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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 139 - 140

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Aus dem Leben der Karaiten
Date
1912-02-01
Page
Seite 139 - 140 (sequence 3)
Language
German
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139 Rüben Fahn: Aus dem Leben der Karaiten. 140 Landschaft aus der Umgebung Jerusalems. (Oelskizze.) (Aus dein 2sTaclilass des Malers Hirszenberg.) „Und lernt Jhr auch hebräische Grammatik?" „Natürlich," ruft der Chacham. „Wir lieben die heilige Sprache der Propheten. Und um sie gründlich zu erlernen, müssen wir doch ihre Grammatik kennen." Wir kommen auf die karaitische Sekte als solche zu sprechen. Der Chacham gibt nur ausweichende Antworten. „Wir glauben an die Heilige Schrift ohne jede Auslegung/' erwidert er kurz. „Wir haben die wahre Ueberlieferung . . Ich blättere in einem Gebetbuch und finde den Priestersegen. „Wer spricht den Segen der Kohanim bei Euch?" frage ich. „Wir alle," erwidert der Chacham. „Seid Ihr denn alle Kohanim?" „Wir haben keinen einzigen Kohen in unserer Sekte und darum muss jeder von uns den Segen selbst sprechen," erklärt er mir und sucht mir zu beweisen, dass die Karaiten „Jisraelim" und keine Kohanim sind. „Unsere Gegner verbreiten, dass wir von den Kohanim abstammen. Aber die Chassidim, diese jüdischen Fanatiker und Finsterlinge, — behaupten vieles von uns, was ganz und gar nicht den Tatsachen entspricht. . ." Der Ton seiner Stimme ist heftig geworden. „So scheint also der jahrhundertealte Streit zwischen Juden und Karaiten noch immer nicht zu Ende zn sein." „Was können wir dafür, dass sich unsere Vorfahren vom Judentum losgesagt haben," erwidert der Chacham. „Glaubt Ihr, dass sich die Karaiten noch einmal mit den Juden vereinigen werden?" „Wenn der Messias kommt, dann werden alle religiösen Streitigkeiten aufhören und Israel wird ein grosses Volk sein," gibt der Chacham zur Antwort. Seine leuchtenden Augen sagen mir, dass er noch nicht alle Hoffnung auf die Zukunft des Karäertums aufgegeben hat. „Und wie ist Euer Verhältnis zu den Christen?" frage ich zum Schluss. „Wir leben friedlich nebeneinander. Die Christen haben die Macht, aber bei uns ist die Wahrheit. Wir leben ganz nach den Geboten der Heiligen Schrift und suchen Frieden mit unseren Nachbarn. Noch nie war ein Ka. raite wegen Beleidigung oder Gewalttätigkeit angeklagt. Auch gibt es keine Trunkenbolde in unserer Gemeinde. Wir leben nach den Worten der Heiligen Schrift und der Ewige wird mit uns sein und er wird uns erhalten und stärken, bis die Worte des Propheten wahr werden, der da sagt: „Eine Sprache wird alle Völker verbinden und ein Gott wird über allen Völkern sein." — Bei diesen Worten hellt sich das Gesicht des Chacham auf. Man sieht, er hat die feste Ueberzeugung, dass die Wahrheit bei ihm ist, und er kennt die Kraft, die die kleine karaitische Sekte in ihrer Eigenart erhalten hat. III. Eine Karaiten-Hochzeit. Ich lernte in Halicz einen jungen jüdischen Theologen kennen, der in Wien studierte und nun die Ferien in seinem Heimatstädtchen verbrachte. Er war ein guter Kenner des karaitischen Lebens, das er von Jugend auf zu beobachten Gelegenheit hatte. „Der Zufall ist Ihnen günstig," sagte er. „Sie können heute abend einer Karaiten-Hochzeit beiwohnen." „Ist das ein so seltenes Ereignis?" fragte ich. „Es vergehen oft Jahre, bis eine Hochzeit in der Karaiten-Gasse stattfindet," erwiderte er. „Die Auswahl ist zu klein. Einen Bräutigam oder eine Braut anderen Glaubens zu wählen gilt als grosse Schande. Darum gibt es auch viele alte Jungfrauen und Junggesellen bei den Karaiten. Ausserdem sind die Karaitenfrauen fast durchwegs hässlich und so kommt es häufig vor, dass Karaiten in wilder Ehe mit nichtkaraitischen Frauen leben. Die Kinder, die solchen Verbindungen entstammen, sind dann natürlich keine Karaiten. Scheidungen sind mit grossen Schwierigkeiten verbunden und werden fast nie vorgenommen. Alles dies trägt sehr viel zum Verfall der karaitischen Sekte bei. . ." Am Abend ging es in der Karaiten-Gasse sehr lebhaft zu. Festlich gekleidete Kinder treiben sich auf der Gasse herum. Da steht auch ein ärmlich gekleideter

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