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Ost und West · 1912-02-01 · Heft 2 (Februar 1912) · p. Seite 119 - 120

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 2 (Februar 1912)
Article
Das jüngste Bild vom Judentum
Date
1912-02-01
Page
Seite 119 - 120 (sequence 4)
Language
German
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Iii* Dr. Max Eschelbacher: Das jüngste Bild vom Judentum, 120 zeugung steht und fällt der Glaube an Gott. Und auch der Gedanke an die Belohnung des Guten erscheint unendlich vertieft und vergeistigt, wenn Ben Asai lehrt „Der Lohn der Mizwah ist die Fähigkeit, eine neue Mizwah zu vollbringen, die Strafe für die Sünde aber ist die Sünde." In dem „geschäftsmässigen" Verhältnis zwischen Mensch und Gott „in der Art und Weise, wie sich die jüdische Theologie das Kontokorrent mit Gott vorstellt1', sieht Sombart aber noch eine andere Grundidee des Kapitalismus wirksam werden, die „Erwerbsidee", wie er sie nennt. Er stellt dazu in Parallele die von ihm behauptete angebliche „unorganische Auffassung des Judentums vom Wesen der Sünde und der Guttat". Jede Sünde komme nach der rabbinischen Theologie für sich — einzeln — als zähl- und wägbare Tat in Betracht." Hier erreicht dieSchilderung des kapitalistischen Geistes, der im Juden sein Wesen treibe, ihren Höhepunkt. Aber alles, was Sombart vorbringt, darunter ganz ungeheuerliche Behauptungen über den Charakter der Juden, gründet er auf ein einziges Zitat, das noch dazu passt wie die Faust aufs Auge, auf ein Wort aus den Ikkarim, einem religionsphilosophischen Werke des 15. Jahrhunderts, das da sagt, „Die Bestrafung richtet sich nach dem Objekt und nicht nach dem Subjekt der B e 1 e i d i g u n g." In seiner Urform (Kethuboth III 7), die Sombart leider nicht kennt, lautet der Satz gar noch: „Bei der-Beleidigung richtet sich die Strafe nach der Person des Beleidigers und nach der des Beleidigten." Sombart hat das 37. Kapitel im vierten Abschnitt der Ikkarim, das er zitiert, sich offenbar gar nicht angesehen. Wie bei der Prüfung der von ihm so vielfach entstellt und schlecht wiedergegebenen Zitate empfindet man auch hier peinlich, wie oberflächlich und unsolid dieser Teil von Sombarts Buch gearbeitet ist. Der Satz wird in den Ikkarim lang, im Talmud kurz erklärt. Sein Wortlaut schon spricht für sich allein. Er stellt eine Spezialvorschrift über die Bewertung von Beleidigungen dar und will besagen, „die Strafe muss um so schwerer sein, je höher der Beleidigte gestellt ist." Das ist ein ganz unanfechtbarer Grundsatz, den auch wir anwenden. Wer den Kaiser beleidigt, wird auch bei uns schwerer bestraft, als wer etwa einen beliebigen Tagelöhner beleidigt. Nichts anderes sagt nach Wortlaut und Sinn der Satz. Auf einem Nichts, auf einem Satz, der Selbstverständliches aussagt, der überall, wo Menschen wohnen, auch in Deutschland, in stillschweigender Geltung steht, dessen klaren Sinn und Wortlaut er aber völlig missverstanden hat, baut nun Sombart eine schauderhafte Schilderung der jüdischen Religion und der Seele des Juden auf, die Entsetzen erwecken müsste, wenn sie wahr wäre. In Wirklichkeit steht seine ganze Darstellung in vollendetem Gegensatz zu allem, was die jüdische Religion lehrt. Dieser ist im Gegenteil gerade eine persönliche Auffassung von Guttat und Vergehen eigentümlich, gerade sie sieht hinter jeder Tat stets den lebendigen Menschen, auf den sie zurückgeht. Darum wird von der Wohltat gesagt „Gott vergilt sie nur nach dem Mass der Liebe, mit der sie ausgeübt worden ist", während von der Sünde umgekehrt angenommen wird, „es sündigt einer nur, wenn der Geist der Narrheit in ihn gefahren ist." Darum wird die grösste Behutsamkeit im Urteil über andere empfohlen und darum mahnt Hillel „Urteile über keinen, bevor du in seine Lage gekommen bist." So lehrte auch R. Assi „Wenn jemand Gutes tun wollte, aber durch Zufall an der Ausführung verhindert wird, rechnet es ihm Gott an, als habe er es trotzdem getan." Weil der Richter über lebendige Menschen zu urteilen hat, stellt der Talmud den wunderbaren Satz auf, dass beim Synhedrion, dem obersten Gerichtshof, als Richter nicht bestellt werden dürfen: ein Greis (der nichts mehr von den Mühen der Kindererziehung weiss), ein Zeugungsunfähiger und ein Kinderloser. Bis zur Paradoxie gesteigert erscheint bisweilen die Hochschätzung der Gesinnung, die Unterschätzung der Tat. „Es kann vorkommen, sagt z. B. der jerusalemische Talmud, dass einer seinem Vater gemästete Hühner vorsetzt und doch ein schlechter Sohn ist, und umgekehrt, dass einer ihn an der Mühle arbeiten lässt und trotzdem das ewige Leben erwirbt." Gerade das Judentum ist in besonders hohem Masse ausgezeichnet durch jenen Zug, den Sombart in seiner Unkenntnis ihm abspricht, durch die organische Auffassung von allem Tun des Menschen. Eine Frucht des von Sombart behaupteten Rationalismus, der nur gelten lässt, was man zählen, wägen und messen kann, soll dann eine ausserordentlich hohe Wertschätzung des Geldes in der jüdischen Religion sein. Bibel und Talmud werden dafür als Zeugen angerufen. Wir haben am Eingang gesehen, wie im Gegenteil der jüdischen Religion Geld und Gut und Leib und Leben als gering erscheinen gegenüber dem höchsten Gut, der Liebe zu Gott. Im Gebiete der Religion findet so der Reichtum keine übermässige Schätzung. Aber auch im Leben wird er nicht höher geschätzt, als er es verdient. Sombart zitiert zwar eine Menge von Sätzen aus der jüdischen Spruchweisheit. Aber sie besagen nichts. Zunächst einmal haben wir gezeigt, wie viele davon bei ihm ganz einfach in verfälschter und entstellter Form wiedergegeben werden. Aber auch die, die er korrekt mitteilt, geben seinen Behauptungen keine Stütze. Kapitalistischen Sinn wollte er in der Bibel nachweisen, und statt dessen bringt er Sätze, in denen Besitz als ein Gut gepriesen wird, Sätze, die jeder sich zu eigen machen wird, der nicht Asket ist. Z. B. aus den Psalmen: „Herr, Du suchest das Land heim und wässerst es und machst es reich. Gottes Brünnelein hat

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