Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Die Lebenserinnerungen eines Philosophen
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 353 - 354 (sequence 4)
- Language
- German
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353 Binjamin Segel: Die Lebcnscrinnerungcn eines Philosophen. 354 geistlose Orthodoxie, ohne Innerlichkeit, die wie eine Nlumie bei der leisesten Berührung von aussen zerfällt. Denn es ist klar, dass der Dreizehnjährige nicht infolge innerer Kämpfe, sondern aus kindischer Libertinage und unreifem Freiheitsdrange die ,,religiösen Observanzen" aufgab, was in diesem Fall heissen soll: dem Judentum Valet sagte. Jude zu sein, das Judentum innerlich zu begreifen, seine Zusammengehörigkeit mit den Juden zu bekennen, galt in jenen Kreisen, die, obgleich keine Parvenüs, etwas durchaus Parvenümässiges hatten, als ,,unvornehm", als herabsetzend. Der Gang seiner Erziehung führte dann auch Gomperz ganz abseits von allem Jüdischen. Es ist erstaunlich, was dieser Mann alles gelernt hat und was er alles weiss, wie es sich auf jeder Seite seines wundervollen Buchen ,,Griechische Denker" spiegelt. Aber alles Jüdische blieb ihm zeitlebens fremd. Und doch hatte gerade sein spezielles Studiengebiet so viele Berührungspunkte mit der Wissenschaft vom alten Judentum. Aber er scheint allen diesen Verlockungen ängstlich aus dem Wege gegangen zu sein. Ebenso ist er allen jüdischen Fragen aus dem Wege gegangen1), man x) Nur einmal in seinem Loben, nämlich vor drei Jahren, ergritt G. in einer jüdischen Sache öffentlich das Wort und zwar zu Ungunsten der Juden. Damals wurde das Landtag >- Wahlrecht in der Bukowina reformiert und in diesem von acht Nationalitäten bewohnten Land wurden nationale Kurien errichtet, damit kein Völkchen vom andern majorisiert werden könne. Das Regierangsprojekt steckte die Juden in die Kurie der Deutschen, während die Juden eine eigene für sich verlangten, um nicht von den Deutschen majorisiert zu werden. In diesem Land, worin die Deutschen überhaupt erst seit 50 Jahren ansässig sind, sind sie die einzigen Träger des Antisemitismus von der giftigsten und unerbittlichsten Art, uneingedenk dessen, dass die Vorherrschaft des Deutschtums dort in erster Reihe das Werk der dortigen Juden ist, die in Sprache und Bildung deutsch sind. Das Verlangen der Juden, eine besondere Kurie zu erhalten, um eine ihrer Anzahl und wirtschaftlichen Stellung entsprechende Vertretung im Landtag gesichert zu haben, war um r.o berechtigter, als kurz zuvor gelegentlich einer Reichsrats wähl alle deutschen. Stimmen sich auf einen rumänischen Sozialdemokraten vereinigt findet keine Spur, dass ihn jemals irgendeine beschäftigt hätte, während er doch an dem ganzen bewegten Leben seiner Zeit den regsten Anteil nimmt. Ihm hat nie, wie Berthold Auerbach, irgend ein Judenschmerz den Schlaf der Nächte geraubt. Er hat nie zugunsten der angefeindeten Juden und des Judentums das Wort ergriffen, oder auch nur seinen Ruhm und seine Persönlichkeit geltend gemacht. Er hat es auch nie der Mühe wert gehalten, einen der zahlreichen bedeutenden Juden seiner Zeit näher kennen zu lernen. ,,Omnia judaica a me aliena puto." / <. •< ■>'"'/',, r-\ ' -4: , : , rVjl.'t,^ wr, - ' " <; '' X r1 > * *' ' f1 > ^\4X,5, . ,u z *" 1 < \. 5. 4,1 \ 1 , * JU«-*'» ■i-U.vO „ . JC+ls^l « - , / -. ' . / ,f f^Xrj.<rJi . i .-v < > - ' ' r* V <■ + „ , /,< V^\> Ärf* >ri l 1 yV - ' * ' ■> ' 'rlJ^ß^ilrzl - 1 :" , : f!>, ^tih *• - 'j '» r u 1;. \ ' ti C . -* \ t^C^^f®"®*- " 1 * l ' '-'!r?. \^V*lk i:h4<*~iV,\ i a tvijy . .: i,JVtj^LiirH^I; fyu;*/ ^lK)-v . Ai^Wh M}$Mki.:l ~. > LESSER URY. Rebekka und Eliesan BERLIX. (Wandgemälde im Logenhaus der „B^ci Bri.ss': zu Berlin.)