Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-04-01 · Heft 4 (April 1912) · p. Seite 349 - 350

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 4 (April 1912)
Article
Die Lebenserinnerungen eines Philosophen
Date
1912-04-01
Page
Seite 349 - 350 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584024-2600855--12946-2600949
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

349 Binjamin Segel: Die Lebenserinnerungen eines Philosophen. 850 innerurigen suchen sie ja uns, dem profanum vulgus, menschlich näher zu kommen, ziehen den geistigen Grandseigneur aus und enthüllen sozusagen ihren Privatmehschen und plaudern mit uns, wie mit ihresgleichen. Wie oft drängte es mich da, auszurufen: O, si tactüsses! . . Noch erinnere ich mich des üblen Nachgeschmackes, den mir seinerzeit die Sichronoth von J. H. Weiss hinterliessen. Und das war ein Mann, der auf seinem Gebiet Gomperz an Grösse nichts nachgab. Darum weigerte ich mich lange, des letzteren Lebenserinnerungen zu lesen. Dazu kam noch, dass zwei arge Schwätzer, ein Wiener und ein Prager, in zwei Berliner Zeitschriften das Buch über den grünen Klee lobten. Der eine nannte es ein weises Buch; der andere, der hinter jedem berühmten Mann einher ist, um sich an dem Zipfel seines Rockes zu reiben und einen Strahl von seinem Abglanz zu erhaschen, sang, von einer. Unmenge langer Zitate unterstützt, den Ruhm des Werkes in überschwenglichen Tönen. Das genügte, um mich vollends abzuschrecken. Ich fürchtete ernstlich, mir das Idealbild, das ich mir vom Verfasser der Herkulanensischen Studien und der Griechischen Denker gemacht hatte, zu verderben. Und nun hab ich's doch getan. Als ich nämlich Berthold Auerbachs Briefe, die ja auch eine Art Lebenserinnerungen bilden, gelesen und mich an dem Seelenbildnisse dieses trotz seiner Schwächen wahrhaft edlen Dichters und Menschen erquickte, und besonders, als seine kernige, edle jüdische Gesinnung so herzerhebend zu mir sprach, fühlte ich mich angelockt, auch das Buch von Gomperz zu lesen, in der Hoffnung, darin etwas Aehnliches zu finden. Und ich fand. . Nimmt man ein.neues Buch zur Hand, so blättert man darin, bevor man es ernstlich studiert, macht gleichsam Bekanntschaft mit ihm, ehe man sich darin vertieft., Wir Jüngern schnüffeln wohl auch nach einem jüdischen Thema, nach einem Urteil über Juden und Judentum. Zumal, wenn es Abhandlungen und Erinnerungen eines hervorragenden Menschen sind, der Jude ist. Warum auch nicht? Wir bekommen seit Jahren Tag für Tag Urteile über unsere Religion und unseren Stamm zu hören, die wohl geeignet sind, uns jede Lust, am Leben und an der Arbeit, jeden Glauben an Wahrheit und Wissenschaft zu rauben. Wärum soll es uns nicht interessieren, wie ein Mann, den wir sonst bewundern, der befruchtend und umgestaltend in unsere Geistesentwicklung eingegriffen hat, über uns3re Gemeinschaft denkt? Wie soll es uns nicht doppelt interessieren, wenn dieser Mann selber Jude ist, auf der Höhe des Lebens sieht und all die grossen Umwälzungen.mitßrlebt hat, die mit uns im 19. Jahrhundert vorgegangen sind: die bürgerliche Gleichberechtigung, der Eintritt der Juden in die moderne Kultur, die Entstehung und der Ausbau der Wissenschaft des Judentums, die inneren religiösen und kulturellen Kämpfe, endlich das Wiedererwachen des Antisemitisnus. Denn als Gomperz 1832 in Brünn geboren ward, sralt in den österreichischen Erblanden noch das grausame und wahnsinnige Gesetz, wonach nur "in Sprössling einer jüdischen Familie heiraten durfte. Nur -die Reichen konnten, natürlich unter Beeinträchtigung der Armen, sich von dieser Barbarei befreien. Und wer der trefflichen Mutter Theodors damals geweissagt hätte, dass ihr Sohn dermaleinst ordentlicher Professor an der Wiener Universität, Mitglied zahlreicher Akademien und des österreichischen Herrenhauses sein würde, der hätte der frommen Frau für einen Narren gegolten. Welch' merkwürdige Kämpfe muss dieser Mann mitgemacht, welch' interessante Persönlichkeiten muss er gekannt haben! . . . Ich blättertealso in dem Band herum. . . Aber ach, ich fand wohl Abhandlungen über Demosthenes und über einen Grafen Teleky, über Aristoteles und Achmed Tefwik Pascha, über J. St. Mill, Traumdeutung und Zauberei und Mommsen und noch über vieles und vielerlei, aber nichts, was irgendwie mit Juden und Judentum zusammenhinge. Man sieht, die geistigen- Interessen unseres Autors sind sehr mannigfach, erstrecken sich über alle Zeiten und Zonen, nur eins geht ihn gar nichts an: der Jude und sein Schicksal. . ► Doch halt! Da sind zwei Studien über Jakob Bernays und über den Zionismus. Also doch! . . Ich stürze mich förmlich über sie und verschlinge sie. . » Nein, davon sprechen wir nachher. Zuerst zu den Jugenderinnerungen. Gomperz beginnt mit der Schilderung seiner Abstammung, und das nimmt mich im Voraus für ihni ein. Er wurzelt also irgendwo, denk ich, fühlt sich jemandem zugehörig und mitverantwortlich für das- Schicksal einer Gemeinschaft. Bald jedoch werde ich von meinem Irrtum geheilt. Der Familiensinn und die Pietät für den eigenen Stammbaum sind ja etwas« sehr Edles und Achtungwertes, bleiben aber im Grundenur erweiterter Egoismus, wenn die Familie nicht das- Kettenglied ist, welches das Individuum mit dem Yolksganzen verbindet, das allein gross, Ii eilig und unsterblich ist; wenn nicht der Stamm die Laübkrone mit dem Erdreich verbindet, in dem er' wurzelt. Für- Theodor Gomperz aber ist sein Geschlecht eben nur „sein" Geschlecht; kühl bis ans Herz hinan., mit verletzender Gleichgiltigkeit steht er dem Schicksal des jüdischen Volkes gegenüber, mit dem doch das seiner Vorfahren verknüpft gewesen sein muss. Der grosse- Forscher hat sich sogar herbeigelassen, ein paar jüdische Geschichtsbücher nachzuschlagen, um Kunde über seine Familie zu schöpfen, aber in eben diesen Büchern hätte er Gestalten und Persönlichkeiten finden können, die seiner Aufmerksamkeit als Forscher und Darsteller wohl würdiger gewesen wären. Gomperz irrt sich nämlich gewaltig, was die geistige Bedeutung seiner Vorfahren betrifft. Wenn er sich rühmt, dass der König- Friedrich I. von Preussen als Erbprinz an der Hochzeit eines von ihnen teilnahm, so muss man die betreffende Szene in den Memoiren der Glückel von Hameln nach* lesen, um ihre ganze Unerquicklichkeit zu ermessen* Wenn er uns versichert, dass die „Gottesgelehrteflf* unter seinen Altvordern zahlreich waren, so müssen diese Gottesgelehrten ganz irgendwo im Verborgenen geblüht haben, auf die geistige Entwicklung ihres Volkes haben sie aber gar keinen Einfluss geübt. Unsere Literaturgeschichte weiss nichts von ihnem Der bedeutendste unter ihnenf jener Aharon Gumperz, der ein Bekannter von c Lessing und Mendelssohn war, ist herzlich unbedeutend gewesen. Nein, zur Geistesaristokratie des Judentums haben sie nicht gehört. Das war ein altes Geschlecht von anständigen, mehr oder minder reichen Kaufleuten und Bankiers, die in alten Zeiten treu zu ihrem Glauben zu halten, die Thora durch, ihre Geldmittel zu fördern und nach Kräften Wohltätigkeit zu üben pflegten. Mit dem Aufschwung des Handels und der Industrie im 19. Jahrhundert wurden viele von diesen Familien sehr reich, und der Reichtum allein —nicht irgendwelches geistiges Ringen und Uebeiwinden—war ihnen ein Freibrief, um den Zusammenhang mit dem Judentum* allmählich zu lockern, bis er völlig riss. Das kann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.