Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Volkslieder der Juden
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 145 - 146 (sequence 2)
- Language
- German
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145 Dr. G. Levi: Volkslieder der Juden. 146 Araberin, (Aus dem Xachlass des Malers Ilirszenbcrg.) der deutschen Dialektologie, der allgemeinen Ethnographie und der vergleichenden Volkskunde von jüdischer Seite unendlich viel hätten beitragen können. Aber auch in den osteuropäischen Ländern, wo das jüdische Volkstum sich viel unversehrter, von der „Kultur" nur wenig beleckt und zerstört, erhalten konnte, wo die jüdische Mundart, freilich stark alteriert, zu einer richtigen Volkssprache sich ausgestalten konnte, hat man es bislang arg vernachlässigt, das spezifisch Folkloristische zu beachten. Indessen hätte man gerade hier in der grossartigen Pflege, welche die slawischen Nationen der Volkskunde angedeihen lassen, sehr nachahmenswerte Muster finden und sich von ihnen zur Arbeit anregen lassen können. Allein es ist bekannt, dass der Nachahmer lieber die Fehler und Missgriffe der anderen als deren Vorzüge nachahmt. Erst die neuere Generation, die selbständig zu denken und zu empfinden gelernt hat, hat auch hier Wandel geschaffen, und ihr verdanken wir auch eine Reihe sehr wertvoller Leistungen. Die letzte und unzweifelhaft die bedeutendste ist das vor kurzem erschienene Buch „Jüdische Volkslieder, gesammelt, erklärt und herausgegeben von NoePrylucki. Erster Band: religiöse und festtägliche Volkslieder. Warschau 1911"*).' Es ist dies der erste Teil eines gross angelegten, auf zehn Bände berechneten Werkes; die folgenden werden umfassen: 1. historische Lieder, 2. Wiegenlieder, 3. Waisenlieder, 4. Kinder- und Chederlieder, 5. Liebeslieder, 6. Bräutigam- und Brautlieder, 7. Familienlieder, 8. Lieder sozialen Inhalts, 9. humoristische und satirische Lieder. — Der vorliegende erste Band enthält 107 Lieder mit zahlreichen Varianten, vorzüglich gesichtet und mit der grössten, liebevollsten Sorgfalt herausgegeben. Die kleinsten Eigentümlichkeiten der lokalen Aussprache und der sonstigen Sonderheiten sind festgehalten und wiedergegeben. Man darf sagen, Prylucki ist der erste, der dem jüdischen Volkslied die gebührende Akribie und den nötigen wissenschaftlichen Ernst, aber auch reiche Erfahrung und Sachkenntnis entgegenbringt. Ein grosser Vorzug dieses Buches ist, dass es das dargebotene Material nicht, wie dies leider einigemal geschah, in lateinischen Lettern transskribiert, sondern in hebräischen Lettern bringt, so dass das phonetische Bild auch graphisch möglichst genau festgehalten wird. Der Verfasser, ein angesehener Warschauer Rechtsanwalt, hat es verstanden, mehrere Personen in den Provinzstädten für seine Pläne zu begeistern und .'ich auf diese Weise einen Stab treuer Mitarbeiter zu bilden, in der richtigen Erkenntnis, dass auf dem Gebiete der Volkskunde nur durch das Zusammenarbeiten zahlreicher Kräfte, die aber nach einem einheitlichen Plane unter fester, sachkundiger Leitung wirken, etwas Wertvolles zustande gebracht werden kann. Wer die Arbeit in die Hand nimmt, muss seine Sache von Grund aus verstehen, und seine Mitarbeiter mit Rat und Tat unterstützen können. Sonst bleibt alles dem Zufall überlassen, und was herauskommt, ist Bruchstück, das der wirklichen Forschung mehr schadet als nützt. Als ein erfreuliches Zeichen des wachsenden Verständnisses ist es zu begrüssen, dass unter den Mitarbeitern Pryluckis sich auch eine Dame, Frl. M i r i a m Chmelnicka in Warschau, findet. Ehedem waren es nämlich die Damen der gebildeten Kreise, die allem Jüdisch-Volkstümlichen die grösste Geringschätzung und offene Antipathie entgegenbrachten, während bei allen Völkern gerade gebildete Frauen und Mädchen, adlige Grossgrundbesitzertöchter, Lehrerinnen u. dgl. die eifrigsten Fördererinnen der Volkskunde gewesen sind. Aus *) „Bücher für Alle" Verlag Warschau, Pohia 11.