Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Der Rummel um Sombart
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 217 - 218 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584023-2600687--12771-2600763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
2L7 Mathias Acher: Der Rummel um Sombart. 218 das, was vielleicht die Aufgabe Sombarts ist, und für seine Energie bessere Angriffspunkte gibt, als diejenigen, die sie ihm bieten . .-.? Wir hoffen, man wird uns seitens derjenigen, die es angeht, diese Fragen nicht allzusehr verübeln. Wir glauben, dass denn doch noch an keiner irgendwie massgebenden Stelle die Neigung vorhanden ist, den Sombartkult für obligatorisch zu erklären und jeden zu verketzern, der ihn nicht mitmacht oder gutheisst. Aber gleichviel, diese Worte mussten gesagt werden. Wir konnten uns dieser Pflicht nicht entziehen. Mathias Acher. REVUE DER Die letzte Schmach. Vor einem Jahre hat eine Verbreeherbande in Kiew einen Knaben, Juszczynski, ermordet, um einen Zeugen ihrer Schandtaten aus dem Wege zu räumen. Seit einem Jahre ist man in Petersburg und Kiew bemüht, die Wahrheit nicht aufkommen zu. lassen, die Juden in die Affäre hincinzuverstricken und den Mord als Ritualmord zu stempeln. Jedesmal, wenn die Untersuchung auf ihrem normalen Wege nach der Richtung der Wahrheit lenkte, wurde sie durch mächtige Einflüsse aufgehalten. Naive Beamte, die wirklich glaubten, es handle sich um Ermittlung des Tatbestandes, wurden entfernt, willigere und klügere mit der Fortsetzung der Untersuchung betraut. Man griff einen harmlosen, armseligen Juden, der gerade in den Weg kam, den Buchhalter Mendel Beilis, aus der Mitte der Juden heraus. Ein ganzes Jahr arbeitete man in den verschiedensten Kanzleien, um einen Tatbestand gegen ihn zusammenzustöppeln, zusammenzuzwingen. Und endlich war man so weit, dass ein Beamter der Kiewer Staatsanwaltschaft mit — zwei Entwürfen einer Anklage nach Petersburg reiste, um sich dort die Entscheidung zu holen, welche von den beiden Anklagen geschickter gemacht und daher zu erheben sei. Als der Bote aus Kiew noch in Petersburg weilte, trat der Mitarbeiter des „Ruskoje Slowo'% Brasul- Bruschkowski, der auf eigene Faust Untersuchungen angestellt hatte, mit einem reichen Zeugen- und Beweismaterial vor die Oeffentlichkeit, durch das diese und das Gericht auf die wirklichen Mörder hingewiesen wurden. Das Gericht lehnte es anfangs ganz ab, sich mit diesen Enthüllungen zu beschäftigen, und hat erst in den letzten Tagen, unter dem Drucke der öffentlichen Meinung, begonnen, Interesse zu markieren. Um so rascher sorgte es nun aber dafür, den Prozess Beilis unter Dach und Fach zu bringen. Die in Petersburg aus zwei Entwürfen ausgewählte Anklage wurde erhoben, — eine Anklage, die sich nicht scheut, auf das Motiv des Ritualmordes hinzudeuten. Die Haupt Verhandlung wird demnächst stattlinden. Eine Zeitlang hiess es: Hinter verschlossenen Türen. So wollte es nämlich der Justizminister Schtscheglowitow, einer der schlimmsten Judenquäler Russlands. Da nun aber die Nationalisten und Echtrussen, die ihre fanatischsten Leute, Samislowski und Sehm.akow, als Vertreter der Privatbeteiligten im Ceriehtssaal haben werden, die Oeffentlichkeit verlangen, um ihre Brandreden zum Fenster hinaus halten zu können, — wird wahrscheinlich öffentlich Lr\L.lvJlN lOOi-.. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. verhandelt werden. Allein, es wäre übelste Selbsttäuschung, an diese Oeffentlichkeit besondere Hoffnungen zu knüpfen. Denn die Kreise, auf die es da ankommt, können wahrlich auch den Mut aufbringen, vor den Augen der ganzen Welt einen Unschuldigen zu Tode zu hetzen. Gegen den armen, schwachen Beilis stehen zwei gewaltige Mächte: die organisierte russische Reaktion, die seine Verurteilung für die bevorstehenden Dumawählen braucht, und die Korruption, die zu allen», fähig ist, wenn Beförderung und Auszeichnung bevorstehen. In einem. Lande, wo einVize-Gouverneurin Amt und Würden (Schilder— Schuldner in Archangelsk) so frivol ist, eine Gesetzesverletzung damit zu begründen, dass man ja für Gesetzesverletzungen in Russland Kammerherr wird; wo ein neuer Stadthauptmann (Sosnowski in Odessa) seine menschlichen Regungen auf einen Wink von oben sofort in echtrussische umwandelt, vor den ..schwarzen Hunderten" zu katzbuckeln und die Juden zu drangsalieren beginnt; wo ein Generalgouverneur (von Kiew) den Ritualmordvortrag eines Hetzers schlimmster Sorte mit seinem Besuche beehrt, — da scheint alles, aber auch alles möglich. Dieselbe finstere Macht, die seinerzeit die Soldaten von Siedice zum Pogrome kommandierte, kann vielleicht auch Söldner der Justiz finden, die sich zu einem Todesurteil kommandieren lassen. . . . Was wir gegen das heraufziehende Unheil tun können? An sich wenig, aber unter Umständen viel: Der entmenschten Blutgesellschaft dort das Konzept verderben! Hinter ihr her sein! Die kleinsten und die grössten ihrer Untaten ans Licht ziehen! Die indifferente Menschheit am Arm lassen und sie nach Kiew zerren, um ihr zu zeigen, wie man sich dort anschickt, ihr ins Gesicht zu speien! Vielleicht hebt sich der Arm dann doch zur warnenden Geste: Dass das Furchtbare ungeschehen bleibe; dass russische Richter doch davor zurückschrecken, das russische Volk mit der letzten Schmach zu belasten. . . . * * * Sonderbarer Geschmack. Engländer und Russen haben sich nie sonderlich gemocht. Zu gross ist der Gegensatz, der in Artung, Staatseinrichtung und Interesse zwischen ihnen besteht. Nun wäre es gewiss eine dankbare Aufgabe, diesem Gegensatz wenigstens hinsichtlich seiner praktischen Folgen entgegenzuarbeiten. Aber nur unter zwei Bedingungen: Wenn es ernste und ehrliche, auf Dauerndes gerichtete Friedensarbeit ist, nicht eine Komödie mit provisorischen Absichten und Heim-