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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 45 - 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Die liebe Provinz
Date
1912-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 5)
Language
German
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45 Scli. Gorelik: Die liebe Provinz. 46 FRITZ LEDERER. Judenkirchhof in Königsberg u B. BERLIN. davongejagter Commis Voyageur und hatte seine Opfer in vielen Städten. Sonja weinte nicht. Nur ihre Augen wurden noch trauriger, noch erschrockener. Und sie schloss sich nun ganz in ihr Reich des Schweigens ein. Die Mutter fühlte, wie sehr die Tochter litt, aber sie konnte den Weg zu ihr nicht finden. . . . * * * Eine sonderbare Stadt ist unsere Stadt! So viel schöne, zarte Seelen, aber ohne Glück. So pflegen die Leute zu sagen, wenn sie sich an Sonja erinnern, und an die andern, denen es im Lehen so schlecht erging. Und auch ich dachte in dieser finstern Herbstnacht über die unglücklichen Mädchen nach. l)raussen vor den Fenstern weinte der Wind, und es schien mir, als weinten die gebrochenen Herzen. Und ich wollte so gerne den Schuldigen finden, der die ganze Verantwortlichkeit auf sich nähme. Es mussto ja so ein Schuldiger da sein, dachte ich. . . . Ein Klopfen an der Tür unterbrach meine Gedanken, und bald darauf trat mein alter Freund ein, — Zallel Finkelstein. Audi so ein Herbstmensch, nur ein echter Gentleman. Er erinnerte mich stets an den vornehmen Spieler, der oben sein ganzes Vermögen verloren hat, aber lächelnd vom grünen Tisch aufsteht und ruhig hinausgeht, als wäre nichts geschehen, von den verwunderten Blicken der andern gefolgt. „Du staunst vielleicht/' sagte er, „dass ich zu so später Stunde komme. Es gehen wunderbare 'Dinge vor. Ich sitze an einem Ende der Stadt und du an dem andern, und wir denken über eine und dieselbe Sache nach. Und ich kam, um eine Frage an dich zu richten: Fiel es dir niemals ein, dass wir eigentlich Narren sind, rechte Narren, Schlemihle, Tölpel, und dass wir verdienen, ausgelacht zu werden, wie Menschen, die sich das ganze Leben hindurch beeilen und doch immer zu spät komme1]!. In jedes von den vi:den Mädchen, an die du und ich einsam dachten, waren wir verliebt, zu verschiedenen Zeiten, einmal du, einmal ich. An dem klein«1]! Fluss, über den ein grauer Nebel schwebt, auf den Kirchenstufen, im hohen Crras der Weide süssen wir und sprachen über sie. Wir hatten sogar eine eigene Sprache dafür. Bald warst du es, bald war ich es, der es still sagte: Mit diesem Kind könnte man glücklich werden. Wie Gymnasiasten beim Mondonschein, so träumten wir, und inzwischen flogen unsere schönen Mädchen auseinander, zerstoben nach den verschiedenen Städten und sind dort, eine willkommene Beute, von anderen genommen worden, von Grusinern, Tambcwer Ar-

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