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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 147 - 148

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Volkslieder der Juden
Date
1912-02-01
Page
Seite 147 - 148 (sequence 3)
Language
German
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147 Dr. G. Levi: Volkslieder der Juden. 148 Ga'lTzi'en wurden Herrn Prylucki über 100 Volkslieder von Herrn B. \V. Segel zur Verfügung gestellt. Von diesem Autor, der ja au ob in „Ost und West" manches publiziert hat, sagt Herr Prylucki, er sei einer der ersten, erfahrensten, und verdienstvollsten jüdischen Ethnographen, es gebe kein polnisches oder deutsches Organ für Volkskunde, in dem sich nicht Segels Abhandlungen über alle Gebiete der jüdischen Volksdichtung und des inneren Lebens de•> jüdischen Volkes fänden. Auf Segels Arbeiten beruft sich auch der Verfasser vielfach in den lehrreichen Anmerkungen. Es ist merkwürdig, dass gerade in Galizien sich sonst so blutwenig Verständnis für die jüdische Volkskunde findet. Es scheint, dass in diesem Lande die Politik so sehr die Geister absorbiert, dass kein Raum für die ernste Tätigkeit bleibt. Auffallend bleibt es immerhin, dass die Lehrer der zahlreichen jüdischen Schulen in diesem Lande, besonders jene der Stiftung des Barons Moritz Hirsch, sich gar nicht um die jüdische Volkskunde bemühen. Es ist bekannt, dass in Deutschland und bei allen slawischen Völkern die Lehrerschaft der kleinen Städte und der Dörfer, die in so enge Berührung mit dem Volke kommt und sein Vertrauen besitzt, mit die wertvollsten Sammlungen zur Kenntnis der Volksdichtung aller Art, sowie der Sitten und Bräuche des Volkes beigetragen hat. Ja, in allen zivilisierten Ländern wird der Lehrerschaft, besonders auf dem Lande, von den leitenden Behörden ans Herz gelegt, den Sachen der Volkskunde ihre Aufmerksamkeit zu widmen. An manchen Lelirerseminarien werden eigne Kurse darüber abgehalten. Bei uns Juden ist es anders. Von christlicher Seite ist öfters darauf hingewiesen worden, dass die Juden die Dokumente ihres alt enVolkstums rechtzeitig vor dem Untergang und der Vergessenli ei t retten sollten. Allein die jüdischen Lehrer, z. B. der Baron-Hirsch - Schulen, gehören zur „Intelligenz", wenn also einer unter ihnen auch noch etwas Jüdisch kann und im Hebräischen Bescheid weiss, sucht er dies nach Kräften vor der Welt zu verbergen, damit seine Bildung und Gesinnung nicht verdächtig erscheine. Da kann man natürlich nicht verlangen, dass solch ein Herr sich mit dem Sammeln von jüdischen Volksliedern und dergleichen Dummheiten An der Klagemauer. (Oelskizze.) (Aus dem Xachlass des Maler; Uirszenherj abgebe. Eher könnte man das schon von seinen christlichen Kollegen erwarten. Erst vor kurzem wurde ein sehr charakteristischer Fall berichtet. In einer ausschliesslich von jüdischen Kindern besuchten Schule forderte die Handarbeitslehrerin die Kinder auf, während der Stunde ein Liedchen zu singen. Ein kleines Mädchen stimmte nun ein jüdisches Kinderlied an. Die Frau Direktorin, eine gebildete Dame natürlich, kam zufällig in die Klasse und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, ob dieser ungeheueren Schande, die ihrer Schule widerfahren war, indem die Töne des verachteten Jargons in deren geweihten Mauern erschollen. Sie verfehlte nicht, den (christlichen) Schulinspektor von dem Unglücksfall zu verständigen, unter der Versicherung, dass die Schuld dieser Heiligtumsschändung nicht sie, sondern die Lehrerin treffe. Der Inspektor jedoch, ein bekannter und verdienter Ethnograph, machte verwunderte Augen und bekannte, dass die gebildete Dame besser daran getan hätte, anstatt das Kind zum Schweigen zu bringen und die Lehrerin zu denunzieren, das .Liedchen aufzuzeichnen und Text und Melodie ihm, de n Inspektor, zu bringen... Doch anstatt zu beklagen, was wir nicht haben, wollen wir uns dessen freuen, was uns geboten wird. Es sind zunächst Lieder religiösen Inhalts, die wir hier vor uns haben, und man wird dem Verfasser beistimmen, wenn er behauptet, dass gerade diese Lieder ein jüdisches Spezifikum sind. Es ist kein Zufall, dass aus dem Altertum uns in der Bibel mit verschwindenden Ausnahmen lauter religiöse Dichtungen und Volkslieder überliefert sind. (Die meisten Psalmen werden von der neuesten Forschung als Volkslieder angesehen.) Alle Kenner des hebräischen A1 tertu ms stiin men darin überein, dass die alten Hebräer ein sangesfreudiges Volk gewesen sind. Und erst neulich hat 1 )alman gezeigt, wie noch heutzutage die Bewohner Palästinas so überaus sangreich und liederlustig sind. Herr Prylucki versichert uns, dass er bei seiner Sanimclarbeit förmlich auf ein Meer von Liedern gestossen sei, das auszuschöpfen einem Menschen schwer falle. ,AVovon singt de;* Jude nicht! Er singt von Gott und W elt, vom Messias und von Eliah, dem Propheten, vom Leben und vom Tode, vom Guten und vom Bösen, vom Sabbat

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