Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Das jüngste Bild vom Judentum
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 117 - 118 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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117 Dr. Max EschelbjieJier: Das jüngste Bild vum Judentum. 118 Religion fabriziert nach dem Programm: „Dem Volke muss die Religion erhalten bleiben", wie Sombart ihnen nachsagt, sie sind mit glühendem Herzen bei ihrer Aufgabe gewesen. Und ihnen, wie ihren Nachfolgern wird man nicht gerecht, wenn man sie nur als „starrgeistig" bezeichnet. „Starrgeistig" ist ja unter Umständen ein hohes Lob. Starrgeistig sind die Männer, die über ihrer Berufung die ganze Welt vergessen, wie jener Archimedes, der im Angesicht des Todes noch dem römischen Soldaten zurief „Störe mir nicht meine Kreise", starrgeistig und starkgeistig mussten auch die Männer sein, die das jüdische Volk hindurchführten durch die schweren Tage des Hellenismus und durch die Not der Römerzeit, die, wie Rabbi Jochanan ben Sakkai, nach der grossen Katastrophe, der politischen Vernichtung, die Wiedergeburt des Volkes vorzubereiten hatten, oder die, wie Akiba, es hineinführten in den letzten grossen Kampf mit Rom, in dem sie selber untergingen. Aber wieviel ganz andere Erscheinungen begegnen uns noch neben ihnen l Der witzige Rabbi Meir, der von Geist nur so sprudelt, der milde, weise, so gar nicht starrgeistige Rabbi Josua, der fröhliche Rabbon Simon ben Gamliel, der beim Fest des Wasserschöpfens die staunende Bewunderung der Menge erweckte, weil er es verstand, acht Fackeln gleichzeitig in die Luft zu werfen und sie aufzufangen, ohne dass sie einander berührten. Und wenn wir dann später denken an den gemütvollen Raschi, an den ernsten, strengen Maimonides, in dem die Wissenschaft selber Person geworden ist, an die Mystik des Nachmanides und an die Glut des Jehuda Halevi, dann freuen wir uns dieses Reichtums an grossen Menschen. Freilich, es gehört, wie überall, so auch hier, etwas Liebe dazu, um ihn zu finden. Wer das Judentum nur ansieht wie ein Kriminalkommissar, der Stoff zu einer Anklage aufstöbern will, wird vor all der Herzlichkeit und Güte und Begeisterung, vor all dem Wunderbaren, das den Helden unserer Geschichte in der Seele lebte, die Augen zumachen. Alle Kritik nun, die Sombart an dieser „jüdischen" Religion der „starrgeistigen" Schriftgelehrten übt, lässt sich zusammenfassen in dem einen Worte: Rationalismus. Er glaubt, im Judentum herrsche ausschliesslich der berechnende, logische Verstand, er vermisst alle anderen Kräfte, die mit dem Verstand zusammen erst den ganzen Menschen ausmachen, Wärme, Begeisterung, Seele. Und von der Vorherrschaft des Verstandes und ihren Folgen, von dem engen Sinn, den sie hervorbringe, entwirft er ein so abstossendes Bild, dass einer seiner Kritiker, der Mainzer Rabbiner Bondi, meint, bei der Lektüre von Sombarts Buch müsse man fast wünschen, lieber stupid als intelligent zu sein. Als Beleg dafür, dass nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen des Juden der Verstand die erste Geige spiele und alle anderen Stimmen übertöne, führt Sombart „die vertragsmässige Regelung — ich würde sagen: geschäftsmässige Regelung, wenn dem Worte nicht ein hässlicher Sinn anhaftete — aller Beziehungen" zwischen Gott und Israel an. Alles beruhe da auf Vertrag, der Mensch leiste und Gott belohne dafür. Diese Behauptung sucht Sombart zunächst auf eine sonderbare Weise zu belegen (es hat überhaupt bisweilen den Anschein, als ob er sich über seine gläubigen Leser lustig macht.) Er zitiert nämlich aus dem talmudischen Schrifttum einige Stellen, in denen das Verhältnis der guten zu den bösen Taten des Menschen als sein „cheschbon", seine „Rechnung" bezeichnet wird, und aus der „Rechnung" schliesst er natürlich auf die „rechenhafte Gesinnung", die er nachweisen will. Das ist eine törichte Silbenstecherei. Wollten wir Sombart auf den Weg dieser Wortwitze folgen, dann würden wir daran erinnern, dass die deutsche Sprache die sittliche Verantwortung mit den Worten „zurechnungsfähig" und „Rechenschaft ablegen" bezeichnet, dass sie auch auf ethischem Gebiet von „Verdienst" und von „Schuld" spricht, als ob es sich um schnöden Mammon handle, dass sie für Vergeltung das Wort „heimzahlen" und für jede Wirksamkeit ganz allgemein gar das Wort „h a n d e 1 n" gebraucht, kurz, wir würden in Sombart'scher Manier aus den ethischen Begriffen der deutschen Sprache ein Lexikon kaufmännischer Begriffe zusammenstellen. Auf solche Schnurren sollte ein ernsthafter Gelehrter doch verzichten. Weiter sucht dann Sombart seine Idee durch zwei andere Belege aus dem Talmud zu bekräftigen. Von dem einen, der Geschichte vom Tod des Mar Ukba, haben wir im vorhergehenden Artikel durch Gegenüberstellung von Zitat und Urtext festgestellt, dass Sombart hier den Urtext wesentlich entstellt wiedergibt, vom zweiten, dass er ihn unrichtig und tendenziös umschreibt. Damit brechen die kärglichen Stützen zusammen, die Sombart diesem Teil der Schilderung des Judentums gegeben hat. Er hat vollkommen unrecht. Das Judentum verlangt vom Menschen, er müsse das Gute tun, ohne auf Lohn zu hoffen. „Seiet nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen" mahnt Antigonus aus Socho. „Du denkst vielleicht, sagt der Sifre, die älteste Erklärung zum fünften Buche Moses, ich will Thora lernen, damit ich Lohn dafür empfange? Das darfst du nicht. Es heisst „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott." Was du tust, darfst du nur aus Liebe zu Gott tun." Allerdings steht im Hintergrund doch immer der grosse Gedanke, dass Gott das Gute lohnt und das Böse straft, aber auch er entspricht nicht der von Sombart behaupteten „geschäftsmässigen" Regelung der Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen. Er ist vielmehr eine notwendige Folge der Ueberzeugung, dass die Wahl zwischen Recht und Unrecht nicht reine Privatsache des Menschen ist. Gibt es einen Gott, dann muss er sich darum kümmern, ob der Mensch recht handelt oder schlecht; mit dieser Ueber-