Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Zur Frage des jüdischen Geistesleben in Deutschland
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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307 Mathias Acher: Zur Frage des jüdischen Geisteslebens in Deutschland. 308 Ja, so wenig* Ambition - für das deutsche Judentum hat nicht einmal de* Jesuitenpater J. Overin, ans, der in'der 'katliolischen 'Zeitschrift „Stimmen aus Maria-Laach" (1911, X. Heft), einen recht interessanten Aufsatz über „die deutsche Literatur und die Juden" veröffentlicht. Wohl .ist ihm ,.die Schädlichkeit des jüdischen Einflusses auf den idealen Gehalt der deutschen Literatur unleugbar" und er trägt sehr dick auf, um diesen Satz zu beweisen. Aber es,ist eigentlich nicht so sehr der Jude, als der rationalistische Freigeist in der. Literatur, gegen den er sich wendet: „Da alle festen Begriffe der Offenbarungsreligion aufgelöst sind, gilt der Indifferentismus Nathans des Weisen als der erhabenste Standpun kt/' Sonst verwahit er sich gegen., die antisemitischen Uebertreibungen ei^os Adolf Bartels * und ,.e:'st recht" gegen den „unwissenschaftlichen und unchristlichen Rassenfanatismus eines Houston Stewart Chamberlain". Er glaubt nicht, dass „jedem Lied von Zweig und jedem Einakter von Schnitzler deutsches Empfinden abzusprechen sei" und ist der Ueberzeugung, ,,dass die deutsche Literatur durch die grössere Beweglichkeit und Geschmeidigkeit des jüdischen Geistes und durch "die stärkere Glut der judischen Phantasie nicht weniger gewinne, als sie durch die meist geringere Gemüts tiefe und Innigkeit jüdischer Dichter verliert'*. Voll .Anerkennung steht er schliesslich vor jener neuen jüdischen Dichtung, deren Anfänge er in Ludwig, August Frank! und Leopold Kompert sieht und deren, zeitgenössische Vertreter im Osten und Westen er etwas gewaltsamzusammenschweisst, — vor jener; Dichtung, „über der ein Leuchten aus Israels grosser Zeit liegt". Kurz, von Zweifel an jüdischen Dichtermöglichkeiten keine Spur. Nichts als ein Berühren von Wunden und ein Aufweisen von Eigentümlichkeiten, wie es ja heute, nachdem das Eis gebrochen ist, auch jüdischerseits geübt wird. Das, Problem selbst allerdings fast ganz nach der Weltanschauungsseite verschoben, d. h. so gestellt, dass nach einer Art innerer Wandlung der deutschen Juden, die ja nicht ganz ausgeschlossen . ist, soviel wie nichts von ihm übrig bleiben würde. Da ist es für Moritz G o 1 d s t e i n., der im „Kunstwart'' (Erstes Märzheft 1912). einen Aufsehen erregenden Artikel „Deutsch-jüdischer Parnass" veröffentlicht, denn doch um ein Bedeutendes massiver und beharrlicher. : „Machen wir uns doch nichts; vor/': ruft er aus, „wir Juden unter uns mögen den Eindruck haben, als sprächen wir als Deutsche zu Deutschen — wir Ii a b e n den Eindruck. Aber - mögen wir uns immerhin ganz deutsch fühlen, die anderen fühlen uns ganz undeutsch. Wir mögen nun Max Reinhardt heissen und die Bühne, zu ungeahntem Aufschwung beflügeln, oder als Hugo von Hoffmansthal einen neuen pöetischeh Stil an Stelle der verbrauchten Schillerschen . Bildersprache * setzen oder 'als . Max. Iiiebcrmarin 'die: moderne Malerei führen: w i i\ mögen das deutsch' nennen, die anderen nennen' es. jüdisch,, sie hören das ^Asiatische' heraus,!.sie vermissen das germanische .Gemüt'„Doch; vielleicht haben die nicht ganz unrecht,", fährt er fort, „die uns das eigentlich Schöpferische absprechen, vielleicht fehlt die ganz grosse .Leistung' — aber nicht weil die grossen Männer fehlen, sondern, weil die Lebensbedingungen fehlen, unter denen allein die geniale Persönlichkeit, der produktive Charakter möglich ist. . . . Ein Schaffender braucht die Resonanz der Massen, vielmehr, das macht ihn zum Schaffenden, dass die Stimme der Massen, die Stimmen der Zeit alle in .seiner Seele .tönen......Welch ein Missklang in der Seele eines deutschen Juden l" Und als Ergänzung dieses Gedankenganges : ,, War um gi bt es soviel j ü d isc h e J o urnal i sten? Ein Journalist ist ein Spiegel: die Bilder des Tages auffangen und zurückwerfen, das ist seines Wesens. I$t es jüdisch, nur ein Spiegel zu sein, statt selbst zu schaffen? Ihr behauptet es, viele glauben es. Ich aber sage: nein. Sondern wer nichts war als ein Spiegel, anschmiegsam, gewandt, wer sich abzufinden, vorliebzunehmen wusste, kam in unserer jüdischhalben Situation obenauf. So musste man sein, um sich in einer Umgebung von Verächtern durchzusetzen. Wer so war, dem glückte es/' Man sieht, der Mann kann denken und beobachten. Nur schade, dass er bei dem Versuche, programmatische Konsequenzen aus diesen seinen Erkenntnissen zu ziehen, eine gewisse Unsicherheit verrät und sich seine Aufgabe selber verwickelt. Was hat es für einen Sinn, wenn er „zur Tat und zum Angriff'' Sturm bläst: „Und endlich einmal werden wir auf die Ehre, ein deutscher Dichter zu heissen und deutsche Kultur zu machen, verzichten" — um eine, halbe . Seite weiter mit tiefem Weh bekennen zu müssen:. „Einen Weg ins Freie kennen wir nicht" . .? W as soll die Drohung mit Absage an die deutsche Kultur, wenn man sich innerlich bemüssigt sieht, Worte wie die folgenden niederzuschreiben: „Dennoch aber gehört auch uns dieser Boden, in den wir seit so langer Zeit unsere. Toten betten, die, wenn sie zu Staub werden,, trotz . allen Rassefanatikern in deutschen Staub, zerfallen müssen. Der deutsche Frühling ist auch uns ein. Frühling, wie der deutsche Winter unser Winter war, und gegen diesen seit Generationen miterlebten Wechsel der Jahreszeiten, was bedeutet unserem Herzen der östlich blaue Himmel, unter dem Palmen, Zedern und Oliven gedeihen? Ein Wunder allenfalls. Sind wir nicht aufgewachsen mit deutschen Märchen? Haben wir nicht mit Rotkäppchen und Dornröschen gespielt, waren wir nicht betrübt über Schneewittchen und froh mit den sieben Zwergen? Lebt nicht auch uns der deutsche Wald, dürfen nicht auch wir seine Elfen und Gnomen erblicken, verstehen nicht auch wir das Rauschen des Baches und den Gesang der Vögel?" Welchen Wert hat. nach diesem geradezu überschwänglichen Bekenntnis die neidvolle Feststellung, dass es das zukünftige jüdische Volk in Palästina und die zukünftige jüdische Kunst im Hebräischen besser haben werden? Und — abgesehen davon, dass es ja auch dann noch deutsche, und wohl' auch deutsch sprechende Juden in, Deutschland geben wird, — wie soll eine im besten Fall, ziemlich ferne Zukunft eine brennende Gegenwartsfrage lösen? Was übrigens Goldstein selber nicht behauptet und weshalb er ja eigentlich so traurig ist. Nun braucht man ja nur nicht zu viel zu verlangen, braucht der Weltgeschichte und der Geschichte des eigenen Volkes nur nicht an allen Ecken zuviel zuzumuten.- um vor -Verzweiflung behütet zu sein. Man braucht dann auch nicht Palliative zu nennen, was vielleicht nur Mittel sind, wie sie den Umständen entsprechend vielleicht die einzigen Mittel, die aus dem Leben der deutschen Juden herauswachsen können. Es geht aus den ' Aeusserungen Goldsteins nicht klar hervor, ob er sich eine jüdische Literatur in deutscher Sprache vorstellt, die ebenso technisch wie geistig von der allgemeinen deutschen Literatur abgesondert sein soll. Manche- Stellen seines Aufsatzes weisen auf eine solche Vorstellung hin. Es