Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 59 - 60

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Nathan Samuely
Date
1912-01-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584021-2600410--12604-2600486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

59 Dr. von Hohäny: Nathan Samuely. 60 Kosten gestifteten Volksschule übernimmt, worin ihm Esther, deren Herz ihm noch seit ihrer Kindheit gehört, tapfer helfen wird. Im wirklichen Leben verhält sich die Sache leider anders. D i e s e r Reb Chai n Rosenband ist ein weisser Rabe. Gewöhnlich erwirbt Reb Chaim Rosenband in Galizien ein Vermögen, zieht dann nach Wien, wo er an der Börse jobbert und die Freuden des Ronacher geniesst; um die Hebung seiner Brüder kümmert er sich wie um den vorjährigen Schnee, er schämt sich ihrer und hilft mit, wenn man sie beschimpft; aber wenn er sich grosse Reichtümer erjobbert hat, hinterlässt er für das Krankenhaus seiner Vaterstadt ein Bett, oder er stiftet ein Heiratsstipendium für seine nächsten Anverwandten, um welches alle fünf Jahre die wütendsten Kämpfe und Intriguen ausbrechen. Seine Enkelin kann gar nicht Esther heissen, sondern nur Eveline oder Ella, und sie fühlt sich als echte „W'eanerin", die mit tief sterVerachtung auf die Polnischen''' herabschaut, für Schnitzler schwärmt und mit einem Leutnant durchbrennt. Herr Dr. Gustav Ehrenwart aber denkt gar nicht daran, als Schulleiter seine unwissenden Glaubensgenossen der Bildung zuzuführen, sondern ,,strebt'" nach höheren Zielen; er kandidiert lieber zum Reichsrat, wo er gleichsam als Botschafter seiner galizischen Brüder deren Interessen wahrnimmt, indem er Bankkonzessionen erwirbt, oder er gründet ein Petroleumkonsortium. So gehts im Leben zu, aber unser Dichter stellt eben Ideale auf. ,, So sollt ihr leben und arbeiten!" ruft er seinen Volksgenossen zu. Und er verficht seine These mit so viel Feuer und Verve, er weiss sich so trefflich vor jeder Rhetorik zu hüten und überall den gestaltenden Plastiker und Sittcnschildercr in den Vordergrund treten lassen, dass man darüber vergisst, dass das „Licht" nur ein Irrlicht war, dass Reb Chaim Rosenband bosser daran getan hätte, eine Handwerkerschule für die jüdischen Kinder zu gründen, worin ihm auch die finstersten Finsterlinge nicht hinderlich gewesen wären, und dass der wohlmeinende Schulstifter, wenn er heute, da die jüdische Jugend sogar die Mittelschulen schon überfüllt, aus dem Grabe erstünde, er über das Elend und die Verwirrung und die Ratlosigkeit unter seinen Brüdern verzweifeln und sich sagen müsste, dass seine konfessionelle Volksschule keinen Schuss Pulver wert war. — Was an dieser Erzählung den Literaturhistoriker am meisten interessiert, ist die Meisterschaft, mit der Samuely die guten Menschen zu zeichnen versteht. Gewöhnlich sind nur die Bösewichter und Schurken für den Künstler ein dankbares Objekt, die braven Leute sind, wenn der Dichter ihnen nicht ein tragisches Schicksal bereitet, langweilig und fad. Nur wenigen gelingt es, positive Charaktere anziehend zu gestalten. Samuely erreicht dies durch einen goldnen, erfrischenden, mit einem feinen Unterton von Melancholie versehenen Humor, mit dem er z. B. seinen Reb Chaim ausstattet. Sein Gegenpart ist der Repräsentant des finsteren Chassidismus, Esra, der Heidemach,2) ein knorriger, unbeugsamer Fanatiker, dessen Devise, dem Sprichwort zum Trotz, lautet: ,,Besser ein Arba-Kanfoth ohne Jud', als ein Jud' ohne Arba-Kanfoth". Denn ein Arba- Kanfoth hat doch immer heilige Zizith, aber was ist ein Jud' ohne Zizith? Der Dichter nährt eine heimliche Liebe für diesen „Helden", und auch wir können ihm eine gewisse Sympathie und sogar Achtung nicht A-ersagen. Er ist aus echtem Schrot und Korn, ein 2) Soviel als .,Gewaltmensch". ganzer Kerl. Viel schwieriger war seine weibliche Folie zu zeichnen. Ein Fanatiker im Unterruck ist etwas Widernatürliches, und wer einen solchen schildert, gerät leicht in Gefahr, zu übertreiben, zu karrikLren. Gleichwohl ist hier Frau Rechele prächtig gelungen, ebenso wie die ganze Schar von Typen, die sich um die Hauptfiguren gruppieren. Kulturhistorisch äusserst wertvoll sind die trefflichen und minutiös beobachteten Milieuschilderungen, die eingeflochtenen Beschreibungen von Sitten und Bräuchen, die von der neuen Zeit dem Untergange geweiht sind, von Stimmungen und Regungen, die dein jetzigen Geschlecht4 schon abhanden zu kommen beginnen. Eine starke und tiefempfundene Sehnsucht nach dieser versinkenden Welt, die ihm die ideelle Heimat seiner Jugendjahre gewesen, beseelt den Dichter und treibt ihn mächtig, sie im Bilde mit kräftiger Hand festzuhalten, bevor sie gänzlich dem Auge entschwindet. Aus diesem Empfinden heraus sind die zahlreichen Novellen. Samuelys entstanden. Ich kenne deren etwa achtundvierzig. Eine ganze Galerie von Gestalten aus allen Schichten der Gesellschaft, aus allen Regionen des intellektuellen Lebens wandelt an uns vorbei, alle scharf gesehen, mit grosser Feinheit bis in die geheimsten Falten ihres Wesens beobachtet und mit Meisterhand dargestellt. Diese Novellen werden einmal eine Fundgrube für die Erkenntnis des Lebens und Webens der Menschen einer ganzen Epoche sein, auf die sie helleres und reicheres Licht ausgiessen werden, als ein halbes Dutzend „gelehrter" Geschichtswerke, mit „authentischen" Dokumenten und Belegen und dem unvermeidlichen archivalischen Material versehen. Das Kennzeichnende für die Art, wie Samuely seine Welt und deren Geschöpfe ansieht, ist eine grosse und warme Liebe zu den Menschen, die den Armen, Gedrückten und Mühheladenen gegenüber sich zu einem herzlichen, zuweilen von Empörung gegen das Unrecht getragenen Mitleid vertieft. Doch wird unsrem Dichter die Welt darum nicht zum Jammertal; für ihn, als einen echten Juden, ist das Leid in der Welt dazu da, damit wir Menschen es überwinden, durch unsere Kraft, Güte und Arbeit. Darum siegt bei Samuely schliesslich fast immer das Gute. Er ist von dem festen Glauben beseelt, dass der Kern der Welt das ,,Lichtige"' ist, das Heilvolle, Gesunde, die Gerechtigkeit und die Güte. Dazu kommt noch der tiefe und echte Humor, mit dem er die Welt betrachtet und der bei ihm das befreiende, erlösende Lachen auslöst, sich aber auch bald zur feinen Ironie abtönt, bald zur kräftigen, beissenden, peitschenden und geisselnden Satire verdichtet. Man hat die Empfindung, dass der Dichter die Schlechtigkeit der Menschen für eine Folge ihrer Dummheit hält. Und wie überwindet man die Dummheit besser, als mit fröhlichem Lachen und mit grimmigem Spott? Seht her, spricht er gleichsam, alle die Schurken, die ich euch da zeige, sind im Grunde Narren, dumme Kerle, die mehr Mitleid und Verachtung als Hass verdienen. Machen wir uns über sie von Herzen lustig, und sie werden am Ende noch brave Leute. Irgendwo in ihrem geheimsten Innern schlummert eine Saite, die man nur zum Mitschwingen bringen müsste — und sie verwandeln sich in ganz gute, oder wenigstens erträgliche-Kerle. So Benzion Geldhaber („Zwischen Hammer und Ambos"). In dieser Erzählung von köstlichem Humor sind Personen und Situationen mit keckem Pinsel breit und flott hingezeichnet; durch die überwältigende Komik klingt ein zarter melancholischer Ton hindurch, und die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.