Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Die Juden und die deutschen Universitäten
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 423 - 424 (sequence 4)
- Language
- German
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423 Theodor Zlocisti: Die Juden und die deutschen Universitäten. 42 t spräche Alexander von Humboldts, Schönleins und Johannes Müllers die Erlaubnis zur Habilitation erlangen. Freilich unter der beziehungsvollen Voraussetzung, dass er „sich Ansprüche auf eine ausserordentliche oder ordentliche Professur in demselben Wege erwerbe, welche den übrigen Bewerbern um akademische Lehrämter geöffnet ist/4 Raum drei Wochen später zwang die Vorlage eines neuen Judengesetzes den Minister, seine Stellung zur Zulassung von Juden zu akademischen Lehrxind Schulämtern öffentlich vor dem Vereinigten Landtag zu verteidigen. § 35 des Entwurfes bestimmte: An denjenigen Universitäten, auf denen nicht die Ausübung des Lehramts statutengemäss an das Bekenntnis einer bestimmten christlichen Konfession geknüpft ist, können Juden alsPri vatdozenten und ausserordentliche Professoren der mathematischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Lehrfächer zugelassen werden/' Die tief zerklüftete Seele vormärzlicher Zeit offenbarte sich in den folgenden Debatten. Die Härte und Ungerechtigkeit des neuen Gesetzentwurfes empfanden die meisten Mitglieder des Hochadels nicht minder als die Vertreter der drei Stände. Selbst die Feudalen, die nur mit Grauen daran denken mochten, dass Juden die Erzieher ihre;* Söhne sein könnten, sprachen noch von den Zurückgesetzten als von ihren „Brüdern". Das Gespenst des christlichen Staates ging um und ängstete die Herzen. Nur M e v i s s e n wagte es, ihm entgegenzutreten. Der gebundenen Lehre stellte er die freie Wissenschaft gegenüber, die keine Voraussetzungen kennt und sich die Resultate nicht vorschreiben lässt. „Wollen Sie die Voraussetzungen des christlichen Staates, der den christlichen Geist selbst nicht zu definieren vermag, und welcher dennoch von uns verlangt, dass wir nur diejenigen Offenbarungen des christlichen Geistes, die ihm genehm sind, für wahr halten, so ist es mit der weiteren Entwicklung unseres Volkes, ja der ganzen christlichen Menschheit zu Ende/4 .Es war der Geist der nahen Freiheitstage, der siegessicher aus diesen Worten sprach: Der Geist, der den Menschen von menschlichen Knechtschaftsformen erlösen wollte und darum nicht zweifeln konnte, ob der Mensch — der Schöpfer auch der Wissenschaft! — von seinen innersten Bedingungen erlöst werden könnte. . In der Kurie der drei Stände wurde der Antrag der Kommission, wenn auch gegen eine starke Minorität, angenommen: dass die Juden zu allen akademischen Lehr-Aemtern, welche nicht ihrer Natur nach die christlichen Glaubensbekenntnis erfordern, befähigt werden sollten. Damit wTar auch der Antrag gefallen, der Dekanat, Rektorat und Prorektorat den Juden entzogen wissen wollte, und jener „einstimmig" in der Kommission gebilligte, dass, wenn die beiden Voranträge keinen Beifall fänden, doch den .ausserordentlichen jüdischen Professoren die gleichen Gehälter wie den christlichen ordentlichen Professoren zugesprochen werden müssten. Die letzte Bestimmung ausgleichender Gerechtigkeit — man könnte fast von Z'dokoh reden — war schon im Schosse der Herrenkurie keimhaft angelegt. Die generelle Zulassung konnte sie sich nicht abringen. Zwar: vor dem Unrecht scheuten die Herren zurück. Aber sie konnten die Lust, Gerechtigkeit zu üben, nicht bis zu eigenem Leide steigern. Sie mussten es zwar selbst erfahren, dass die Ueberspannung der christlichen Idee des Gottesgnadentums ihnen nur die Gnade des Mitberatens gönnte, das Recht der Volksvertretung indes weigerte. Allein: ob sie stärker oder schwächer von der Theorie des christlichen Staates durchsetzt waren, das Christentum in seiner Lehre, als Tradition der Familien, als das Ferment zweitausendjähriger Kulturentwickelung, als Erziehungsform war unlösbar mit ihrem innersten Leben verwachsen. Selbst die Freiesten, denen christliche liebe nicht gnädige Duldung, sondern die wirkliche Versöhnung gebot, wünschten, dass der jüdische Glaube allmählich verschwinde und bekannten: ,,Die Erfahrung lehrt, dass dazu das beste Mittel die Emanzipation ist." „D i e Jude n sind uns eine unangenehme Körperschaft geworden. W i r wollen ihrer los sein. W i r haben dazu kein anderes Mittel als die E m a n z i p a - t i o n/* Das waren weitschauende Politiker, die Hardenbergs und Wilhelm von Humboldts Tendenzen begriffen und weiterführen wollten. Aber sie standen in der Vereinsamung. Denn die Altfrommen konnten sich dem überlieferten Gedankenkreise nicht entreissen. Die Männer der Regierung waren skeptisch und — die Zügelführung war ihnen Lebensbedürfnis. So konnten die Verhandlungen nur dahin streben, die Kette des königlichen Entwurfes zu spannen. Die Szene wurde zum — Krämerladen. Ein wackeres Feilschen hub an. Der ordentliche jüdische Professor wurde schliesslich ausgehandelt. Aber mit Kaufbedingungen. Dekan, Rektor, Prorektor dürfe er nicht werden: mit diesen Würden sind richterliche Befugnisse verknüpft und die Pflicht, den christlich verfloskelten Doktoreid abzunehmen. Medizin, Mathematik, Naturwissenschaften — das Handwerkmässige, Grausam- Logische und Grob-Sinnliche — konnte den Juden ausgeliefert werden. Das Recht und die Philosophie aber, die ihre Wurzeln imVergangenen haben, verstünden nur Christen zu pflegen; weil nur sie für diese Kultur den inneren Anteil und die Voraussetzungen des Gemütes mitbrächten und — weil die Scholaren solcher Weisheit Beamte und Lehrer würden! Bei der Philologie prallten die Köpfe noch einmal hart zusammen. Aber Homer und Sophokles, Horaz und Juvenal "konnten doch nicht schlankweg zu Kirchenvätern getauft werden. So warf man sie, mitsamt ihren Kollegen, ihren Verben auf \v. und ihrem Ablativus absolutus, in den Tartarus der jüdischen Sprachwissenschaftler. Mit Stimmenmehrheit beschloss somit die Herrenkurie, dass Juden zu ordentlichen Professuren der mathematischen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und philologischen Lehrfächer zugelassen werden sollten. Das war ein Schmerz für den Minister des Geistes, Eichhorn. Aber er hatte einen Trost. Eigentlich sogar zwei! Im Edikt von 1812 hiess es, dass Juden zu den Lehrämtern zugelassen werden können, zu denen sie sich geschickt gemacht haben. Der Sinn des schlichten