Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Die Lebenserinnerungen eines Philosophen
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 357 - 358 (sequence 6)
- Language
- German
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357 Binjamin Segel: Die Lebenserinnerungen eines Philosophen. 358 rollt und entziffert. Ihre Verdienste (masculini generis) hat denn eine hohe Regierung auch recht bald zu würdigen gewusst. „Max ist Präsident der Oesterreichischen Kreditanstalt, Julius Präsident der Brünner Handelskammer und Mitglied parlamentarischer Körperschaften/' Julius ist (war) im Nebenamte auch Präsident der Brünner jüdischen Kultusgemeinde, aber davon, verstehen Sie mich, spricht man nicht in guter Gesellschaft, obgleich das in Oesterreich eine auch der Regierung gegenüber sehr einflussreiche Stellung ist, namentlich in Anbetracht der Wahlen, und man infolge dessen in den Adelsstand und ins Herrenhaus gelangen kann, wie dies bei Herrn Julius „von" Gomperz der Fall gewesen ist. Nach all dem Gesagten wird man es begreifen, •dass Theodor Gomperz einer Natur wie Jakob Bernays nicht gerecht zu werden vermochte, ebenso wie es nicht verwunderlich ist, dass er Bernay's Universalität, seine grosse Darstellungsgabe, seine hohe Auffassung der Philologie als exakten Geschichtsforschung, oder besser: der aatiken Literatur als eines Denkmals des inneren Lebens der antiken Völker, ferner seinen Scharfsinn, seine erstaunliche Kombinationsgabe vollauf zu würdigen versteht. Aber bis zum Kern seines Wesens vermochte Gomperz doch nicht vorzudringen. Bernays bildete eine wundervolle Synthese des hebräischen und des hellenischen Geistes, wie sie einer der Weisen des Talmud einst geahnt und herbeigesehnt hat. Eine Seite dieser merkwürdigen Persönlichkeit musste also Gomperz verschlossen bleiben. Das ihm Unverständliche sucht er mit geringschätzigen Phrasen wie Mystizismus, Konservativismus ab zutun. Schon die Tatsache, dass Gomperz, der so viele Länder und Menschen gesehen, es nicht der Mühe wert gefunden hat, diesen eigenartigen und berühmten Meister persönlich kennen zu lernen, ist bezeichnend genug. Wer aber eine genauere Vorstellung von Bernay's Wesensart haben will, der lese die Empfehlungsschrift, die die Bonner philosophische Fakultät über ihn an die Breslauer bei seiner Uebersiedelung nach dieser Stadt sandte, und die in der Jubiläumsschrift des Breslauer Seminars veröffentlicht wurde. Bernay's letzte Schrift über Phokion, in der er mit der Demokratie streng ins Gericht ging, bezeichnet Gomperz als reaktionär und tut sie mit der Bemerkung ab, dass ja der „politische Konservativismus dem religiösen allzeit nahe verwandt ist." Man könnte demnach Gomperz für einen Radikalen oder gar einen Revolutionär halten. Weit gefehlt. Man braucht sich nur seiner Beurteilung von Mengers „Neuen Staatslehre" zu erinnern, um zu wissen, dass die Freiheit, die er Hebt, dieselbe ist, welche die Kreditanstalt und die gesamte Hochfinanz meint, und die, es tut weh, es niederschreiben zu müssen, auch z. B. dem Hause Wertheim als Devise gilt. Es war von Seiten einer Wiener Wochenschrift offenbar eine Malice, dass sie dem berühmten Gelehrten seinerzeit Herzl's „Judenstaat" zur Besprechung einsandte und ihn veranlasste, über den Zionismus zu schreiben. Etwas Seichteres und Leichtfertigeres hat wohl selten ein so grosser Gelehrter sich zu schulden kommen lassen, als Gomperz in diesem kleinen Artikel von drei Seiten Umfang. Selbstverständlich wird es ihm niemand verargen, dass er auf die Pläne dieser Broschüre gar nicht eingeht. Auch das kann nicht verwundern, dass er, wie alle, die der Judenfrage fernstehen, den Anfang des Zionismus im Ernste von jener Broschüre datiert, und nur noch den „Vorgeschmack" erwähnt, den Eliots Daniel Deronda vor mehr als einem Menschenalter von ihm gegeben. Ebenso sei ihm verziehen, dass er behauptet, die sog. „Hecke" (gemeint ist der „sejag") und das Zeremonialgesetz sei von mittelalterlichen Rabbinern geschaffen. Aber die Art, wie er bei dieser Gelegenheit (das einzige Mal im Leben) zum Judentum Stellung nimmt, ist merkwürdig genug. Das Judentum soll nach ihm „für die Gläubigen eine Konfession, für die Ungläubigen ein pieux souvenir de famille" sein, ein Souvenir, das man in die Rumpelkammer wirft, um ein Jahr früher den Pröfessortitel zu erhalten. Als „Kern des jüdischen Nationalcharakters" bezeichnet er ein niemals gebrochenes Bestreben, sich selbst zu vernichten, aufzuhören .zu sein. Wer ifrmdas nicht glaubt ist ein Ignorant, kennt die Geschichte nicht, und weiss z. B. nichts von der „nahezu vollständigen Gräzisierung der Juden in der nachalexandrinischen Zeit", noch von den Verboten mittelalterlicher Bischöfe, dass Christen die jüdischen Synagogen besuchen. Hier macht sich der Uebersetzer von Mills Logik eines argen logischen Schnitzers schuldig. W7enn die Durchdringung der Juden mit der Kultur einer Epoche der Ausdruck eines Selbstvernichtungstriebs wäre, wozu hätte dieser Prozess so oft in der Geschichte wiederholt werden müssen? Beweist dies nicht eher, dass im Judentum ein innerer fester Kern lebt, der gar nicht daran denkt, restlos in der Umgebung aufzugehen — und dessen einziger Fehler es ist, von Gomperz nicht gekannt zu sein? Einen hochweisen Satz verkündet uns Gomperz. den er getrost viel Geringeren hätte überlassen können: „Alles, was die Menschen unterscheidet, scheidet sie auch." Das ist sehr tief. Was soll man aber anfangen, da die Natur die Menschen nun einmal so geschaffen hat, dass sie siGh in vielem von einander unterscheiden, und da es noch dazu unzählige Toren gibt, die dies als einen unendlichen Segen für die Menschheit betrachten und meinen, dass jeder seine Eigenart aufrecht erhalten und zu entwickeln bestrebt sein müsse, zum Segen für das Ganze? Schliesslich erhebt Gomperz die Hände wehmütig zum Himmel und ruft mit Meister Anton: „Ich verstehe die Welt nicht mehr!" iNein. Die Welt hat er nie verstanden, nie sich die Mühe genommen, zu verstehen. Gleich wie es eine geistige Kurzsichtigkeit gibt, scheint es auch eine geistige Weitsichtigkeit zu geben, die darauf beruht, dass jemand die verborgensten Vorgänge in fernen Jahrhunderten mit grösster Schärfe wahrzunehmen vermag, und blind an den Dingen vorbeigeht, die in seiner nächsten Nähe liegen. Vielleicht sind deshalb manche gross > Historiker so schlechte Politiker gewesen. Man denke sich z. B. Gneht, Ranke oder Mommsen als Staatengründer, oder, an Stelle Bismarcks, als Lenker des Deutschen Reiche:?. Darum täte mancher grosse Erforscher der Vergangenheit-besser, über die Gegenwart ganz zu schweigen