Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Der Prophet Nostradamus
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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227 228 DER PROPHET NOSTRADAMUS. Von Erich Karl Borck. Nachdruck verboten. Obwohl uns Kant gelehrt hat, so vorurteilsvoll wie möglich über unsere Erkenntnis der Welt zu denken und bei allen Erfahrungen die Begrenztheit und Unvollständigkeit unserer Sinnesorgane zu berücksichtigen, gibt es doch noch immer eine Erfahrung und eine Beobachtung, der sich die Gebildeten gegenüber so ablehnend wie nur möglich verhalten. Sie haben Angst für dumm, überspannt und altweiberhaft zu gelten und betäuben alle Ahnungen und Stimmen in siel), die deutlich malmen, sich ja nicht skeptisch und hochmütig von einer Welt zu wenden, die wir zwar nicht kennen, die aber mit hunderten Zeichen zu uns redet und geredet hat. Ich meine jene Welt des Geisterhaften und Spukhaften, der Gespenster, transzendenten Körper und Materialisationen, des Fernsehens und Ferndenkens, die ihre höchste Synthese in der präsumptiven Kraft einiger Menschen findet, prophezeien zu können. Mit ebensoviel Berechtigung, als sich ,,ernste Männer" von Besprechungen dieses Themas abwenden, mit soviel Berechtigung werden sie einmal zuhören dürfen. Denn es scheint mir ebenso gewiss, dass es noch etwas Rätselhaftes gibt, wie es unzweckmässig ist, sich eingehend damit zu beschäftigen. Die Beschäftigung verwirrt, und wir haben es gerade heute am allerwenigsten nötig, uns durch Blicke auf das Chaos überflüssig beirren zu lassen. Aber ich glaube, ein Blick kann nicht schaden, und auch Goethe, der im Gespräch mit Eckermann kräftig genug gewarnt hat, sich mit Transzendentalem zu beschäftigen und durch Fausts Mund Toren nennt, ARNOLD MONAT. BERLIN. Portraitbüstc des Herrn T. die die Augen dorthin blinzelnd richten, auch Goethe, meine ich, der in ,,Dichtung und Wahrheit" Beiträge aus seiner Erfahrung zur Frage des Uebersinnlichen beigesteuert hat, würde dieses eine .Mal zuhören. Ich möchte nämlich im Anschluss an ein Buch: „Prophezeiungen" von Dr. Max Kemmerich (Verlag Albert Langen), auf die Prophezeiungen des jüdischen Arztes Michel Nostradamus (1503—1566) zu sprechen kommen, die wohl nicht ihresgleichen haben dürften. Abgesehen von einigen neueren lebenden Fernsehern, die ihre Schauungen in Druck gaben, bevor sie eintrafen, sind die meisten Propheten und Prophezeiungen, die Kemmerich zusammengestellt und mit etwas gar zu wohlwollendem Auge betrachtet hat, von problematischem Wert. Am bemerkenswertesten scheinen mir die modernen zu sein, weil eine Zeitschrift, die 10—20 Jahre alt ist, vor jedem Betrüge schützt. Was also im 19. und 20. Jahrhundert an Prophezeiungen vor ihrem Eintreffen gedruckt wurde, muss als Wahrheit — wenn auch als unerklärbare — anerkannt werden. Alte Druckschriften können immerhin gefälscht werden. Nohen den modernen kann ich aber nur die Prophezeiungen Gazottes und die von Nostradamus gelten lassen. Die ersteren beziehen sich auf Details der französischen Revolution, die letzteren auf zahllose Ereignisse der äusseren Welt. Ausser Nostradamus kommen aber noch an dieser Stelle die alten jüdischen Propheten in Betracht, die Kemmerich kurz untersucht hat. Danach haben Arnos, Micha, Jesaija, Jeremia, Ezechiel, Deutero-Jesaias, I )cutero-Jeremias, Ghaggai und Zacharias Dinge prophezeit, die tatsächlich eingetroffen sind. Arnos prophezeite um 8O0 vor der gew. Zeitrechnung den etwa 720 erfolgten Untergang des Zehnstämmeroiehes durch die Assyrer. „Ich werde euch vertreiben, weit über Damaskus hinaus" ruft er Kap. 5, Vers 27 aus. Genau so, wie er den Fortbestand des Hauses Juda verkündigte und es von der Vernichtung ausnahm, ist es aber gekommen. Noch auffallender scheint die Prophezeiung Michas zu sein, der das Exil prophezeite und das Exilland der Juden, nämlich Babylon, nannte, obwohl dieses damals noch unter der Herrschaft der Assyrer stand. Gleichzeitig verkündete er aber auch die Rückkehr der Juden, denn er sagte (4, 11): „Tochter Zions, du musst zwar zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen, und gen Babel kommen, aber doch wirst du von dannen wieder errettet werden; daselbst wird dich der Herr erlösen von deinen Feinden.'' Wie schwer Dokumente aus dieser unkritischen und unwissenschaftlichen Zeit geprüft werden können, in diesen beiden Fällen scheinen echte Prophezeiungen ausgesprochen worden zu sein. Aber uiii die Existenz eines echten Propheten festzustellen, genügt es nicht, class er einiges prophezeit habe. Wie viel wird nicht jeden Tag bei Tisch, auf der Bierbank, in den Zeitungen prophezeit. Wie oft berufen sich nicht Journalisten auf ihre richtigen Voraussichten, ohne sich deswegen