Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Aus dem Leben der Karaiten
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 137 - 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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137 Rüben Fahn: Aus dem Leben der Karaiten. 138 Judenkopf aus Jerusalem. (Kohlezeichnung.) Aus dem Nachlass des Aus den Ecken dringen halblaute Stimmen zu mir. Dort beten sieben bis acht Personen, an Gebetpult gelehnt. In einer Ecke steht eine Bank für alte oder schwache Personen. Die klagenden Laute zittern durch den weiten Raum und in mir erwacht Mitleid mit diesen Einsamen, die durch ein tragisches Geschick von ihrem Volk losgelöst sind. . . Ich trete ein und nähere mich einem Beter: „Verzeiht, dass ich Euch im Beten störe", rede ich ihn in der Landessprache an. „Ich bin fremd hier und wollte Euere Synagoge sehen. Ihr betet anders als die Juden." Der Karaite unterbricht sein Gebet und erwidert: „Dank, gnädiger Herr, für das Interesse. Verzeiht, wenn ich Euch bitten muss, den Stock ins Vorhaus zu stellen und den Rock zuzuknöpfen. So darf man unsere Synagoge nicht betreten, die im gleichen Rang steht mit dem Tempel Salomos. . Ich beeile mich seiner Aufforderung Folge zu leisten und nun beantwortet er meine Frage: „Wir sind keine Juden, sondern eine besondere Sekte. Unsere Gebete sind ganz anders . Die Sprache ist richtiges Hebräisch, fehlerlos und nicht in der lächerlichen Aussprache der Juden." „Dann unterscheidet sich auch Euer Glaube vom Glauben der Juden?" „Wir sind die wirklichen „Jisraelim" und die wahren Anhänger der Thora, während die Juden ganz in ihrem Talmud aufgehen." Der Karaite ergeht sich in Angriffen auf den Talmud. Wir sprechen noch eine Weile. Dann entschuldigt er sich: Studienkopf eines Juden. (Kohlezeichnung.) Malers Hirszenberg. „Gnädiger Herr, ich bin kein Gelehrter, aber nach dem Beten könnt Ihr unsern Chacham sprechen. Er wird Euch alles erklären." Das Gebet ist bald zu Ende. Die Karaiten entfernen sich langsam, nur der Chacham bleibt zurück und sagt noch einen kurzen Abschnitt aus einem Gebetbuch her. Als er damit fertig ist, nähere ich mich ihm. f-.-{ „Verzeiht, ehrwürdiger Chacham," rede ich ihn jüdisch an, „dass ich in dieses Gotteshaus eingedrungen bin. Ich komme aus der Ferne und war neugierig, die Nachkommen der alten Hebräer zu sehen." „Schalom Alechem," sagt der Chacham und reicht mir die Hand. Dann erwidert er, ebenfalls jüdisch: „Seht Euch nur alles nach Belieben an. Wir haben keine Geheimnisse. Wir und die Juden glauben an dieselbe Thora." Er zeigt mit der Hand auf die Bundeslade und auf die Gebetbücher, die umherliegen. Auf einem Gebetpult liegt eine karaitische Handschrift. Ich frage, ob das Buch auch gedruckt vorhanden ist. „Ja, — aber weil unsere Bücher sehr teuer sind, lassen wir auch saubere Handschriften, hebräische und karaitische, herstellen." „Was für eine Sprache ist eigentlich die karaitische?" frage ich den Chacham. „Es ist ein türkisch-tartarischer Jargon. Als unsere Vorfahren aus der Türkei nach der Krim auswanderten, nahmen sie viele tartarische Ausdrücke in ihr Türkisch auf. Dieser Mischsprache bedienen wir uns nun bis auf den heutigen Tag genau so wie die Juden den deutsch-jüdischen Jargon beibehaltenhaben.'1