Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Zur Frage des jüdischen Geistesleben in Deutschland
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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309 Mathias Acher: Zur Frage des jüdischen Geisteslebens in Deutschland. ist aber auch eine Stelle da, die direkt die gegenteilige Ansicht ausspricht. Es scheint, dass die eine Alternative mehr seinen seufzenden Wün sehen, die andere mehr seinen kühlen Blicken auf die Dinge, wie sie sind, entspricht. Wer könnte auch bei ruhiger* Untersuchung des Falles an eine ganz selbständige jüdische Dichtung in deutscher Sprache glauben? Eine solche Selbständigkeit ist vollkommen unmöglich, — nicht deshalb, weil sie heute vielen Juden als eine Konzession an den antisemitischen Standpunkt erscheint — sondern weil die tatsächlichen Voraussetzungen für sie fehlen. Man braucht gar nicht in die Zukunft zu blicken, um jüdischen Dichtern zu begegnen, die nicht in einer „jüdisch-halben" Situation leben, die nicht fürchten müssen, dass man ihnen „Verjudung" irgend einer Literatur vorwerfe, die „mit Leib und Seele, mit Sitten und Anschauungen, Empfindungen, mit Vorzügen und Fehlern" jüdisch sein dürfen, die über ihre eigene jüdische Literatur verfügen. Die Dichter der acht oder neun Millionen Ostjuden, von mehr als zwei Dritteln der jüdischen Gesamtheit, sind ja schon jetzt [in diesem Falle. Sie sind es, ohne früher davon gesprochen, ohne darüber nachgedacht zu haben, ob sie es sein dürfen, — einfach, weil es so gekommen ist, weil sie die Voraussetzungen dafür besitzen. Weil die Ostjuden, wenn auch unter anderem Volke, so doch in besonderen Kulturgr u p p en zu sam m.en wohn en und ihre besonderen Sprachen haben, das gesprochene Jüdisch und das geschriebene Hebräisch, und aus beiden Literatursprachen machen konnten. Der Fall der deutschen Juden liegt aber doch ganz anders. Selbst wenn man zwischen ihnen und den Deutschen di? stärksten und dauerhaftesten Gefühlsdissonanzen annimmt, kann man diese doch nie als genügende Kraft anerkennen, um Träger einer eigenen Literatur ohne eigene* Sprache zu sein. Anders ausgedrückt: HERMANN STRUCK. Der alte Jude- (Siehe Text auf Seite 393/394.)