Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Aus dem Leben der Karaiten
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 141 - 142 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Kuben Faha: Aus dem Leben der Karaiten. 142 Junge, der ein rotes Fez auf dem Kopf trägt. Wohl die Kopfbedeckung einer früheren Generation. Junge Mädchen kaufen in den Geschäften Bänder und Handschuhe ein, die Frauen besorgen sich neue Strümpfe und junge Leute versorgen sich mit neuen Kragen und Krawatten. Auch viele Männer sind auf der Gasse. Sie tragen neue Pelzmützen zur Feier des Tages. Im Hause der Braut werden die Vorbereitungen zur „Toi"x) getroffen. Die „Litnike" (Hochtzeitskleider) sind fertig und werden herumgezeigt,.. Die Mutter der Braut zeigt auch den Gästen den schönen Teppich, den sie ihrer Tochter gekauft hat. Auf der Gasse, die sonst still und tot ist, herrscht jetzt reger Verkehr. Man sieht überall fröhliche Gesichter. Alles freut sich darüber, dass eine neue Familie zuwächst. In der Nähe der Synagoge ist die Bewegung noch stärker. Männer und Frauen, Juden und Christen, — geladene Gäste und müssige Zuschauer drängen sich am Eingang und warten auf die Ankunft des Bräutigams und der Braut. Es ist fast Mitternacht und die Hochzeitsfeier hat noch immer nicht begonnen. Die Karaiten warten, bis sich die fremden Zuschauer verlaufen haben. Doch nun warten nur noch erwachsene Leute und die werden nicht müde, noch länger dazustehen, um nur Zeugen des seltenen Ereignisses zu sein. Endlich kommt ein Karaite, sperrt die Tür zur Synagoge auf und zündet alle Kerzen in den Hängeleuchtern an. Das Licht ergiesst sich überall hin; von der Bundeslade irrt es zum Almemor, verliert sich dann zwischen den Gebetständern und kriecht an den Wänden bis zu den Bogenfenstern hinauf. Von dort fällt es auf die Gasse und nun beginnt draussen das Gedränge. Alles strömt in die Synagoge und jeder sucht nach einem Platz, von dem er am besten sehen kann. . . . Zwei Karaiten spannen den Trau-Baldachin über dem Almemor auf. Es tritt weihevolle Stille ein. Man meint aus weiter Ferne das Schlagen von Engelsflügeln zu hören. . . Endlich ist der erwartete Augenblick da. Frauen in seidenen Kleidern, mit brennenden Kerzen in den Händen, betreten die Synagoge. Jetzt erscheint auch das Brautpaar. Die Braut trägt ein weisses Seidenkleid und einen weissen langen Schleier, der Bräutigam einen schwarzen Frack und eine weisse Krawatte. l) Hochzeit. Die Omarmoschee. (Oelskizze.) Aus dem Nachlass des Malers Hirszenberg.) Beim Eintritt in die Synagoge kniet das Brautpaar nieder. Dann erheben sie sich und treten unter den Baldachin. Der Chacham empfängt sie mit dem hebräischen Liede: ,,Es freue sich der Bräutigam mit seiner Braut. — Es freue sich die Braut mit ihrem Bräutigam. . Zum Schluss stimmt die ganze Gemeinde laut in den Gesang ein. Dann liest der Chacham aus einem Buche verschiedene hebräische Gebete vor, die Gemeinde murmelt manche Sätze mit. Während des Rezitierens beschüttet der Chacham die Köpfe des Brautpaares mit Asche und Hafer. (Asche zum Zeichen der Trauer um die Zerstörung des Tempels und Hafer als Symbol der Fruchtbarkeit). Nun wird es ganz still, und dann liest der Chacham aus einem Papier etwas in karaitischer Sprache vor. Die Christen und Juden, die kein Wort karaitisch verstehen, flüstern leise miteinander. Sie finden die sonderbaren Hochzeitsgebräuche komisch. Die Gebete und das Vorlesen dauern lange und wirken ermüdend. „Was wird hier vorgelesen?" fragt ein Jude leise einen alten Karaiten. „Das ist wie bei Euch dieKssubo" (der Hochzeitskontrakt), erwidert dieser. Ein Karaite reicht dem Chacham einen vollen Becher Wein. Der Chacham spricht hebräisch den ,,Hochzeitssegen", und wie ein Echo aus alten Tagen und aus weiter Ferne tönt es, als er die Worte sagt: „Möge in den Städten Jehudas und in den Gassen Jerusalems wieder gehört werden die Stimme der Freude und die Stimme des Jubels/' Die Eltern der Braut stehen neben dem jungen Paar. Liebe und Hoffnung strahlen aus ihren Augen. Der Chacham legt seine Hände auf die Köpfe der Brautleute und segnet sie. Dann nimmt er einen