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Ost und West · 1912-01-01 · Heft 1 (Januar 1912) · p. Seite 43 - 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 1 (Januar 1912)
Article
Die liebe Provinz
Date
1912-01-01
Page
Seite 43 - 44 (sequence 4)
Language
German
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43 Sch. Gorelik: Die liebe Provinz 44 erklären, dass die Sache doch einmal ein Ende'nehmen müsse. Sechs Jahre schon, dass der Uhrmacher um sie wirbt. Er ist närrisch verlieht im sie, sitzt die ganzen Ahende da, und sie sieht vom Buch nicht auf, spricht kein Wort. Neidich hat die Tante ihn gefragt, was er sich denn denke. Da hat er die Uhr aus der Hand gelegt und gesagt : Ich hab' Eure Beilke lieb, und wenn ich sie nicht kriege, kann ich auch bis fünfzig warten oder gar nie Ii t heiraten. — Darauf sagte sie ihm. dass er ihr ganz gut gefalle, aber es könne doch so nicht fortgehen. Es habe ja keinen Sinn, dass er ohne Zweck käme und bis spät in der Nacht bei ihnen sitze. Da hat er nun wieder die Uhr aus der Hand gelegt und gemeint, er hätte ihr ja schon gesagt, dass er Beilke liebe. Solange sie ihn nicht davonjage, werde lt bleiben. . . . Ja, ja, er wird bleiben, der unglückliche Uhrmacher. Er wird weiter in ihrem Zimmerchen sitzen, mit gesenktem Kopf, und im Ansichtskarten-Album blättern, und sie wird ans Fenster treten, mit den Fingern an die Scheiben klopfen und ein Lied ihres Lieblingsdichters Nadson vor sich hinbrummen. Sie liebt Nadson . . . Es ist ein sonderbares Städtchen, unser Städtchen. Hat so viel gut geratene, schöne Mädchen; nur dass sie kein Glück haben. Das haben sie aber deshalb nicht, weil sie zuviel phantasierten, zuviel auf die Zukunft sich verliessen, statt an das zu denken, woran jüdische Mädchen denken sollen. Wie die verwundeten Seevögel sind sie jetzt, denen man die Flügel gestutzt hat. Was ist aus allen jenen geworden, die einmal so herrlich blühten? Die Fannie z. B., die für Gesang, Glück, Liebe geschaffen schien, die fröhliche, mit den lachenden Augen. Sie fuhr nach Charkow, um zu studieren. Eigentlich wusste sie nicht, warum? Aber war so eine Zeit, wo es sie nicht zu Hause litt. Und dann, das war damals, da man auf der Strasse von irgend einem langhaarigen, geheimtuenden Studenten ein Buch oder eine illegale Zeitung zugesteckt erhielt. Eine solche Zeitung nahm sie einmal auch an. Bald darauf des Nachts, — es kommt ihr vor, als wäre es ein Traum gewesen, — ein nervöses Schellen. . . . Sporengeklirre. . . . Eine Menge Gendarmen. . . . Man führt sie von einem Gefängnis zum andern. . . . Und dann ein langes, langes Wandern . . . bis man sie in einem kleinen, verlorenen Dorf im fernsten Sibirien zurücklässt. . . . Weit, weit von der Heimat. ... Es ist kalt und bitterlich einsam. . . . Wenn nur irgend einer käme, sei er, wer er sei ...! Und als er kommt, ein christlicher Arbeiter aus der Gegend von Tambow, den man nach demselben Dorf verschickt hat, ist sie ganz glücklich und gibt ihm ihre Jugend hin. Wenn sie jetzt mit ihm durch die Gasse geht, sie. die Zarte, mit ihm, dem robusten, plumpen Menschen — gehen ihnen die Juden und Jüdinnen aus dem Weg. Vor Mitleid. Denn man hat sie so lieb gehabt und sie ist so unglücklich. Erst jüngst erzählte sie ihrer Freundin in deren Wohnung, dass sie nicht wisse, wie das alles gekommen sei. Sie 1H)C ihn nicht. Er sei ihr fremd, so fremd. Sie habe keine Schuld . . . Sibirien, ein kaltes, verlorenes Dorf, und er, der Arbeiter aus Tambow — der einzige. Und noch so viele andere gebrochene Herzen. Da gibt es einen kleinen Kramladen, am Ende der Stadt, neben armseligen Bauernhöfen. Sein Besitzer ist Gabriel Pewsner, der früher einmal grosse Geschäfte machte. Seine ältere Tochter spielte sogar Klavier. Dann verarmte er, — nicht plötzlich, sondern allmählich. Langsam, ganz langsam, still und unmerklich kam die Armut. Und still, ganz still trat er zur Seite. Man sieht ihn niemals auf dem Bürgersteig nach Hause gehen. Er benutzt den Fahrdamm, der aufs Feld hinausführt. Zwischen den langsam vorwärts kommenden Wagen geht er dahin, gebückt, vorzeitig ergraut, mit einer Hand auf dem Rücken. Tief aufseufzend geht er an seinen Laden heran. Auf den Stufen sitzt seine ältere Tochter, das Gesicht ganz eingewickelt. Sie schämt sich doppelt: der Armut und des Alters. ... Die Menschen sind doch ein wenig zu hart, wollen sich nicht erinnern, dass Dania Pewsner einmal zu den ersten Mädchen der Stadt zählte und dass damals ein sehr ernster Mensch sie liebte. Ach, sie haben gar keine Erinnerung, die Menschen. . . . Aber niemand rührt unser Herz so sehr wie Sonja, dieses reizende Menschenkind. Ich verstehe den Dichter sehr gut, der zum Preise dieser kleinen Frau Gedichte schrieb. Es liegt eine ganz eigenartige, anmutige Schönheit in diesem Miniaturgeschöpf mit seinen erschrockenen, ein wenig traurigen Gazellenaugen. Ich pflegte mich immer zu fragen, wie sie nur zu uns gekommen sein mag, in diese fast dörfische Familie, sie, die aussah, als hätte man sie eben aus einer Botticellischen Frauengruppe Ii erausgenommen. Oftmals schien es mir, als müssten sie schlechte Menschen aus einem weiten, warmen Land hergebracht haben. Und als sehnte sie sich von diesem, unsern kalten Boden wieder hin nach ihrer warmen, sonnigen Heimat. . . . Sie lebte in ihrer eigenen, verschlossenen Welt, in einer Welt von Phantasien und Träumen. Sie dachte und sann soviel, diese Sonja, aber niemand wusste, worüber. Nur wenn jemand schöne Geschichten erzählte, von grossen Helden, grossen Persönlichkeiten, dann pflegte sie immer näher zu rücken, die Wange auf die kleine Hand gestützt, zu lauschen, und zu bitten, man möge weiter erzählen. Darum stellte sich Max Apranowitz, als er Sonja gewinnen wollte, als ein Held vor, auf den die Gefahr lauert. Er sei ein grosser Revolutionär. Selbst ihr dürfe er seinen wahren Namen nicht entdecken. Sie solle ihn nicht fragen, woher er komme und wer er sei. Apranowitz wusste zu bezaubern. Er liebte es, seine Erzählungen plötzlich zu unterbrechen, im passenden Augenblicke zerstreut zu werden. Bald war er düster und zornig, bald wieder sanft und konnte mit rührender Zartheit Sonjas schöne Haare streicheln. Kurz, er wendete alle Effekte der ,,rätselhaften Naturen'' an. Er spielt seine Rolle gut, bis ein Zufall sein Geheimnis verriet. Der tragische Held war ein

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