Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Der Prophet Nostradamus
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 229 - 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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229 Erich Karl Borck: Der Prophet Nostraclamus. 230 ARNOLD MONAT. - BERLIN. Portraitbüste des Herrn Sch. prophetische Kräfte zusprechen zu wollen. Es wird Tagfür Tag massenhaft prophezeit, alles Falsche wird vergessen, vom. Richtigen war das meiste mit einiger Kombinationsgabe vorauszusehen, der Rest ist Zufall oder irrelevant. Don Propheten, den wir gelten lassen dürfen, macht vor allein die Quantität seiner richtigen Schauringen, ihr Wort für die Welt und die Zahl seiner Irrtümer ans. Nun müssen wir zugeben, dass sich Prophezeiungen meist auf die äussere Welt beziehen; dass wohl Kriege, Schlachten, Fluchten, Tyrannenstürze, Siege und Seuchen vorhorgesagt wurden, aber niemals geistige Taten, und beträfen sie die allerletzten, wichtigsten Dinge. Ich glaube, das [ässt sich einigerm.assen erklären. Bei aller Abneigung der zeitlichen Fernseher, über die Begleitumstände ihrer Sensationen Angaben zu machen, scheint das Fernsehen halluzinationsartiges, geistiges Sehen zu H'in; eine bis zur (»reil'barkeit deutliche Vision, wie wir sie oft im Traume haben. Diesem Sehen entziehen sich aber geistige Taten; denn erstens sieht man eine geistige Tat nicht, zweitens ist das, was man von einer geistigen Tat sehen kann, wie etwa die Titelseite der ,,Kritik der* reinen Vernunft" nicht ihr Wesen. Wenn ein Fernseher einen Dolchstoss, einen Bastiltensturm sieht, so schaut er die Tat. Geistige Emotionen entziehen sich aber dem körperlichen Auge des Menschen und daher auch dem geistigen des Fernsehers. In jeder Hinsicht entspricht nun Michel Xostradamus dem Ideal eines glaubenswerten Propheten.' Er hat viele tausende Dinge prophezeit. Seine Aussprüche sind von ihm selbst in Vierzeilern, Quatrains, verfasst und zu je hundert, zu einer Centurie, zusammengestellt worden. Um aber ihre Enträtselung zu verllindern, ist die Sprache durch allerlei Mittel: Umstellen von Worten, Einschieben von Ruchstaben, Benutzung älterer Formen, fremdsprachliche Unterbrechungen verdunkelt worden. Es ist schliesslich zu begreifen, dass ein Prophet, der die nächsten Jahrtausende (1555—3797) voraussieht, metaphysisch genug ist, das Geschaute nicht klar auszusprechen, menschlich genug, es nicht völlig zu verdunkeln. Einige Hundert dieser Quatrains haben die überraschendsten J)eutungen bekommen. Das Ruch ist 1555 zum erstenmal erschienen, noch heute in mehreren Exemplaren — z. I». in der Münchener Hof- und Staatsbibliothek — vorhanden und nach dem Zeugnis von Sachverständigen wirklich ein Originaldruck. Aber was würde selbst eine Fälschung aus dem 18. Jahrhundert für eine Sammlung von Prophezeiungen bedeuten, die die Regierung Napoleons, die Schlacht bei Sedan und hundert andere nicht minder fabelhafte Dinge weiss und voraussieht. Zur Herausgabe fühlte sich aber Nostradamus nur dadurch veranlasst, dass einige der prophezeiten Ereignisse in Kürze bevorstanden, so die Abdankung Karls V., die Hugenoftenluiego usw. War* schon das Motiv der Edition rein, so zeigt auch das ganze Leben dieses Mannes, alles was wir von ihm und über ihn wissen, dass er alles eher als ein Charlatan war. Niemandem drang er sein Wissen auf. niemandem wurde er durch seine Gaben Listig und Menschen. ARNOLD MONAT. BERLIN. Portraitbüste des Herrn Rechtsanwalt L.