Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Volkslieder der Juden
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 4)
- Language
- German
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149 Dr. G. Levi: Volkslieder der Juden. 150 und vom Feiertag*, von Glück und Unglück, von der Liebe und von der Entsagung, von Mann und Frau, von Vater und Mutter, von Bruder und Schwester, von Not, von Armut/' Doch diese letzteren Motive haben die jüdischen Volkslieder mit denen aller Völker gemeinsam, aber das religiöse Volkslied ist dem Juden eigentümlich. Die in der vorliegenden Sammlung enthaltenen religiösen Volkslieder bieten denn auch einen sehr wichtigen Beitrag zur Kenntnis der Psychologie und des inneren Wesens der jüdischen Volksfrömmigkeit und Religiosität. Allen, die in der neuesten Zeit über das Verhältnis der Juden zu seiner Religion so vielerlei geredet haben, wäre zu raten, einige dieser schlichten und herben und doch so innigen Volkslieder eingehend zu lesen, aber mit Verständnis! Da ist gleich eins (in der von S e g e 1 mitgeteilten Fassung): Wir haben doch einen Vater im Himmel, Der tut keinmal nit kein Drümmel.1) Was er will, das tüt er, Und wemen er will, dem git er,2) Wemen er will, konn er der derhäuchen,3) Weren er will, konn er dergreichen,4) Wer konn ihm deoth sogen?3) Zuckersüss ist sein Schlugen!6) Mit Freuden, ihr Juden, mit Freuden, Lasst uns ihm dienen! . . . Wir haben doch einen Vater im Himmel, Der tut keinmal nit kein Drimmel! Aber man müsste das Liedchen, singen hören, am Purim, am Simchas-1 hora oder am Sabbatausgang beim Melaweh-Malkah-Festmahl, um dessen ganze Innigkeit auszukosten: ') Schlummert nimmer. -) git gibt. :]) Erhöhen. ') Erreichen, wenn es noch so hoch steht. Dreinreden. ,!) Selig ist's, seine Schickungen zu ertragen. Dienen muss man Gott, Und man wird ihm dienen Dafür nur, weil er hot Uns auserwählt, ihm zu dienen! Das ist eine Strophe aus einem Liedchen, welches zu einer besonderen Art gehört; es sind dies Lieder die sich um einzelne Verse aus Psalmen, Gebeten oder Gesängen ranken, die sie als Motive oder Kehrreime benutzen. Hier eines der lieblichsten und verbreitetsten: Bin ich mir gegangen im tiefen Wald, im tiefen Wald, Hab ich gehört ein Vöglein im Wald, ein Vöglein im Wald, Das Vögele sang: Ii, Ii, Ii: gedor pirzath hechali!7) Dieses Liedchen war, wie die meisten dieser Art, ehemals Gemeingut aller Juden deutscher Zunge, heute erinnern in Deutschland nur noch einzelne verklingende Laute, von der absterbenden Generation aufbewahrt, an sie; in Polen dagegen sind sie noch lebendig. Ein Purimliedchen, welches an das bekannte synagogale ,,Schoschanath Jaakob" anknüpft, beginnt folgendermassen : Schöne Rosen schmecken8) wunder — Das meint man Jaakows Kinder — Sie sind gestanden und haben gesehen. Wie uns sind Nissini geschehen. Nur kurz möge noch auf die zahlreichen Varianten des Chad Gadia und anderer ähnlicher Liturgien hingewiesen werden, die sprachlich und folkloristisch von enormem Interesse sind. 7) Vers aus den Semiroth für Sabbathausgang. Das Vöglein singt nachher „ra, ra, ra" usw. bis ans Ende des Sanier. Mitgeteilt vo.i Seoel. *) Mlid. duften, riechen. LITERARISCHE RUNDSCHAU Es w ar eine Zeit, da ich nicht hören konnte, dass man die Wörter Intelligenzler und Intellektuelle in gleicher Bedeutung gebrauchte. Während ich die Intelligenz als das erkannte, was sie ja ist, als diejenige BevÖlkerung-schichte, die von rächt durchschnittlichen geistigen Begabungen beruflichen Gebrauch macht, waren mir die Intellektuellen die Geistigen ohne die Durchschnittsschranke und ohne Berufszweck. Während ich die Intelligenzler als die Geistautomaten auf den Bahnhöfen der Menschheit nur mit einer gewissen Wut über ihre läppischen Groschengaben ansehen konnte, verehrte ich die Intellektuellen als die freien und frei spendenden Lichtträger der Menschheit, als diejenigen, die ihr geistigen und damit zugleich auch sittlichen Aufstieg verbürgten. Und ich glaubte, dass der Durchbrach der Intellektuellen zu sichtlich stärkerer, zu immer mehr anschwellender Bedeutung ein Zeichen unserer Zeit sei, — ein freudiges Vorzeichen der Erfüllung. Ich glaubte, dass sich auf diesem We^e der Sieg des Geistes über die rohe Kraft vorbereite. Dass das jüdische Kontingent unter den Intellektuellen •so unverhältnismässig gross war, machte mich zwar etwas stutzig. Aber wie konnte es anders sein, beruhigte ich mich selbst. Und was konnte es schaden? Waren ja doch auch Nachdruck verboten, die anderen da, und schliesslich handelte es sich ja da gar nicht um Werte, die irgend jemand zurückweisen konnte, die deshalb, weil sie ein Jude schuf, hätten entwertet werden können. Freilich, es war noch ein bedenklicher Punkt da: dass die meisten dieser jüdischen Intellektuellen vom Judentum selbst nichts wissen wollten, dass sie es mit mehr oder weniger Gleichgültigkeit, mit mehr oder weniger Hohn, mit mehr oder weniger Schmerz als ein Ueberbleibsel aus Zeiten, die verflossen sein mussteh, beiseite schoben, von sich warfen, mit Füssen traten. Das war mir nun gewiss nicht recht. Aber ich sagte mir: sie werden den Irrtum schon eingehen. Und wenn auch nicht, sind doch andere da, die ihn gar nicht begehen An allen Stellen müssen doch nicht alle mithelfen. Und niemand ist in allen Dingen weise. . . . Ueber alle diese Gedinken und Stimmungen sind Jahre, viele Jahre dahingegangen. Was ich'inzwischen erfuhr, konnte mich nicht bestimmen, über die Intelligenz respektvoller zu denken, als früher. Eher das Gegenteil. Und ich bin auch heute weit entfernt dxvon, Intelligenzler und Intellektuelle unter demselben Gesichtspunkte zu betrachten. Ich fühle so gut wie ehedem den Wesensunterschied zwischen den beiden Schichten, und die unvergleichliche ge.stige