Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Die liebe Provinz
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 41 - 42 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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41 Sek. Gorelik: Die liebe Provinz. 42 bankerottieren konnte, dann ist die ganze Welt verloren . . Ich bin in die Atmosphäre jüdischer Unsicherheit eingetreten, und werde selbst von der Ueberzeugung durchdrungen, dass die Welt natürlich nicht mehr sicher ist, wenn ein so reicher Mann wie Fcldrnann in Konkurs gehen konnte. Ich liebe es, plötzlich und abends in mein Städtchen zu kommen, freue mich dann, wenn meine alte Mutter, die etwas kurzsichtig ist, mich nicht gleich erkennt. Wrenn sie mich dann zitternd umarmt und mit ihren trockenen, runzligen Lippen flüstert: „Wie schreibt man auch nicht ein Wort! Nicht ein Wort! So unerwartet!" Bald erinnert sie sich, dass sie in den letzten Tagen ein Pressen auf dem Herzen gefühlt habe. Sagt es und blickt in die Kammer, nach dein Topfe mit den eingemachten Kirschen, ob sie nicht überzuckert worden sind. Denn eingemachte Kirschen sind doch mein Lieblingsessen. Gefolgt von den stillen Tritten meiner Mutter gehe ich nun in das grosse, helle Speisezimmer. Ich fühle die fromm-trauliche Wirkung. Die alten Gegenstände stehen noch auf ihren Plätzen: schöne Leuchter, ein alter Becher, noch vom Urgrossvater, eine Wanduhr, die wohl etwas heiser und doch so voll Hoffnung und inunter schlägt. Und aus dem unermüdlichen „Tick tack" höre ich es deutlich heraus: „Ja, alt sind wir, aber schadet nicht, wir werden noch halten." Ja, ja, so ist es: alte Uhren und alte Juden fühlen sich so fest. Und die Jungen sind so gar nicht sicher, sie sind so verzweifelt, so traurig. Ich stehe mitten im Zimmer, noch müde vom Weg, und alte Erinnerungen erwachen in mir. Ich überlasse mich ihnen ganz. Erinnerungen sind ja das einzige Paradies, aus dem man uns nicht verjagen kann. Das ist schon lange, lange her. Aus dem kleinen Cheder-K nahen, der so gerne Allotria trieb und doch einen guten Kopf hatte, ist ein jüdischer Intelligenzler geworden, mit gebrochenem Herzen, ein Wanderer, der nur einmal in drei, vier Jahren nach Hause ins Städtchen kommt, dann seine alten Freunde und Freundinnen besucht und es liebt, stundenlang schweigend bei seiner alten Mutter zu sitzen. Mein Schweigen schmerzt sie. Er ist entfremdet, denkt sie, vereinsamt, ein Vogel, der viel herumgeflogen ist und sein Nest nicht erkennt. Wenn ich im zweiten Zimmer bin, seufzt sie. Ja, einmal, es war am Abend, konnte sie nicht länger an sich halten und sagte: „Man erzählte mir, mein Sohn, dass du für Zeitungen schreibst und ein Redner bist, vor vielen Menschen sprichst. Warum schweigst du gerade, wenn du nach Hause kommst? Die Mutter will ja auch etwas hören . . Aber ich fand keine Worte der Erwiderung. FRITZ LEDERER. Kiefern* BERLIN. Es war mir unmöglich, ihr die Erklärung zu geben, dass wir immer schweigen, wenn wir zu tief gerührt sind, wenn wir uns in alten, alten Erinnerungen, wiegen. * * * Der langweilige Herbstregen will nicht aufhören,bei Nacht klopft er an die Fenster. Und an einem finstern Regentag war es, da Frida Hurwitz dem Apotheker ihr Jawort gab. Man wunderte sich, denn es ist niemand in der Stadt, der nicht über den alten Junggesellen lacht. Aber was giebts da sich zu mindern? Sie hat schon alle Bücher der Bibliothek durchgelesen, ist schon viel herumgefahren, hat schon viel mitgemacht, lange, lange gewählt. Nun hat sie sich an einem dieser herbstlichen Nebelmorgen im Spiegel beguckt, hat ihr blasses Gesicht gesehen, ist sich des Schicksals derer inne geworden, die zu lange warten, und hat gefunden, dass der Apotheker gar nicht so lächerlich ist. Gewiss nicht. . . . Und noch arn selben Abend war der grosse Saal festlich beleuchtet, Verlobung, und Fridas Mutter wünschte schon der Nachbarin, dass auch sie an ihren Kindern Freude erleben möge. . . . Jüdische Mädchen sollen heiraten. Und die kleinstädtischen gewiss! Ich verstehe meine Tante sehr gut, die mich aufsuchte, um mit mir über ihre Tochter zu sprechen, die sonderbare Beilke mit den langen, schweren Zop Ten. Ich solle dein Mädchen