Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Die Lebenserinnerungen eines Philosophen
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 351 - 352 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584024-2600855--12947-2600950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
351 Iiiiijamin Segel: Die-Lebenserimierungen eines Philosophen. 352 man an der vorliegenden Familiengeschichte, so lückenhaft sie ist, genau studieren. Das einzige, was in den Lebenserinnerungen angenehm berührt, ist die grosse Wärme, mit der der Verfasser von seinem Elternhause spricht. Der mütterliche Grossvater, ein tüchtiger, energischer, unabhängiger Mann, der aber zu jener Sorte beschränkter esprits forts zu gehören schien, die allzeit auf dem Boden der Mittelmässigkeit üppig gedeiht. Im Jahre 1849 liegte er die feste Ueberzeugung, dass in 15 bis 20 Jahren die Formen des Judentums vernichtet LESSER URY. Jonathan schwört David brüderliche Treue. (Wandgemälde im logenhaus der „Bnci Briss" zu Berlin.) und dieses in ,,sittliche Bildung, freilich mit weniger Pfäffigkeit" aufgegangen sein würde. Was dieser merkwürdige Geschiehtsphüosoph über die Zukunft des Christentums dachte, erfahren wir leider nicht. Die Mutter, von der der Sohn mit tiefempfundener und darum suggestiver Begeisterung spricht, eine stille, emsige, wachsame und gütige Schützerin ihrer achtköpfigen Sprösslingsschar. Der Vater, ein unverwüstlicher, heiterer und schlichter Arbeits- und Pflichtenmensch. Mit grossem Enthusiasmus spricht Gomperz von seinen beiden Schwestern Josephine „von" Wertheimstein und Sophie „von" Todesco, besonders von der ersteren, di> ein Franzose einmal „la reine poetique de la societe Viennoise" genannt haben soll, und die in 'der Tat durch Schönheit und Geist hervorragte. Man wird Gomperz sogar das bisschen Snobismus verzeihen, das sich in der öfteren Betonung dieses „von" kundgibt, während man doch in jeder Wiener Ministerialkanzlei ganz genau weiss, zu welchem Preis solch ein Kleinod zu haben ist. W7ill man jedoch ein richtiges Bild von dem Leben und Treiben in den Salons dieser Damen gewinnen, so muss man die betreffenden Schilderungön in Hanslicks Memoiren nachlesen und sich die bissigen Witze vergegenwärtigen, die z. B. Josef Unger, ihr öftester und berühmtester Gast, mit dem ganzen ^Zynismus des getauften Juden über die Hausfrauen und namentlich die Hausherren machte. Diese ganze Gesellschaft war dem Judentum innerlich schon ganz entfremdet und kannte auch äusserlich gar keine Rücksichten mehr. Der siegreiche österreichische Antisemitismus einerseits und die in Wien endemisch herrschende Taufseuche andererseits ist hauptsächlich auf ihre Rechnung zu setzen. Von sich selber sagt Gomperz, dass sein Bruch mit den „religiösen Observanzen", an denen er früher, dem Beispiele des Vaters folgend, beinahe mit Fanatismus festgehalten hatte, in sein 13. Lebensjahr fällt. Das illustriert so recht die Gesinnung jener Kreise und jener Zeiten. Auf der einen Seite ein seichter,' ungeschichtlicher, oberflächlicher Aufklärungsdusel, auf der anderen eine seelen- und BERLIN.