer Weltanschauung lebte? Die Juden hatten eine Vergangenheit. Aber es war die Vergangenheit eines anderen Volkes, Knechtschaftserinnerungen. Hiess den andern Deutschsein Versenken und Versinken in deutscher Vergangenheit, der Juden Deutschtum musste Vergessenheit sein. Sie konnten nicht Lehrer des Gewordenen sein. Sie hatten nur eine Zukunft. Vielleicht, dass sie Meister des Werdenden würden: Das Werdende war die Naturwissenschaft. Und wirklich, von der Naturwissenschaft drangen die ersten jüdischen Pioniere gegen das Bollwerk der Universitäten vor! Allein entscheidender als diese psychologischen Unmöglichkeiten der Dozentur wurden die Entschlüsse der Fürsten. Gott hatte ihre Fahnen gesegnet. Christus, der Erlöser, hatte sie erlöst. In Demut wollten sie sich der Gnaden würdig zeigen. Es war im tiefsten Wesen die gleiche Stimmung, die Fürsten und Volk durchflutete. In der Jugend brauste sie empor zu freiheitlichen Idealen. Bei den Fürsten wurde sie wehmütige Feierlichkeit. Gott sei Ehre in der Höhe. Aber auch auf Erden. Sie fühlten sich tiefgebeugt unter der Last der Verantwortlichkeit, die ihnen ihr heiliger Beruf gab, den sie aus Gottes eigener Hand empfangen. Seine Gebote — so schwuren sich Friedrich Wilhelm, Franz und Alexander — sollten fortan unmittelbar" auf ihren Willen Einfluss haben und ihre Handlungen leiten, „als einzige Mittel, welche die menschlichen Anordnungen befestigt und