Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Die weißen und schwarzen Juden des südlichen Indien
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 245 - 246 (sequence 2)
- Language
- German
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245 Ernst von Hesse-Wartegg: Die weissen und schwarzen Juden des südlichen Indien. 246 grotesken Bauart, wie wir sie von alten Bildern her kennen, mit hohen Bug und Stern, und kurzen, dicken Masten, auf denen die kühnen Seeleute von der Mala barküstc die Produkte Cochins, Reis, Pfeffer. Gewürze, Bauholz usw. über den Indischen Ozean nach Arabien, in den Persischen Golf oder nach Bombay bringen. Auf ähnlichen Schiffen dürften auch die ersten Juden von der arabischen Halbinsel nach Indien gekommen sein, als noch die schwarzen nackten Hindus und Nairs die einzigen Bewohner Cochins waren. Auf sie folgten in den ersten Jahrzehnten unserer Zeitrechnung der heilige Thomas mit einigen syrischen Christen, die hier eine kleine Gemeinde gründeten. Cm das Jahr 350 wurde diese durch Zuwanderer aus Syrien verstärkt, und im zehnten Jahrhundert siedelten sich hier auch Christen aus Bagdad, Niniveh und Jerusalem an. Als die Portugiesen, unter Yasco da Gama im. Jahre l/i98 an diesen Küsten zum erstenmal erschienen, fanden sie in Cochin recht ansehnliche 'Christen- und Judengemeinden vor, und das mag wohl mit die Ursache gewesen sein, dass sie hierher einen ihrer Regierungssitze verlegten. Als ich von Ernacolam nach Cochin kam, Hessen mich die Ruderer meines Bootes an der sandigen Küste von Matantscheri landen, die südliche Vorstadt von Cochin, eigentlich nur ein geschäftiger Basar mit niedrigen Holzhäusern und hu n te n \ Yar en I agern. An ihrem nördlichen Ende liegt das alte Cochin. Eine solche Stadt hätte ich in den sonnigen Tropen Indiens sicher nicht erwartet. Hohe Häuser, in enge, finstere Gässchen zu sa i n in enge d r ä n gt, halb portugiesisch, halb holländisch, ä 1 i n I ic h wie d as G h etto von Oporto oder das Geschäftsviertel von Pcrnambuco oder ein Stück des ältesten Amsterdam, mit demselben Schmutz, derselben Feuchtigkeit und 1 Himmerung. Bingszu bauen, dem Muster H>(v>, wurde Rabbiner der weissen Juden in Cochin. um strahlte die Tropensonne, der ewig tiefblaue Himmel, das unendliche Meer; ringsum die satte Färbung des gelben Strandes, de:4 grünen Palmen und Bananen, in der Stadt aber nur dämmeriges Grau. Als die Portugiesen hier ihre Faktoreien gründeten, kannten sie eben noch nicht die Kunst, ihre Wohnungen dem Klima entsprechend und errichteten einfach Häuser nach ihrer Heimatsstädte. Anderthalb Jahrhunderte später, das portugiesische Cochin von den Holländern erobert, die nun wieder den Amsterdamer Baustil einführten, und so bekam die Stadt das eigenartige alteuropäische Aussehen, in das (»in paar Hindubauton, ein heiliger, allen Europäern unzugänglicher Brahmatempel und das halbverfallene Selvioss des Königs von Cochim seltsame Kontraste bringen. Die alten Europäerhäuser bilden jetzt die Wohnungen der weissen und schwarzen Juden. Bei meinen Spaziergängen durch die engen Strassen sah ich nichts als Juden, Männer mit w*g*;Xti:\t langen, bärtigen Gesichtern und ausgesprochen jüdischem Typus. An den Hauseingängen und Fenstern, ebenso wie auf den Yortreppon Mädchen, Frauen, Kinder, die neugierig dem. fremden Wanderer nachblickten, alle in bunter Kleidung, mit reichem Goldschmuck an Hals und Armen, die Gesichtsfarbe indessen ähnlich hell, wie bei Europäern, ja viele darunter mit blondem Haar und blauen Augen! Die Männer tragen von den Schläfen herabhängende Bingcllocken, wie wir sie noch bei den polnischen J uden gewohnt sind, die Frauen haben ihr Haar zumeist glatt gescheitelt. Ihr Aussehen ist gesund und kräftig, und jedenfalls haben sie sich durch so viele Generationen hindurch in das tropisch heisse Klima vollkommen eingelebt. I )ieblonde Haarfarbe mag indessen daher stam-