Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Die liebe Provinz
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Feh. Gorelik: Die liebe Provinz. 40 nicht mehr erfreuen. Und im Städtchen hat sich gar nichts geändert. Wenn Sie kommen, werden Sie sich davon überzeugen, das alles noch auf derselben Stelle steht. Auch die Menschen sind noch ganz dieselben, nur noch etwas mehr gedrückt, — von dem langweiligen Herbstregen. Ja! Alles noch wie früher. Frankel kann sich noch immer nicht entschliessen, Paula Ginsburg zu heiraten, wiewohl er schon eine schöne Wohnung gemietet hat. Seligsohn — unser Hamlet — erzählt von seiner unglücklichen Liebe, die sich schon sieben Jahre hinzieht, und dass er sie lieber hat als vierzigtausend — Brüder. Er ist älter, zynischer und nachlässiger geworden, spricht in Gesellschaft junger Mädchen von seinem Rheumatismus und von einem Stechen im rechten Ohr, das ihn seit kurzem zu plagen begann. Es gibt auch traurige Neuigkeiten. Sie erinnern sich doch an die hohe Pappel, die Zierde unserer Stadt, die man schon von Weitem, sehen konnte. Man hat sie in diesem Herbst gefällt. Wem werden jetzt die Liebespärchen ihre Geheimnisse anvertrauen? Und wo wird man sich nun im Sommer zusammenfinden, um ukrainische Lieder zu singen? Am selben Tag starb Loser, der Musikant, der 22 Jahre lang im Stadtgarten, auf jüdischen Hochzeiten und im Adelsklub die Flöte spielte. Er starb an der Schwindsucht; Skeptiker meinen, an Hunger. Vor dem Tode bekam er Appetit auf frische Schleie. Er rief sein Weib heran, die ewige F1UTZ LEDERER. Tote Bäume. Jammerseele, und sagte ihr: Ich habe plötzlich Lust nach frischen Schleien gekriegt. Wie gefällt Ihnen diese verspätete Feinschmeckerei? Na, es war ihm aber nicht beschieden. Als man den zappelnden Fisch brachte, lag er schon ausgestreckt da, mit spitzer Nase, mit dem verwunderten, fast erschrockenen Gesichtsausdruck, der den Juden selbst nach dem Tode nicht verlässt." Diese Worte lesend fühlte ich die Sehnsucht nach meinem Städtchen noch mehr, hatte es noch eiliger, zum Bahnhof zu kommen. Es ist wahr: Ich liebe den Herbst und alles, was an ihn erinnert. Warum? Ich kannte einen russischen Schriftsteller, der es liebte, auf Friedhöfen spazieren zu gehen. Sowie er in eine Stadt kam, galt sein erster Besuch dem Gräberreiche. Die Leute glaubten, er sehe nach dem Grab seiner Geliebten oder irgend eines Menschen, der ihm nahegestanden war. Aber es war nicht das. Er hatte nur keine Buh. Er war ein wenig schwermütig und müde. Alles, was welkt, stand ihm nahe, auch der Herbst. LTnd da bin ich auch schon auf dem Bahnhof meines Kreisstädtchens. Derselbe Wölwel, der Fuhrmann, wartet mit demselben mageren, hungernden Pferdchen. Wölwel hat einmal bessere Tage gesehen, hatte einen Phaeton und ein paar tüchtige Pferde. Er liebt es, von den guten Zeiten zu erzählen und schämt sich gehörig, dass er so herabgekommen ist. Ich weiss, dass ihn nichts mehr freuen kann, als wenn ich ihn bitte, langsam zu fahren, nicht zu eilen. Es sei doch Zeit genug da. Zuerst wird er sich bitten lassen und, wie er es eigentlich liebt, dahinrasen, dass die Erde zittert. Ich lasse aber nicht locker, bitte weiter, und er bequemt sich endlich, langsam zu fahren, ganz langsam. Nicht etwa, weil das Pferd hinkt, sondern weil ich ihn dazu zwang. Er wollte es doch nicht, aber da der Pani befahl, — warum denn nicht? Und dann wendet er sich nach mir um und erzählt mir von dem neuen Schaden, den das Städtchen hatte: die Brigade hat einen andern Standort bekommen, irgendwo in Podolien, ist vor kurzem weg. Es ist öde geworden. Die Geschäfte haben kleinere Losungen. Viele Wohnungen stehen leer. Die Offiziere haben übrigens alles bezahlt; sind nichts schuldig geblieben. Nur eins: sie haben ein jüdisches Mädchen mit sich fortgeführt, Note, des Kioskenbesitzers Tochter. Freilich, man sprach schon lange über sie in der Stadt. . . . Wir fahren durch die breiten und engen Gassen. Es ist abends, die Geschäfte schon geschlossen. Vor dem Tabakladen steht eine Gruppe von Juden. Einige Worte erreichen mein Ohr: BERLIN" mome^ wenn schon Feldmann