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Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 355 - 356

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Die Lebenserinnerungen eines Philosophen
Date
1912-04-01
Page
Seite 355 - 356 (sequence 5)
Language
German
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Binjamin Segel: Die Lebenserinnerungen eines Philosophen. 356 Er erzählt uns, wie seine wissenschaftlichen Ar- Leiten ihn nach den Hauptzentren des europäischen Geisteslebens führten. Er hat einen grossen Teil der Papyri von Hereulaneum aufgerollt und entziffert und dadurch seinen europäischen Ruhm begründet. In Paris weilte er 1857/58. Hier lebte und litt Salomon Münk, damals schon ein berühmter Mann. Auch mit den Derenbourgs und Darmestetters hätte es sich wohl verlohnt, ein Stündchen zu verplaudern, aber Gomperz erzählt uns nur, dass er da mit Iwan Turgenjew zusammentraf und zwar am Krankenbett von Moriz Hartmann, dem getauften Juden, dem mittelmässigen Dichterling, dem „schönen Moriz4 •, von dem Heine sagte, es liebten ihn alle Weiber, mit Ausnahme der neun Musen. Gomperz vergisstauch nicht, mit einem leisen, aber peinlich berührendem Snobismus zu erwähnen, dass er einer feierlichen Akademiesitzung an der Seite der Gräfin d'Agoult beiwohnte. Diese ,, Gräfin'e war eine getaufte Jüdin, Tochter eines Frankfurter Bankiers namens Stern, die, selbstverständlich, einen ruinierten französischen Grafen heiratete, viele schlechte Bücher schrieb und schliesslich eine von Franz Liszts Maitressen wurde, dem sie die berühmt3 Cosima schenkte, die ihrerseits, in die Fussstapfen der Mutter tretend, Siegfried le Precoce gebar. So wandelte Gomperz auf der Sonnenseite des Lebens unter Palmen daher, genoss die höchsten Freuden des Erkennens und des Schaffens, die von keinem Kampf um die Befriedigung irdischer Bedürfnisse getrübt wurden. Nur eins fehlte ihm zum vollen Glück. . . Du errätst es nicht. . . Ach ... Er konnte erst im Jahre 1869 Professor werden. Doch hier kommt etwas so Unglaubliches, dass wir ihn selber sprechen lassen müssen. „Die Konkordatszeit war angebrochen und hatte dem Juden die Laufbahn des Hochschullehrers wieder verschlossen. Mein Verhältnis zum ererbten Glauben war, wie oben bemerkt, nur in der frühen Knabenzeit ein inniges gewesen. Dennoch hielt ich es, w i e ich jetzt glaube, mit Unrecht, für eine Ehren- und Gewissenssache, der alten Religionsgemeinschaft nicht zu entsagen." . . . Was? . . . Ich glaube anfangs an einen Druckfehler, sehe die Berichtigungen zum Schluss des Buches nach. Nein. Es ist wirklich und wahrhaftig so. Er glaubt heute, dass er es damals mit Unrecht für eine Gewissens- und Ehrensache hielt, der alten Religionsgemeinschaft nicht zu entsagen! Gibt es etwas Widerwärtigeres, Abstossenderes, Schändlicheres, als wenn ein Greis bereut, als Jüngling nicht eine Gemeinheit begangen zu haben? Denn wie immer sein Verhältnis zum Judentum gewesen sein mag — dass der Freund von August Comte, Littre und Mill gelogen hätte, wenn er in die Hände eines katholischen Priesters das christliche Glaubensbehatten,umnurdieWahl des jüdischen Gegenkandidaten zu vereiteln, obgleich er sich zum Deutschtum bekannte. Gegen dieses Verlangen erhob G. ein grosses Geschrei. Man dürfe nicht ein „Wahlghetto" schaffen, sonst ginge die ganze moderne Kultur flöten. Es wäre ein gräfliches Unglück, wenn die hohe k. k. Regierung dem Verlangen der , Juden nachgäbe, denn dadurch würde sie — o Entsetzen! — die jüdische Nationalität anerkennen. Den Bemühungen G.'s als Herrenhausmitgliedes und eines Wiener „jüdischen" Abgeordneten gelang es denn auch, die Bestrebungen der Bukowinaer Juden zu vereiteln. Das war das erste und hoffentlich das letzte Mal, dass G. sich in jüdische Angelegenheiten hineinmischte. Bei den letzten Landtagswahlen der Bukowina' waren sämtliche deutschen Kandidaten Antisemiten. Nur der energischen Gegenwehr der Juden gelang es, eine Majorisierung abzuwehren. kenntnis ablegte, ist ja gar kein Zweifel. Man kann mildernde Umstände geltend machen, für solche, die ein hartes Schicksal zu tragen hatten. Doch hört die Gemeinheit darum nicht auf, eine Gemeinheit zu sein. Aber Theodor Gomperz hat nie des Lebens geistige oder leibliche Not gekannt. Er hat nicht wie Rapoport, Lewynsohn oder Krochmal mit den Mächten der Finsternis um einen Bildungsstrahl zu kämpfen gehabt. Er hat nie das niederdrückende Joch der bitteren Armut getragen, wie etwa Luzatto und Münk ihr Leben lang. Er wuchs in der wohlgeschützten Atmosphäre ererbten und erworbenen Reichtums heran, er durfte ungehindert aus allen Quellen der Bildung trinken, er konnte getrost auf den schmalen Staatssold verzichten und sich ungestört jeder ihm zusagenden wissenschaftlichen Arbeit widmen. Und doch bereut der Achtzigjährige, als Jüngling nicht um den Preis einer Treulosigkeit und einer Lüge die törichte Eitelkeit, Professor zu heissen, um einige Jahre früher befriedigt zu haben. Unter uns Juden hat sich bis in die neueste Zeit eine schroffe Klassenscheidung nicht geltend, gemacht. Aber es gab auch unter uns Höhen und Niederungen. Und die Höhen drückten auch bei uns auf die Niederungen und benahmen ihnen Luft und Sonne und nährten sich von ihren Säften. Man sagt, dass die Bäume, die dort oben auf den Höhen wachsen, zum Dank und Lohn dafür, ihre Aeste schützend über di-3 Niederungen breiten, und ihnen von ihren köstlichen Früchten spenden. Man sagt auch, dass je tiefer ein Baum seine Wurzeln in ein Erdreich schlägt, er um so fester darin haftet, um so inniger mit dem Boden verwachsen ist. Nun, solch ein auf den Höhen emporgeschossener Baum, der seine Aeste weit und frei in die Luft streckte, dessen Wurzeln zum mindesten bis in das 17. Jahrhundert hinabreichten, ist Theodor Gomperz. Berthold Auerbach dagegen rankte sich mühselig aus den Niederungen empor, mit Wind und Wetter kämpfend, seine Altvordern waren karg besoldete subalterne Gemeindebeamten, seine Schwestern waren Dienstmädchen, der Name seiner Grossväter war auf den Tafeln der Geschichte nicht verzeichnet. Und nun lese man Auerbachs Briefe und Gomperz' Erinnerungen und vergleiche, wie der eine und wie der andere sich zu dem Stamm, dem sie angehören und zur Religion der Väter verhält. Als David Strauss an Auerbach sein Buch „Der alte und der neue Glaube" nebst einem wrarmen Huldigungsschreiben schickte, schrieb der Verfasser von „Kaufmann und Dichter", er finde es folgerecht und mutig, dass die Christgeborenen, wenn sie keine Christen mehr sind, dies offen heraus bekennen. „Wir Juden wollen uns aber immer noch als Juden akzentuieren." Theodor Gomperz dagegen bedauert es heute noch, dass er als junger Mensch, so viel Ehre im Leibe hatte, nicht einen Glauben anzunehmen, der ihm in der Seele noch tausendmal fremder sein musste, als das Judentum —- nur weil er darum seine Ernennung zum k. k. Professor um ein paar Jahre verzögert hat. Ist das nicht — ergreifend? Welch ein erhebendes Beispiel für die heranwachsende Generation! — Und wie herrlich muss die Ehrenfestigkeit und Mannhaftigkeit dieses „Juden" seinen christlichen Kollegen erscheinen! „Gott! wie jüdisch.4' Nun wird es vielleicht noch interessieren, zu wissen, was aus den andern Brüdern Theodors geworden; ist. Sie haben sich mit „wichtigeren" Dingen befas'st, als mit griechischen Denkern, französischen Positivisten und englischen Utilitaristen; sie haben ganz andere Papyri als die von Hereulaneum aufge-

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