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Ost und West · 1912-03-01 · Heft 3 (März 1912) · p. Seite 215 - 216

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 3 (März 1912)
Article
Der Rummel um Sombart
Date
1912-03-01
Page
Seite 215 - 216 (sequence 3)
Language
German
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215 Mathias Acher: Der Rummel um Sombart. 216 art betont, mit wenigen Ausnahmen seine Theorie von der jüdischen Kontokorrent-Religion fast so hinnahmen, als wären sie von ihm gestreichelt worden. Nein, nicht durch das, was Sombart nach Erscheinen seines Werkes sagte, ist er schuldig geworden, sondern durch die Art, wie er es sagte, wie er in die Oeffentlichkeit trat, wie er sich in eine aussichtslose Kampagne stürzte. Wenn es ihn schon drängte, den Sprung vom Postamente der Wissenschaft in den Staub des Tages zu wagen, so hätte er doch dahin springen sollen, wohin er nach Abstammung und Milieu, Vorurteilen und Voreingenommenheit gehört. Warum hielt Sombart seine Vorträge nicht vor Christen? Warum suchte er sich seine Apostel nicht unter Christen aus? Warum drang er nicht in antisemitische und konservative Kreise ein, um den Leuten dort klar zu machen, wie sie, ohne sich etwas zu vergeben, auf der Linie der Menschlichkeit bleiben und von der sie quälenden Judenfrage befreit werden können? Warum suchte er nicht liberale christliche Kreise auf, um sie durch persönliche Aussprache von der Fruchtbarkeit und Unbedenklichkeit seiner Theorien zu überzeugen? Man darf doch nicht annehmen, er habe sich in dem Wahne befunden, der christlichen Gefolgschaft ohne weiteres sicher zu sein.l) Warum warf er sich also gerade auf die Juden? Durfte er gar so sehr auf ihre leidige Art spekulieren, sich von einem Christen eher was sagen zu lassen als von einem Stammes- und Glaubensgenossen? Musste er nicht wissen, dass es doch einen Fall gibt, in dem sich diese jüdische Eigentümlichkeit nicht bewährt, nämlich dann, wenn der betreffende Christ auch nur im leisesten Gerüche des Antisemitismus steht? Und wenn es ihm etwa mehr um jene jüdische Gruppe zu tun war, die sich von der Antisemitismus-Riecherei freigemacht hat, — die brauchte er doch nicht erst durch Vorträge zu überzeugen. . . . Es ist überhaupt unbegreiflich, wie Sombart nicht die Peinlichkeit der Situation empfindet. Es ist doch keine Kleinigkeit: Zuerst geht man hin und ruft Leuten zu: Ihr seid alle miteinander eine gemütsbare grosse Rechenmaschine. Man unterstreicht dieses Urteil noch dadurch, dass man sich in gar keine Diskussion einlässt, ja sogar über den Vorwurf der ungenauen Zitierung, wie ihn Herr Dr. Eschelbacher in seinem sachlichen und instruktiven Artikel in unserer Zeitschrift erhob, stillschweigend zur Tagesordnung übergeht. Und dann tritt man ganz unbefangen an dieselben Leute heran und sagt ihnen, als ob nichts geschehen wäre, mit der grössten Liebenswürdigkeit: Kommt, Freunde, wir wollen uns nun gemütlich, so tete-ä-tete, über euer Schicksal unterhalten . . . *) Jedenfalls konnten ihn die Antworten, die er auf seine Rundfragen erhielt, eines Besseren belehren. — Ueber diese Rundfragen und Antworten siehe: „Revue der Ereignisse", „Mit der Walze über das Judentum" — in der vorliegenden Nummer von „Ost und West". Man muss sich unwillkürlich fragen, ob sich Sombart auch einer anderen religiösen oder volklichen Gemeinschaft gegenüber so etwas herausgenommen hätte, und kann nur mit Nein antworten. Die ererbte Gewohnheit, sich Juden gegenüber gehen zu lassen, war eben stärker in ihm als der bewusste Wille, sich zu ein wenig Wohlwollen zu disziplinieren. Aber es hat wohl auch noch etwas Anderes mitgesprochen, was für die Juden unendlich traurig ist, weil es sie anklagt und Sombart entschuldigt: Nämlich, dass er gerade in diesem Falle hellseherisch empfunden haben mag, was er sich leisten dürfe. . . . Wir erzählten eingangs, dass wir das Buch Sombarts verstimmt und empört zu Ende lasen und trotzdem nicht umhin konnten, ihn nicht als bedingungslosen Verächter, sondern als widerwilligen Schätzer des Judentums zu betrachten. Wir wissen uns auch in der Gemeinschaft derjenigen, die überzeugt sind, dass in Sombarts Ideen so manches Element liegt, das einen Ausweg finden helfen könnte — einerseits aus dem Antisemitismus, andererseits aus jenem christlichen Liberalismus, der sich die Judenfrage nur über die Leiche des Judentums hinweg gelöst zu denken vermag. Und wir würden schliesslich auch nichts Schlimmes darin sehen, wenn die eine oder andere jüdische Person oder Gruppe mit Sombart reservierte Fühlung nimmt, so sie es als für ihre Tendenzen erspriesslich erachtet. Aber wer will uns widersprechen, wenn wir sagen, dass vor allem die persönliche und volkliche Würde gewahrt werden muss? Und ist es nicht Preisgabe dieser Würde, wenn allerorten Hunderte und Tausende Juden zusammenlaufen, um einen Mann, der sie — von kurzen Augenblicken der Erleuchtung abgesehen — so überaus peinlich charakterisiert hat, anzugaffen oder gar zu feiern? Ist es nicht unerhört, dass in ganz Deutschland jüdische Versammlungen nur zu dem Zwecke organisiert werden, damit die Judenschaft Sombart zu sehen bekommt? Und was für einen Sinn soll es haben, dass man diese wandernde Sombart-Ausstellung jetzt sogar bis Galizien erstreckt? Was soll Sombart, — der, wir wiederholen es, gerade über ostjüdische Zustände, Fragen und Notwendigkeiten sehr schlecht unterrichtet ist, — ausgerechnet den galizischen Juden zu sagen haben? Fühlen denn die Herren, die Professor Sombart so vielfach bemühen, nicht, wie schwer sie sich gegen das Prestige des Judentums, ja gegen die eigenen Ideen vergehen? Muss denn immer übertrieben sein? Fühlen sie nicht auch, dass sie ihren Gegnern eine Waffe in die Hand drücken, wenn sie, die die eifersüchtigsten Wahrer der jüdischen Ehre sein sollen, sich andauernd schwerhörig stellen? Kommt ihnen denn niemals der Gedanke, dass sie ihre Energie besser für sachliche Arbeit innerhalb der Judenheit, für die Festigung der inneren Stützen des Judentums verwenden können? Und beschäftigt sie denn nie die Frage, ob es denn nicht auch für

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