Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Das jüngste Bild vom Judentum
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 115 - 116 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584022-2600533--12651-2600612- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
115 Dr. Max Eschelbacher: Das jüngste Bild vom Judentum. 116 auch der Schulchan Aruch (Orach Chajim § 656), dass einer sein ganzes Vermögen hängeben muss, wenn er es nur durch die Verletzung eines göttlichen Gebotes erhalten könnte. Auf dem Grunde solcher Anschauungen ist die jüdische Religion erwachsen, deren Stellung zum Kapitalismus Sombart uns zeigen will. Wenn er vom „Judentum" spricht, gebraucht er dabei das Wort in einem ganz bestimmten Sinne. Er versteht darunter jene Periode unserer Geschichte, die nach dem babylonischen Exil mit der Tätigkeit Esras, etwa 450 v. u. Z., einsetzt, er meint nicht das alte biblische Judentum. „Die jüdische Religion, nicht zu verwechseln mit der israelitischen, zu der die jüdische in gewissem Sinne im Gegensatz steht", sagt er einmal, und er befindet sich dabei im Einklang mit weitverbreiteten Theorien der Religionsgeschichte. Diese Auffassung kommt ihm sehr gelegen, die lebenskräftige, frische biblische Zeit kann er so aus der Geschichte des Judentums ausscheiden, und es fällt ihm dann leichter, das spätere Judentum als eine Art theologische Mathematik oder Jurisprudenz erscheinen zu lassen. Eine Vorbedingung dazu ist die Abtrennung des biblischen vom nachbiblischen Judentum. Wer aber auch das nachbiblische, das rabbinische Judentum genauer kennt, wird gegen einen solchen Schnitt Einsprache erheben. Er wird im Gegenteil finden, dass das talmudische Judentum die gerade, natürliche Fortsetzung des alten israelitischen" ist, dass im Talmud und * im Schulchan Aruch die Bibel weiterlebt. Sind doch die Rabbinen es gewesen, die die Bibel in den Mittelpunkt aller Religionsübung gestellt haben, ist doch die Vorlesung aus dem Pentateuch und aus den Propheten der Mittelpunkt des Gottesdienstes am Sabbat, bilden doch Psalmen den Kern unseres Gebetbuches, sind doch die Sprüche Salomos unter uns zu Sprichwörtern geworden. Der Talmud selbst will gar nichts anderes sein, als die Anwendung der Bibel aufs Leben, kurz, der engste Zusammenhang mit der Bibel waltet überall ob, und selbst wenn wahr wäre, was wir bestreiten, dass die spätere Entwicklung andere Wege eingeschlagen habe, würde durch diesen reichen Strom biblischer Gedanken dennoch immer wieder ihr volles Leben durch das rabbinische Judentum geleitet werden. Wir können deshalb die von Sombart aufgenommene Lehre vom Gegensatz zwischen israelitischer und jüdischer Religion nicht als richtig anerkennen. Die Geschichte des Judentums erscheint nun bei seinem jüngsten Biographen beinahe wie die Entwicklung eines lebendigen Körpers zur Mumie. Von vornherein, wird da behauptet, sei ihm der Stempel des bloss Gelehrten, um nicht zu sagen des Gelahrten, des nicht Empfundenen, des Leblosen aufgedrückt worden durch die Männer, die es geschaffen haben. „Man soll nicht vergessen, so werden wir über Esra belehrt, dass es ein Sofer war, ein starrgeistiger Schriftgelehrter, dem eine Schaar von Schriftgelehrten dann gefolgt ist, um sein Werk zu vollenden." Ein solches Urteil wird aber Esra und seinen Nachfolgern, den Männern der grossen Versammlung, nicht gerecht. Ein protestantischer Theologe, der im übrigen der späteren Entwicklung des Judentums mit kühler Kritik gegenübersteht, Eduard Reuss, einer der glänzendsten Forscher auf biblischem Gebiet, hat anders über sie geurteilt. „Die Pioniere einer neuen Volksbildung" nennt er sie, und von ihrem Wirken rühmt er, „da wir erfahren, dass es dabei nicht ohne Schwanken und Rückfall zuging, so bringt dies nur um so grösseres Lob denen zuwege, welche nicht mutlos wurden und nicht rasteten, bis sie das Werk geborgen, welches sie im Geiste erfasst hatten. Den Propheten war es nicht gelungen, durch Rede und Beispiel das israelitische Volk umzugestalten nach ihrem Bilde; ihre Nachfolger schufen eine Kirche, und die einst so trotzige Masse modelte sich nach deren Gesetz." Sombart hat keine so gute Meinung von ihnen. „Nicht aus unwiderstehbarem Drange, aus der tiefen Herzensinbrunst zerknirschter Seelen, nicht aus dem Taumel wonnetrunkener anbetender Geister heraus" ist nach ihm zu Esras Zeiten die jüdische Religion geworden, sondern „aus vorbedachtem Plane heraus: eine ausgeklügelte Abwicklung gleichsam einer diplomatischen Aufgabe" ist sie sozusagen gemacht worden. Die Bücher Esra und Nehemia sind aber ein starker Protest gegen seine Auffassung. Das tiefste, ergreifendste Bussgebet, das die Bibel kennt, stammt gerade aus Esras Mund. „Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, zu Dir, o Gott, mein Angesicht zu erheben, denn unsere Vergehungen sind uns über den Kopf gewachsen, und unsere Schuld steigt bis an den Himmel." Die tiefe Herzensinbrunst einer zerknirschten Seele war es gerade, was Esra trieb. Und wie liebenswürdig erscheint Nehemija, sein Genosse, der Mitarbeiter an seinem grossen Werke! Er weilt in Persien am Hofe des Grosskönigs in hoher Stellung, ruhig und sorglos, aber wie er von dem Elend in Palästina hört, da lässt es ihm keine Ruhe, „da setzte ich mich hin und wreinte und trauerte tagelang. Ich fastete und betete vor dem Herrn des Himmels „0 Herr, Gott des Himmels, grosser und furchtbarer Gott, der Du den Bund und die Treue bewahrst, denen, die Dich lieben und Deine Gebote beobachten! Möge doch Dein Ohr geneigt und Dein Auge offen sein für das Gebet Deines Knechtes, das ich heute zu Dir sende Tag und Nacht, indem ich die Sünden der Kinder Israels bekenne, denn ich selber und das ganze Haus meines Vaters haben gesündigt." Und so löst er sich los von Heimat und Behagen und zieht nach dem armen Palästina, um dort zu helfen. Und wie freundlich und fröhlich tröstet er dort das betrübte Volk! „Gehet heim, sagt er ihnen, esset, was stärkt und trinket, was labt, und sendet Gaben dem, der nichts hat, und betrübt Euch nicht, denn die Freude an Gott ist eure Stärke." Nein, diese Männer haben nicht eine