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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 57 - 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Nathan Samuely
Date
1912-01-01
Page
Seite 57 - 58 (sequence 2)
Language
German
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57 Dr. von Rohäny: Nathan Samuely. 58 jähre zu der schönsten und denkwürdigsten Epoche des Lebens macht, findet hier einen zuweilen ergreifenden und machtvollen Ausdruck. Man sieht, es ist ein echter Dichter, der sein Instrument, noch ,,ungelernt" zwar, aber schon mit instinktiver Sicherheit und Fertigkeit meistert. Stil und Sangesweise bekunden manchmal eine reizende Naivität, eine allerliebste Unbeholfenheit. Aber noch häufiger überrascht eine erstaunliche Gewalt der Ausdrucksmittel, eine Originalität des Schauens und eine fast sinnlich greifbare Bildlichkeit. Auffällig ist es ein starkes, freudvolles Naturgefühl, welches, wie bei einem Jünger der Propheten und Psahnisten selbstverständlich, von einer tiefen Frömmigkeit durchscelt ist. Charakteristisch ist dafür gleich das erste, aber reifste Gedicht der Sammlung, überschrieben: „Die Liebe Gottes". Im 16. Jahrhundert würde man dieses Gedicht unfehlbar in das Gebetbuch aufgenommen haben. Die Naturerscheinungen, die am meisten besungen werden, sind Licht, Blumen und Borge. Berge, Blumen und Licht ragen, duften und glänzen noch in den wehmütigen, sehnsuchtsvollen Liedern, die der junge Dichter dem verklärten Andenken seines früh verstorbenen Vaters weiht, Liedern, dio so innige, herzergreifende Töne anschlagen, dass sio sich in das Gedächtnis prägen. Die Gedichte der zweiten Epoche treten aus der subjektiven Welt des hmern Erlebnisses heraus. Es sind lyrische Epopäen in jenem Genre, das Byron, Slowacki und Victor Hugo ausgebaut haben und das in der hebräischen Literatur besonders Gordon pflegte. Ohne die vollkommene Objektivität, die breite Kleinm.alorei und die Hube des Epos anzustreben, umgibt diese Dichtungsart die geschilderten Menschen und Situationen mit dem Hauch der lyrischen Stimmung, und ersetzt so die etwas feierliche, statuenhafte Grösse der epischen Gestaltungsart durch die bewegten1, weiche und den modernen Menschen mehr ansprechende lyrische Weise. In einem wunderschönen einleitenden Gedicht erzählt Samuely, wie diese sechs Epopäen langsam in 'ihm wichsen und reiften. Im trauten Glieder waren dem Kinde, dann dem Knaben, beim Studium der Bibei die grossen Gestalten von Mose und Eliah zuerst erschienen, die liebliche Idylle von Jakob und Rahel, die Tragödie von Jehuda und Thamar nahm seine Seele gefangen oder schlitterte sein Herz. Vor der Phantasie des Knaben breiteten sich die Gefilde der fernen Urheimat seines Stammes aus, umstrahlt von der Poesie heroischer Erinnerungen, geschmückt mit allen leuchtenden Farben des Orients, durchhaucht von den köstlichen Düften südlicher Vegetation. Diese Bilder lebten in seiner Seele, bis di<> Schaffenskraft erstarkte und sie in lebendigen Linien und Farben nachzuzeichnen drängte. Diese Nathan Samuely. Gedichte versetzen uns in jenes Gebiet, wo die historische Wirklichkeit vom poetischen Traum uniwoben ist, die Menschen aus den Niederungen des Alltags in die Regionen des Heldenhaften hineinragen und die irdische Welt mit der hehren gränzt. * * * Erst mehrere Jahre nachher stieg Samuely in die Niederungen des Alltags herab, und holte sich dort die Stoffe, die er zu köstlichen Gebilden von bleibendem Wert formte. Aber gleich wie die Gedichte aus dein inneren Zwang des Schaffenstriebs heraus entstanden waren, so sind auch die Erzählungen und Novellen offenbar nur eine notwendige Reaktion auf die Eindrücke des Lebens und der Erfahrung gewesen. Die erste Leistung Samuelys auf dem Gebiete der Erzählung war, wenn ich mich nicht irre, eine längere Novelle ..Zwischen Licht und Finsternis", erschienen am Ende der ^siebziger Jahre.1) Wie schon der Titel besagt, ist das eine sogenannte Tendonznovelle. Sie schildert den Kampf des Lichtes gegen die Finsternis unter den Juden in Galizien. Das „Licht"' ist hier die (konfessionelle) Volksschule, von der alles Heil kommen wird, die Finsternis verkörpern alle Rückständigen, die in jeder Neuerung sofort ein Attentat auf die Religion wittern. Natürlich endet der Kampf mit dem Siege des Lichtes. Dieses hat aber auch einen wackern, hingebungsvollen und ausdauernden Vorkämpfer in der Person des Reb Chaim Rosen band, der irgendwo in Wien sich ein bedeutendes Vermögen erworben hat, und damit in sein armes, finsteres, weltvergessenes Städtchen unter die verwahrlosten Brüder zurückkehrt, um ihnen Kultur und Wohlstand zu bringen. Ihm zur Seite steht seine holde Enkelin Esther, Pionier im Kampfe ist Dr. Gustav Ehrenwart, ein Sohn eben dieses finstern Städtchens, der als Jüngling wegen seiner freigeistigen Neigungen in die Ferne fHohen musste, und nun als „vollendeter Europäer" zurückkommt und all seine Kraft der Hebung seiner Glaubensgenossen zu widmen beschliesst, indem, er die Leitung der von Reb Chaim Rosenband auf eigne l) Samuelys Gedichte erschienen in zwei Bämlohen unter dem Titel „Kenaph Rcnanim", Lemberg 1868 und 1872. Seither veröffentlichte er noch eine ganze Reihe von wunderschönen Gedichten in verschiedenen hebräischen Zeitschriften. Darunter waren auch sehr gelungene Lebersetzungen aus Schiller, Goethe, Victor Hugo, Heine u. a. Diese Gedichte sind leider nicht gesammelt worden. Seine Erzählungen erschienen deutsch in Zeitschrilten, wie „Der Israelit" (Lemberg), Israelitische Wochenschrift" (Magdeburg), „Allgemeine Zeitung des Judentums" (Berlin) u. a. In Buchausgaben erschienen sie unter dem Titel ,,Kulturbilder" bei Robert Friese, Leipzig, und hei Brandeis, Prag. Eine gesami 4 isgabe in hebräischer Sprache gab der Warschauer Verlag „Thusihia" heraus.

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