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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 61 - 62

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Nathan Samuely
Date
1912-01-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 4)
Language
German
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61 Dr. von Rohanv: Nathan Samuelv. 62 Schlusskapitcl, in denen der hartherzige Geizhals, ein Opfer seiner eigenen Intrigue geworden, zusehen muss, wie sein Teuerstes auf Erden, seine Habe, unter <lie Armen verteilt wird, und unter dem Eindruck dieser Erlebnisse sich wandeilt, sind ein Meisterstück psychologischer Kleinkunst. Nur ein paar ganz erlesene Bösewichter lässt Samuely unbekehrt bleiben. Und *"'S ist bezeichnend, dass er sie bis an ihr seliges Ende im irdischen Gelingen und Glück verharren, sie fett und feist werden lässt. Er gönnt ihnen all das törichte .,Gute<£ hienieden. Es wirkt hier offenbar die Auflassung des Talmud nach, dass Gott den Bösewichtern für alle ihre geringfügigen Guttaten auf Erden bezahlt, um desto gründlicher mit ihnen im Jenseits abzurechnen, und die weitere Anschauung, dass der Lohn für <lie Mizwah nicht von dieser Erde ist. Sonst ist Samuely kein Freund jener hilligen Literaturpsychologie, die in der gegenwärtigen, auch jüdischen Novellestik so unheimlich grassiert, weil si> sich mit ein paar gangbaren Formeln und tiefsinnigen Phrasen herstellen lässt. Diese Schreibtischpsychologie ist das beste Mittel, um über den Mangel an Beobachtung und an Darstellungskraft zu täuschen. Auch die Kunstgriffe und Mätzchen der äusseren Technik sind heutzutage so ausgebildet, dass man Im i einiger Fingerfertigkeit, ohne sieh in grosse Talentunkosten zu stürzen, psychologisch-ästhetisch-artistische Novellen anfertigen kann. Es ist eine Freude, oinen von der alten Garde zu sehen, der stets unbeirrt von den neuen und neuesten ..Strömungen" seinen Weg geht. Mit souveräner Verachtung, mit bewussteni Trotz setzt er sich manchmal über die Anforderungen 'ler aussorlichen literarischen Mache hinweg. Justement! Wcils gerade Mode ist, die ..psychologische Sonde in die wunden, zerklüfteten Seelen unserer Zeit- U'onossm zu versenken", und weil die allerneusto literarische Forderung es erheischt, vermittelst der raffiniertesten Technik zu wirken, will ich euch eine sehlichte Geschichte erzählen, ganz einfach, wie ich >i'\ im. Lehnstuhl sitzend, bei einer Zigarre und einem Glas Tee, einem Kreis vertrauter Freunde vortragen würde. Das gefällt euch nicht? Es ist euch viel zu altväterlich? Nun, so braucht ihr ja nicht zuzuhören. Aber nein. Man hört zu, man lauseht sogar gespannt. Und bald wird man gewahr, dass der Erzähler in diskreter Weise seine künstlerischen Mittel wirken lässt, so zunächst das Mittel des Kontrastes. Ergreifende, herzbrechende Geschichten werden in einein legeren, scheinbar teilnahmslosen Ton erzählt, wodurch die recht naheliegende Gefahr des Sentimental wer dens vermieden und die Wirkung erhöht wird. Wohl die bestgelungenon und am tiefsten erl'assten sind Samuelys Frauengestalten. Er hat die grosse und tiefeingreifende, wenn auch äusserlich unscheinbare Rolle, welche die Jüdin im Gesamt leben des jüdischen Volkes gespielt, tief begriffen und sie nicht in weitschweifigen gelehrten Abhandhingen, sondern in anschauliehen und bezwingenden Gestalten vor das Auge gestellt: die Holdseligkeit des jungen Mädchens in seiner herben, keuschen Verschlossenheit, die unbekümmerte, heitere Treue und Hingabe der Gattin, die unermüdliche, todesmutige .Aufopferungsfähigkeit der Mutter — in unvergesslich<m luidern hat er sie verewigt. Da ist ein° kl< ine NovelJette,,Die Aussteuer" : ein Einzelschicksal nur, freilich (in erschütterndes; aber erst lange nachdem man das kleine Ding gelesen und davon bis in die nächtlichen Träume hinein verfolgt wird, wird man plötzlich gewahr, dass das Schicksal dieser alltäglichen Jüdin zu einem grandiosen Symbol des jüdischen Volkes und seines, alles Leiden überwindenden Lebenswillens emporwächst. Üeber das vielgeschmähte, und nun schon gewiss dem Untergange geweihte Cheder giesst die rastlos tätige, gütig»1 „Rebbezin" ein freundliches Licht aus („L'nser Cheder" ). Und aus einem derben Realismus, aus gewollter prosaischer Alltäglichkeit heraus wird mit kräftiger Urwüchsigkeit der sublime Idealismus der Frau gezeigt, die zum Lohn für ihr ganzes Leben voller Arbeit und Mühen nur die Gewissheit verlangt., dass sie dermaleinst im Jenseits ebenso wie hier dicht an der Seite des angebeteten Gatten wird bleiben dürfen, des Gatten, dem sie die gemeinen Alltagssorgen abgenommen hat, damit er ein grosser Gelehrte]* ein Meister der heiligen Thora werden konnte („Das EsehosCliajiU ). „Wer des Lebens ganzen Ernst kennt, kann auch aus vollen Herzen lachen", sagt Schopenhauer. So wie Samuely den vollen Ernst des Fraucnlebons erkannt und geschildert, so hat er auch aus ganzem Herzen gelacht über törichte Eitelkeit („Nur nicht jüdisch!'') und über gleissnerische Vornehmtuerei („Auch ein Esches Chajil") und hat sie mit blutigem Spott gegeisselt. Er ist der fröhliche Spötter in seiner Welt, aber auch deren feinsinnige]', eiiarmungsvoller Verstehei\ Er lehrt uns, seine Leute mit allen ihren Fehlern zu lieben und über ihre Vorzüge und Tugenden uns zu freuen. Er führt uns zu den verborgenen Quellen der heiligen, unerschöpflichen Kraft seines Volkes, und noch in dem geringsten und niedrigsten seiner Brüder weiss er den göttlichen Funken zu finden, der ihn mit dem Höchsten verbindet. Und seine Werke werden in der jüdischen Literaturgeschichte eines der interessantesten und erquickendsten Blätter füllen. KURT SEILERS „VERIRRUNG". Von Franziska Mann. Nachdruck'verboten. Er hatte sich taufen lassen, denn er wollte sich nicht an Mauern stossen, nicht unnötige Hemmungen hinnehmen. Welch' ein Glück, dass seine Nase gerade und seine Gestalt hoch und schlank war. Nichts an ihm Hess den einstigen Juden vermuten. Kurt Seiler durfte sich unbesorgt in jene Kreise mischen, denen alles Semitische ein Greuel war. Des Offizierpatentes war er sicher. Ein Fräulein v. Barnewitz vorliebte sich in ihn. Im Dom segnete ein Hofprediger beider Ehe ein. — Seilers rasche Karriere setzte selbst die in Erstaunen, welche die Bevorzugung getaufter Juden kannten. — Hörte der Herr Staatsanwalt die Cohn. Meyer, Frankel ihre Klienten verteidigen, so konnte er nicht verhindern, dass deren Tüchtigkeit ihm imponierte, aber eine leise Abwehr gerade gegen ,,diese Leute" überwand er nie. — Alles in Seilers Leben hätte sich programmmassig weiter entwickelt, wenn nicht ein innerer schwerer Makel ihn beunruhigte, ein Makel, der wohl

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