Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Die liebe Provinz
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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237 Sch. Gorelik: Die liebe Provinz. 238 dein Juden!" schreit er seinen Beamten zu und zieht sich in sein Kabinett zurück. Der kleine blasse, ewig lächelnde junge Mann ohne Mutze — er hiess Asriel und war Buchbinder — verHess die Polizeistation. Die Beamten, der Sekretär und die Schreiber, die an den grossen Tischen sassen, begleiteten ihn mit hellem Gelächter. Sie lachten über das schwache Jüdchen, das zu verhaften der Kreiskommissar unter seiner Würde hielt. Wer wird denn auch mit halbkrepierten Fliegen kämpfen? Asriel, der Buchbinder, war nicht etwa deshalb entlassen worden, weil der Kommissar die öffentliche Ordnung nicht genug hütete und darum gewohnt war, gefährliche Verbrecher laufen zu lassen, sondern weil er, der erst unlängst vom Kaukasus hierher versetzt worden war, seine eigene Logik hatte. Für ihn war jeder Gegner der Regierung in erster Linie ein Mensch von grosser physischer Kraft. Er war vom Kaukasus her an Revolutionäre gewöhnt, die man binden musste, an hochgewachsene, breitknochige Männer mit sonnenverbrannten Gesichtern. Und er zweifelte keinen Augenblick, dass auch die berühmten Leute, die im Ausland die gefährlichen atheistischen Bücher schreiben. Riesen und Athleten sind. Aber dieser Asriel? Ein dürres Jüngel, das man nicht ohne Mitleid betrachten kann, das man am liebsten sattessen lassen möchte. Gelegentlich sieht man ja solche Jüdchen, wenn sie per Schub eskortiert werden, weil sie keinen Pass haben, oder wenn sie nach Amerika entwischen wollen und an der Grenze gepackt werden. Vor solchen armseligen Wichten wird man doch keine Furcht haben. Die können doch nicht die Ordnung umstürzen, den Staat unterwühlen. . . . Und doch täuschte sich der Herr Kommissar'. Asriel, der Buchbinder, hatte alle Merkmale eines Menschen, der fähig ist, Umstürze, innere Katastrophen herbeizuführen, die Tatsachen umzuformen, Leute für Dinge zu interessieren, die ihnen früher gar nicht in den Sinn kamen, sie zu zwingen, aus der Alltags weit in eine ganz andere hin überzugleiten. Der magere, blasse junge Mann gehörte zu der Familie jener wandernden, unruhigen Missionare, die neue Ideen über fremde Länder und Städte verbreiten. In unsere Stadt war er eines Morgens mit einem kleinen Bündel auf dem Rücken eingezogen. Er kam weither, aus Litauen, wo es damals brodelte wie in einem Kessel, wo die jüdische Jugend durchaus von revolutionären Ideen, wie Sozialismus, Anarchismus usw. durchtränkt war. Aber nicht als wandernder Agitator von dem bekannten Schlag kam er, mit bestimmten Instruktionen, im Auftrag dieser oder jener Partei, um das Licht ihrer Theorien in Städte zu tragen, denen dieses Heil noch nicht widerfahren war. Nein, er gehörte zu keiner Partei, trat im eigenen Namen auf, wusste nicht viel von Theorien. Vielleicht hätte er, darum gefragt, nicht einmal die Grenzen angeben können, die eine Partei von der andern trennen. Asriel war es gelungen, sich aus allen den modernen Ideen, die damals unter der jüdischen Jugend herrschten, ein wunderbares Mosaik werk zusammenzustellen. Und weil er nicht wusste, wie er es nennen sollte, weil er keine Formel für seinen Glauben zu finden wusste, wählte er ein altes, verstaubtes, abgenütztes, verlachtes Wort: I d e a 1. Für ihn teilten sich die Menschen in zwei Lager: Das eine war ohne Ideal, in ihm standen alle Bösen und Verdorbenen; das zweite lebte mit einem Ideal. Da drin waren die Opferwilligen, die Uneigennützigen, die Pflichterfüllenden. Polen und Litauen durchstreifend, hatte er alles in sich aufgenommen und dann aus dem Erlebten, Gehörten und Gesehenen, in seinem inneren Laboratorium eine eigenartige Religion gebildet. Denn eigentlich war Asriel kein Revolutionär, sondern eine religiöse, sehnsüchtige Natur und erinnerte sehr stark an den bekannten Typ des russischen Sektierers aus den entlegenen russischen Dörfern. Er hatte ja auch jenes milde, klare, lichte Lächeln, das Mensehen eigen ist, deren Dasein von innen aus erhellt wird. Er war einsam, ohne Eltern, die schon lange gestorben waren. An die Einsamkeit war er schon gewöhnt und zufrieden mit seinem Fach, das ihn nicht zwang, an einem Ort zu bleiben. Er war nicht nur Buchbinder, sondern auch Tapezierer. Fuhr von Stadt zu Stadt, oder ging auch zu Fuss. Trat unterwegs bei einem. Gutsbesitzer oder reichen Pächter ein. Waren keine Rücher zu binden, so gab's immer irgend eine andere Arbeit. Er liebte die Natur und das Schweigen. Hörte gerne anderen aufmerksam zu. Nur wenn es nötig war, sprach er. Und auch seine Rede war ganz eigenartig. Er pflegte dann ganz dicht an den Zuhörer heranzurücken, wie wenn er ihm. ein sehr* wichtiges Geheimnis anzuvertrauen hätte. Und immer erzählte er von Menschen, die ein Ideal haben, von Opfern und Heldentum. Einem Skeptiker wäre er wegen seiner Naivität sicherlich langweilig geworden. Ein Revolutionär hätte den ewigen Frieden in seiner Seele nicht vertragen. Zum Glück traf er mit derlei Leuten selten zusammen. Er kam zu den ganz Jungen, zu den Anfängern, zu denjenigen, deren junge Seelen noch nicht erwacht waren oder die rührend zart und unruhig auf den Erwecker warteten. Ein solcher Erweckcr war Asriel. Die verstecktesten Winkel suchte er auf, und mit seinen stillen Worten, mit seinen interessanten Geschichten und Legenden ermunterte er die Seelen. Nach ihm pflegten dann andere zu kommen, schon mit bestimmten Theorien, um seine Schüler auf die verschiedenen Parteien zu verteilen.. Aelter geworden, pflegten die Schüler selbst über den sonderbaren .Ruchbinder zu lächeln. Sie erinnerten sich dennoch mit dankbarer Liehe des Zusammentreffens mit ihm. An vielen Stellen in jüdischen Städten hatte Asriel unter Gymnasiasten, Gymnasiastinnen, jungen Handelsangestellten und sonstigen jungen Leuten aus guten Häusern Freunde, mit denen er auf Du und Du stand. So auch in unserer Stadt. Wenn die Apothekerin vom Schlafzimmer heraus ihrer Tochter, der Gymnasiastin, zurief, sie möge doch schon endlich mit dem Lesen aufhören und die Lampe auslöschen, es sei schon