Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- Zur Frage des jüdischen Geistesleben in Deutschland
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 311 - 312 (sequence 4)
- Language
- German
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311 Mathias Acker: Zur Fra^c d< s jüdischen Geisteslebens in Deutschland. 312 Die gemeinsame Sprache ist vielleicht nicht stark genug, um Jahrtausende alte Stamn .osgegensätze and Staniinesieliden zu tilgen, um Seelenphysiognomien ganzer Volker einander zu assimilieren, aber sie reicht hin, um sie literarisch auf einander anzuweisen oder zumindest'aneinander zu schmieden. Zwei Literaturen in einer Sprache sind undenkbar. Dagegen ist in unserem Falle das denkbar, was Goldstein schüchtern als Palliativn ittel empfiehlt: Dass die deutschdichtenden Juden mit ihrem Judentum nicht weiter Versteckens spielen, dass sie aus ihrer Gruppe heraus dieser und dem deutschen Volke sagen, was der Geist sie zu sagen treibt; dass sie sich endlich in grösserem Masse jüdischen Stoffen zuwenden und dabei für die Literatur einen neuen mit unbeeinflussten, jüdischen Augen gesehenen Judentypus schaffen. Das würde dem jüdischen Dichterkreise zwar* keine absolute, aber innerhalb der deutschen Literatur eine gewisse relative Selbständigkeit verleihen. Den jüdischen Dichtern würde die Möglichkeit werden, soviel Judentum, als in ihnen ist und nach Geltung ringt, auszuleben und gerade daru.it würden sie auch für die Gesamtheit an Relief, an Reiz, an Sympathie gewinnen. Goldstein verlangt ein „Organ, das alle schaffenden Juden, eben als Juden, vereinigt, ein Organ, das nicht religiösen oder politischen Einzel- und Wrteizweckcn dient, auch nicht die brave jüdische Gesinnung anstatt der guten Leistung passieren lässt, sondern nichts ist, als eine Sammelstelle des Resten, was Juden in Deutschland leisten". Die Idee ist diskutabel. Aber sie müsste erstens doch etwas genauer ausgeführt werden, um ein Plan zu sein, und zweitens der Plan selbst und seine Ausführung sind im Grunde doch nicht das, worauf es in der Hauptsache ankommt. Mit dem besten Organ wäre nichts gedient, wenn der Geist fehlte, der es ausfüllen soll. Und man kann bei dem Problem., um das es sich hier bandelt, schlimmstenfalls auch ohne das Organ auskommen, so nur der Geist da ist. Wenn ein jüdischer Dichter nach dem anderen die sozusagen Anonymität abwirft, in die sie Im Namen von Wissenschaft und Humanität. Herr Professor Gauehet in Paris ist eine Koryphäe auf seinem Gebiete. So sagen wenigstens die Franzosen, und glauben dabei' gerne seinem Bericht gegen das bekannte Ehrlich'sehe Mittel ,,606*', den er der medizinischen Akademie überreichte. Er bezeichnet die Gefährlichkeit des Mittels als gross, die Heilkraft als klein. Diese Ansicht steht im Gegensatze zu den Ansichten der ungeheuren Mehrheit der Fachleute und im Widerspruch zu der Tatsache, dass bis Ende 1911 in der ganzen Welt 2.'-> Todesfälle nach Kuren mit dem Ehrlich'schen Mittel vorkamen. Wobei nocli eine ganze Reihe dieser unglücklichen Ausgänge auf Ungeübt!)eit des anwendenden Arztes zurückzuführen ist. Gauehet selbst hat persönlich nur von 7 Unglücksfällen erfahren. Und doch ein so vernichtendes Urteil! Aber wer glaubt ihm auch, dass es nur im Interesse der Kranken und der Wissenschaft abgegeben ist? Die lärmende Sympathie der nationalistischen und antisemitischen Aerzte und Pressorgane in Frankreich, sich jetzt alle ,,wohlweislich'' hüllen, wenn eine]' nach dem andern zur Abwechslung einmal auch in Leben und Vergangenheit seines Stammes untertaucht, um dort Gestaltungsschätze zu holen, — dann wird ganz von selbst soviel Remedur geschaffen werden, als möglich ist. I )ann wird auch ohne alle Formen innerhalb der grossen deutschen Literatur eine bescheidene jüdische Dichterrepublik erstehen, die das Problem, für alle Teile so zufriedenstellend, als es eben geht, lösen wird. Die Frage ist nur, ob man auf eine solche Einkehr oder Umkehr der jüdischen Dichter deutscher Zunge rechnen kann. Manches spricht dafür: vor allem, dass sie eigentlich schon begonnen hat. Wenn man die heutigen Zustände mit denen, die noch vor einem Jahrze'nt herrschten, vergleicht, ist unbedingt ein Fortschritt festzustellen. Ein gewisses trotziges Bekennen zu dem alten und kulturgebeizten Volke, dem msn entstammt, bricht durch. Und gerade bei denjenigen, die die Besten sind! Das lässt hoffen, enthüllt aber allerdings gleichzeitig auch, wo die eigentliche Schwierigkeit der Situation liegt: dass sie nicht oben in der Höhe, sondern unten in den Niederungen zu suchen ist. Nicht an Material für Könige fehlt es, sondern zu viel Material für Kärrner kommt in Verwendung. Die vielen, viel zu vielen Kärrner sind es hauptsächlich, die uns selber und den anderen soaucI Beschwerden machen. Vielleicht wird aber schliesslich die Sache doch vom Kopfe aus ins Reine gebracht. Am Ende hängen ja doch die Kärrner von den Königen ab und nicht umgekehrt. Und wenn die jüdischen Könige aufhören werden, sie in Bewegung zu setzen — als Kärrner lediglich der anderen werden sie vielleicht ungefährlich. Mit der Zeit vielleicht auch beseitigt. Und vielleicht wird ein bisschen mehr Gleichberechtigung, das ihnen andere Lebensniöglichkeiten schafft, dabei mithelfen. Gewiss, — ein Vielleicht über das andere. Aber ein Schelm, wer mehr bietet! Nach den vielen Jahrzehnten, die es in Gleichgültigkeit gegen sich verbrachte, muss sich das deutsche Judentum jetzt auch schon am Vielleicht erfreuen können. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Russland und anderwärts zeigen uns den Weg zum Verständnis des guten Mannes. Der deutsche Jude hat es ihm angetan. Den kann er nicht verwinden. Und darum müssen evidente Tatsachen, Beweise geleugnet werden. Und darum soll Millionen von Unglücklichen der Gegenwart und Zukunft keine Rettung werden. ... Ach, warum hat Dr. Ehrlich kein Mittel gegen die garstigen Geschwüre der Seele entdeckt?! * * * Kanada als Wetterwinkel. In Kanada — dieser grossen autonomen britischen Kolonie Nordamerikas — herrscht schon seit langem eine sehr starke antisemitische Bewegung, die mit der rasch anwachsenden jüdischen Einwanderung selbst immer mehr zunimmt. Pogromreden im Parlamente sind dort keine Seltenheit. Besonders tut sich das starke französisch-katholische Element des Landes durch seinen Judenhass hervor. Darum wurde wohl auch seinerzeit der Wagen der französischen REVUE DER EREIGNISSE.