Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Die liebe Provinz
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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241 Sch. (lorelik: Hie liebe Provinz. 242 diene. Seine Freunde erwähnten-ihnoft, stellten sich ihn irrt grauen Soldatenrock vor, mit dein Gewehr auf der Schulter, wie er in den dichten Reihen mitmar- .schiert und dabei denkt, dass solches Marschieren und ßüchsentragen doch nicht Menschenziel, nicht das Ideal sei. Aber warum schreibt er denn nicht, fragten sie sich, und stellten sich ihn wieder krank vor, im Militärlazarett liegend, mit einem grauen Linnen zugedeckt, und den beiden Militärärzten zuhörend, die sich über ihn unterhalten. „Na, mit dem Juden ist ja nichts zu machen. Das beste ist, ihn zu befreien und zu seinen Judchen z u r ü ckzu schick en.'tf Wie gross war nun al ler Ueberrase hung, als eines schönen Tages ein guter Freund Asriels eine Postkarte mit ausländischem Poststempel erhielt, auf der ihm Asriel mitteilte, dass ihr Schiff heute in Port- Said angekommen sei und dass sie morgen weiterfahren. Es kamen dann später von Zeit zu Zeit noch weitere solche Karten mit Briefmarken verschiedener Länder und Orte, von Rio de Janeiro, aus Chile, von Neuvork, von Lissabon. Der reine fliegende Holländer. .Aus einem langen, ausführlichen Briefe, den wir nach einem Jahre erhielten, erfuhren wir schon etwas mehr von Asriels Reisen: Er kommt in verschiedene Länder, fährt über alle Meere. Die Fahrten kosten ihn nichts. Der schwache, blasse Mensch arbeitet als Schiffsjunge, heizt die Oefen, hilft den Matrosen, verrichtet die schwersten Arbeiten, und sieht Gottes weite Welt dafür1. Wenn der Dampfer anlegt, steigt "i* ans Land, besieht sich die Stadt. Gefällt sie ihm und kriegt er Arbeit, dann, bleibt er so lange dort, bis er genug hat. Dann fährt er mit dem nächsten Dampfer weiter. In Buenos Ayres hat er Bretter getragen und in Portugal ist er "Wächter in einem \Veingarten gewesen. In dem schwachen, abgemarterten Leihe stockte die wunderbare Zähigkeit des Sektierers. Oft dachte ich, es müsse doch interessant sein, zu wissen, was aus Asriel geworden sei. Oh er noch immer der kleinstädtische naive Idealist ist, der ein Ideal, ein Lebensziel sucht. Oder oh er vielleicht schon einen breitkrempigen Hut und eine rote Krawatte trägt, Anarchist und jenem Gasorio ähnlich ist, der den Präsidenten Garnot ermordete. . . . \. Ganz unerwarteterweise sollte ich wieder mit ihm zusammentreffen. Das war in einer der schweizerischen Universitätsstädte, in einer russischen Studentenversammlung. In dem engen, rauchgefüllten Saale wurden heisse Debatten über wichtige Fragen geführt, Programme und Parteien kritisiert. Es war ein Turnier revolutionärer Theoretiker, ein fanatischer Disput, in welchem ebenso Demagogie wie ehrliche, tiefe Ueberzeugung zur Geltung kamen. Die Redner auf der Tribüne lösten sich ab. Der letzte war ein ärmlich gekleideter, kleiner junger Mann, mit tiefliegenden Augen. Er sprach ein schlechtes .Russisch. Aber man hörte ihm mit ganz besonderer Aufmerksamkeit zu. Es herrschte eine Stille, wie sie in diesem Saale selten war. Offenbar machten die seltsamen Worte des Unbekannten grossen Eindruck. Er sprach von hohen Idealen, die von unreinen Händen besudelt worden seien. Er behauptete, dass reine Herzen wichtiger als feste Programme seien, und dass der Gütige der grösste Philosoph und Künstler sei. Er erzählte von seinen Wanderungen über die. ganze Welt, kritisierte die amerikanischen Sozialisten und die argentinischen Anarchisten. Mit heiserer, zitternder Stimme eilte er von Rild zu Bild. Als er schloss, spendete ihm niemand Beifall, aber aller Blicke folgten ihm. Man fragte, wollte wissen, wer der junge sonderbare Mensch sei. Es war kein anderer, als Asriel, der Buchbinder. Des Morgens begleitete ich ihn in das Dorf, in dem er arbeitete, und auf dem Wege erzählte er von seinem Leben während der letzten Jahre, von seinen Leiden, von der schrecklichen Not, die er gelitten hatte, und wie ihn die Matrosen anfangs nicht als Schiffsjungen annehmen wollten. Und, eine Weile stellen bleibend, fragte er: ,,Wisst Ihr auch, dass von vielem 11 ungern die Zähm4 ausfallen? Ich verstehe zwar nicht,wie das zusammenhängt, aber Tatsache ist es," fügte er lächelnd hinzu. ,,[;nd was wollt Ihr jetzt beginnen, Asriel?" ,,lch denke nach Russland zu gehen," antwortete er mit einem Seufzer, ..habe starke Sehnsucht nach unserer Stadt, nach 'unserem Flüsschen, dem GhohoL" ,AYie? Ihr wollt . . .? wunderte ich mich. ,,Ja, ganz einfach,"''' sagte er. ,,lch denke1 zu Fuss durch die Schweiz und Deutschland zu geben, bis an die russische Grenze. Dort will ich bitten, mich zu verhaften und nach Haus zu bringen. Auf dem Weg will ich arbeiten. Ich habe keine Angst. Es gibt auf der Welt viel mehr gute Menschen, als man gewöhnlich glaubt. liier kann ich nicht länger bleiben. Die Schweizer sind langweilig. Was ist das für ein Loben, das sie führen — ohne Ziel, ohne Ideal!" Ich sah, dass er der alte Asriel geblieben war, und versuchte nicht, ihn von seinem Plan abzubringen. \\ usste ich ja, dass es vergebens sein werde, und dass ihn die wunderbare Energie, das innere Glaubensfeuer, das unaufhörlich in ihm. brannte, schliesslich dahin bringen müssten, wohin er gehen wollte. 1 'nd es kam auch so. In einem Brief, den ich einige Zeit später* erhielt, las ich : ..Denke dir, nach vierjährigem Wandern ist Asriel, der Buchbinder zurückgekommen. Allerdings nicht allein. Es haben ihn wieder zwei Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten gebracht. Er ist wieder im Gefängnis, sitzt wieder' auf der Bank am Fenster und lächelt wieder mit seinem wunderbaren Lächeln den Bekannten zu. Nur dass er jetzt streng bewacht wird. Man sagt, dass er für die dritte Flucht eine schwerere Strafe erhalten werde: mehrere Jahre Strafbataillon. .Armer Asriel!" — schloss der Brief.