Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Aus dem Leben der Karaiten
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 143 - 144 (sequence 5)
- Language
- German
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143 Rüben Fahn: Aus dem Leben der Karaiten. 14 Ring, steckt ihn der Braut an den Finger und sagt dem Bräutigam die Trauungsformel vor: „Ich habe dich mir rechtlich angetraut." Das Brautpaar kostet vom Wein und die Zeremonie ist zu Ende. ,,Masol tow"1) ruft man von allen Seiten, Alles schreit durcheinander und drängt zum Ausgang. Die Karaiten begleiten das junge Paar nach Hause. Dort findet das Hochzeitsmahl statt und die Unterhaltung währt bis zum frühen Morgen. . , . Mitternacht ist längst vorbei. Wir spazieren aber noch lange durch die stillen Gassen. Der Mond scheint hell und die Häuschen stehen da und scheinen zu schlafen. „Ist auch die Leichenbestattung bei den Karaiten anders als bei den Juden?" fragte ich meinen Begleiter. „Der Tod gab den Karaiten seit jeher viel zu schaffen" erwiderte er. „An einer Stelle der Bibel wird die Berührung eines toten Körpers als grösste Verunreinigung betrachtet. . Die Karaiten nahmen nun dieses Verbot sehr genau und waren nun auf jüdische Leichenbestatter angewiesen. Diese Hessen sich aber ihre Mühe sehr teuer bezahlen . ..." Im Jahre 1839 starb Samuel Leonowicz, der Bruder äes Chachams Josef Leonowicz, ein wohlhabender und sehr geachteter Mann. Die Diener der „Chewra Kadischa" stellten damals eine sehr hohe Forderung. Dieses Vorgehen rief bei den Karaiten *) Glückwunsch. Begriff und Gebiet der Wissenschaft des Judentums hat, nicht lange nach derrn Entstehen, eine bedeutende Einschränkung erfahren. Ursprünglich sollte die Wissenschaft des Judentums alles umfassen, was die Kenntnis vom Leben, Leiden und Schaffen des jüdischen Volkes betraf. Erst nachher nahm sie einen einseitigen, papiernen, lebenabgewandten Charakter an. Nur was in moderigen Druckwerken und vergilbten Handschriften aufgespeichert lag i n Dämme1 der Bibliotheken, das allein war ehrwürdig und wissenswert. Was noch lebte, atmete und blühte, war nicht forschungsreif. Nur gebückt über unleserliche Pergamente und vewischte Schriftzeichen konnte man sich den Forscher vorstellen, wenn sein Tun Respekt einflössen und dessen Ergebnisse gewürdigt werden sollten. Zwei wichtige Wissensgebiete wurden deswegen arg vernachlässigt: die Wirtschaftsgeschichte und die Volkskunde. Zum Verständnis des Wirtschaftslebens vergangener Jahrhunderte gehört eine freie und lebhafte Beobachtung des Getriebes der unmittelbaren Gegenwart, ein Blick, der nicht allein nach rückwärts gerichtet ist. Diese Vernachlässigung hat sich arg gerächt, indem dieses Gebiet jetzt von anderen beackert und bebaut wird, und die Früchte, die da gezeitigt werden, nicht sonderlich nahrhaft sind für unseren Organismus. Das Versäumnis auf dem Gebiete der Volkskunde hat aber ausser den oben erörterten auch noch eine andere Ursache: alles, was mit Volksgrosse Erbitterung hervor und sie bestürmten dei Chacham, dass er Rat schaffe. Der Chacham sah siel nun genötigt zu erlauben, dass die Karaiten selbs ihre Toten bestatten, doch sollten nur zwei Manne dabei beteiligt sein. Und so ist es bis auf den heutiget Tag geblieben. — Wenn ein Karaite stirbt, werden zu Häuptei und Füssen des Leichnames viele Kerzen angezündet Wenn der Tote zu Grabe getragen wird, versammel sich die ganze Gemeinde. Die Männer schreiten vo dem Sarg und die Frau i hinter demselben/4 „Glauben Sie an die Zukunft dieser eigenartige! Sekte?'4 fragte ich. „Nein! Die Religion hat bei den Karaiten ihre Macht eingebüsst. Die gebildeten Karaiten, die sich früher mit der hebräischen Literatur beschäftigten und denen die Bibel hoch und heilig war, schwärmen heute von fremden Sitten und fremden Kulturen. Zur ohnehin geringen Fruchtbarkeit gesellen sich das Junggesellen- und. Jungfrauenunwesen. Auch Uebertritte zur christlichen Kirche sind nichts Seltenes mehr. Die Gemeinde wird rasch zusammenschmelzen. Der Chacham ist sich der Lage bewusst und sprach es schon einmal aus, dass den Mitgliedern der aussterbenden Gemeinden in Galizien und Litauen nichts übrig bleiben werde, als nach der Krim auszuwandern und sich dort mit ihren Brüdern zu vereinigen. . So wird ein vielhundcrtjähriges Ringen enden müssen.....Noch ein vergilbtes Blatt in der VölkergeSChichte! Aus dem Jüdischen übersetzt von Hermann -BliiTn«nthaL Nachdruck verboten. tradition, volkstümlichen Glaubensvorstellungen und dergleichen zusammenhing, war der aufklärerischen Tendenz, die die werdende Wissenschaft des Judentums beseelte und die Richtung dem ganzen Zeitalter gab, durchaus zuwider. Das war ja alles „Aberglaube", „Vorurteil", Ueberlebsel vergangener Zeiten, die es zu überwinden oder auszurotten galt. Noch vor wenigen Jahren verspottete ein bekannter und sehr verdienter Historiker einen Sammler alter jüdischer Sagen und Märchen mit den Worten: er hole sich seine Weisheit und sein Wissen bei alten Weibern. Und vergass dabei, dass z. B. die Brüder Grimm ja auch nichts anderes taten. Dazu kam, dass all die Volksüberlieferungen in dei so verhassten und verachteten „Jargon" gekleidet waren, den man in Deutschland als eine Art Schandfleck, als ein Gebreste betrachtete, als eines der Haupthindernisse auf dem Wege zur vollen bürgerlichen Gleichberechtigung. Anstatt den Jargon zu bekämpfen und zu bespötteln, hätte man gewiss besser getan, ihn als eine natürliche Erscheinung, als ein Produkt der Entwicklung zu betrachten und zu erforschen. Alles, was er an Schätzen der Ueberlieferimg barg, in Sicherheit zu bringen, bevor der Strom der Zeit und die hereinbrechende Gewalt des modernen Lebens es für immer hinwegspülte. Das ist nieht geschehen. Und so sind in Deutschland kostbare Materialien unwiederbringlich verloren gegangen, die zur Aufhellung so manchen Problems VOLKSLIEDER DER JUDEN. Von Dr. G. Levi.