Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Die liebe Provinz
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 239 - 240 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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239 Seh. Gorelik: Die liebe Provinz. 240 spät, — so war daran niemand anderer schuld, als Asriei, der in dem Mädchen solche Lust zum Lesen erweckt hatte. Und wenn der .Angestellte im Tuch- Geschäfte von seinem Chef zur Rede gestellt wurde, weil er zerstreut war und statt dem Namen des Kaufmanns einen ganz sonderbaren Namen, Ferdinand Lassalle, auf die Rechnung gesetzt hatte, so hatte auch das wieder Asriei auf dem Gewissen. Denn er hatte gestern im Stadtgarten von dem deutschen Juden erzählt, der ein so grosser Mensch gewesen und so jung gestorben sei. Ueberhaupt war es schon so: Wenn Asriei in unsrer Stadt weilte, fingen die Leute an, länger in der Bibliothek zu sitzen und öfter die Bücher zu wechseln. In den .Alleen des Gartens bildeten sich Gruppen und Asriei ging von einer zur anderen. Lud wenn alle schon fortgingen, so blieb noch Asriei mit irgend jemandem zurück, den er unter dem Arm fasste und auf den er mit seiner leisen Stimme einredete: „Wenn wir leben, so sollen wir doch wissen, wozu. Nicht walirV .Müssen wir doch ein Ideal haben. Gewiss, man kann ein Krämer sein, den ganzen Tag mit den Kunden feilschen, am Abend die Losung nachzählen, dann nach Hause schlafen gehen, um des Morgens ganz früh wieder aufzustehen und mit den schweren Schlüsseln klappernd über den Marktplatz zu gehen. Aber das ist doch zu wenig. Das ist doch nicht das, was notwendig ist." Ich erinnere mich eines Sommerabends: Ich gehe mit Asriei aufs Feld hinaus. Die Leute machen gerade Feierabend. Junge Frauen binden die letzten Korngarben. Ein Bauer wischt sich gerade mit dem Aermel den Schweiss von der Stirn, betrachtet eine Weile das geschnittene Getreide. Dann legt er die lange Sense auf die Schulter und geht zufrieden und ruhig dem Dorfe zu. Wagen, mit Weizen und Korn beladen, fahren gemachlich dahin. Kleine Kindel' sitzen oben auf, mit Strohhalmen im Munde. Müde, aber fürs trockene Wetter dankbare Bauern schreiten langsam daneben, rauchen aus langen Pfeifen und treiben die Ochsen mit langen Peitschen an: .,Cob hei, Cob hei!" Und dort in der Stadt ist es staubig. Man wird bald zum Abendzug fahren. Verstaubte Juden mit staubigen Barten werden in den Droschken sitzen und neuen Möglichkeiten nachsinnen, wie etwas zu verdienen. Auf dem Feld riecht es nach frischem Heu. Asriei atmet diekühle Abendluft ein und sagt ganz leise: „Ach. wie gut, wie gut!'*' Zeigt dann auf die umliegenden Dörfer und fügt hinzu: ..Und doch sind die Menschen dort unglücklich." ..Warum?'* frage ich. ..Alle sind sie unglücklich. Von früh morgens bis zum Abend bedecken sie wie Heuschrecken das Feld. Und fühlen nicht, wie recht und natürlich der Weg ist. den sie gehen. Für sie ist es nur ererbte Sache. So will es ihre Kultur, ihre Dorfkultur. Als Kinder füttern sie die Rinder, Schafe und Pferde. Später pflügen und besäen sie das Feld. Es ist kein Ideal, kein Ziel für sie/' ,,Lieber Asriei," antworte ich, ..vielleicht ist gerade dies das Gute, den rechten Weg zu gehen und es gar nicht zu fühlen. Da lebt einer ein ganzes Leben, tut Gutes, rettet mehr als einmal Unglückliche und stirbt zuletzt, ohne zu wissen, dass er ein Gerechter war/' ..Xein, nein, sagt das nicht/* ruft er mit abwehrender Handbewegung und führt mir an einer ganzen Reihe von Beispielen aus seinem erfahrungsreichen Wanderleben den Gedanken aus, dass vor allem der Kampf, das Ueborwinden, der Uebergang von einem Zustand zum zweiten wichtig sei. * > .). Wie alle unruhigen Naturen, so konnte es auch Asriei nicht lange an einem Ort aushalten. Oft verschwand er für eine oder zwei Wochen, manchmal auch für länger'. Dann kam. er wieder zurück, klar und still, mit demselben stillen Licht in seinen Augen. Er fühlte sich mit unserer Stadt, in der er unter den jungen Leuten viele ergebene Freunde besass, besonders verknüpft. Das trat freilich so recht deutlich erst später hervor, als die schweren Zeiten für ihn anbrachen. Er hatte sich bei uns einbürgern lassen und war hier zur Stellung gerufen worden. Doch sein Körper war zu dürr und zu schmal. Man. entliess ihn auf ein Jahr. Inzwischen sollte er trachten stärker zu werden. Das tat er nun nicht und blieb so dünn, und fleischlos wie zuvor. Aber das zweite Mal kümmerte sich die Kommission nicht mehr darum und nahm ihn. Eines Morgens kam er auf einen Sprung zu mir, in kurzer Joppe und hohen Stiefeln. ..Lebt wohl! Ich gehe dienen/* Aber kaum zwei Monate später kam er schon in einem Arrestwagen auf unserem Bahnhof an. Zwei Soldaten mit aufgepflanzten Hajonetten führten ihn ins Gefängnis. Er hatte, ohne Geld und Pass, versucht nach Amerika zu entfliehen. Natürlich hatte man ihn gepackt und zurückgebracht. Jn unserer patriarchalischen Stadt ist das Gefängnis nicht so grausam, wie die Gefängnisse in den grossen Städten. Einstöckig, mit breiten Fenstern. Der Wachtposten im Schilderhaus langweilt sich, schläft manchmal ein oder unterhält sich mit dem Dienstmädchen des Kreiskommissars. Solche günstige Augenblicke werden von Asriels Freunden ausgenützt. Er sitzt au f einer Bank am Fenster hinter dem eisernen Gitter. Sie schleichen sich heran, reichen ihm Tabak, Konfekt, Sträusse von Feldblumen. Er nimmt alles entgegen, nickt und lächelt sein eigentümliches Lächeln, das ihn nie verlässt. Asriei erhielt für seine Flucht vom Regimente, weil sie die erste war, nur eine kleine Strafe. Er büsste sie ab und sollte nun wieder zu seinem Regiment einrücken. Der Militärbeamte Hess ihn kommen und riet ihm, ruhig seine drei Jahre abzudienen. ..Wie ich sehe, kannst du nicht entwischen. Man hat dich ja .gleich wieder. Also mach die drei Jahre und Schluss!" Seine Bekannten gaben ihm denselben Rat. ..Ja, ja," sagte Asriei, „es muss gedient werden/' Und nahm wieder Abschied. Und alle glaubten, dass Asriei in irgend einer Provinzstadt Inner-Russlands seine Militärjahre ab-