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Ost und West · 1909-12-01 · Heft 12 (Dezember 1909) · p. Seite 737 - 738

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 12 (Dezember 1909)
Article
Chaijm Esra Capitain
Date
1909-12-01
Page
Seite 737 - 738 (sequence 3)
Language
German
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737 Dr. J. Niemiro wer: Ghaijm Esra Capitain. 738 Eden1) zuflüsterten. Ich begann diese Worte zu hassen, die aus einer für mich damals fremden Welt kamen und mich in meiner Freude störten. Jahre verflossen, bis das grosse Ereignis kam. Eines Tages war ich mit meinen Soldaten im Städtchen L. einquartiert; ich sollte im schönsten Hause des Ortes beim Rebbe wohnen. Frühmorgens kamen wir an, und bis zur Mittagsstunde war ich in einer kleinen Kaserne des Städtchens beschäftigt. Plötzlich führten die Soldaten den Rebbe herbei und klagten ihn an, dass er nicht die Zimmer für mich herrichten wollte. Der Rebbe entschuldigte sich in gebrochenem Russisch vermengt mit jüdischen Worten. Er sagte: „Gewalt! Was wollen die Soldaten von mir und von meiner Rebbezin2) Chaije? Heute ist Montag, da musste ich lange im Bethaus bleiben, in der Thora lesen, so will es Esra-Hosofer!" Die Chassidim, die bis jetzt sich ruhig verhalten haben, machen nunmehr Zwischenbemerkungen: „Wunder Gottes!" „Der Rebbe ein Nowi!"3) „Esra hat ja bestimmt, dass man Montag und Donnerstag aus der Thora lesen soll." . . . „Erzählt weiter, Kapitainleben" . . . „Aus dem Rebbe sprach der Geist des unglücklichen Vaters/' Unser Chaijm Esra wirft einen forschenden Blick auf den Rabbi, der schweigend dasitzt; er setzt seine Erzählung fort: „Die Soldaten verhöhnten den Rebbe, ich aber horchte bei den Worten „Gewalt, Chaije, Esra" auf, und zu meinem frühern Wortschatz, der mich aus meinem Elternhaus in die russische Gefangenschaft begleitete, kamen noch die Worte „Thora und Sofar" hinzu; ich sah vor meinem Auge meine Eltern, hörte ihren Schrei und erinnerte mich auch dunkel, als Kind von einer Thora und von einem Sofar gehört zu haben. Mit Hilfe eines jüdischen Soldaten, der russisch und jüdisch sprach, verständigte ich mich mit dem Rebbe, beruhigte ihn und zog in sein Haus. Jener Tag war für mich ein Fasttag; ich konnte nichts gemessen, nichts unternehmen; die Worte des Rebbe hatten meine Neschome in Aufruhr gebracht. In der darauffolgenden Nacht konnte ich kein Auge schliessen; ich sah meine Eltern und den Rebbe, hörte ihre und seine Worte! Um Mitternacht verliess ich das Zimmer, wollte ins Freie, um meinen Gedanken zu entfliehen. Die Stimme des Rabbi, der laut lernte, lockte mich an. Ich ging zu ihm. Je näher ich ihm kam, desto sicherer glaubte ich die Worte „Esra Hasofar" zu vernehmen. Ich klopfte an seine Tür; er schien es nicht zu hören; da regte sich in mir der Kapitän, und gewaltsam drang ich ein. Er erschrak nicht bei meinem Anblick, sondern empfing mich so gefasst, als wenn er mich erwartet hätte. Liebevoll fragte er mich in seinem gebrochenen Russisch, warum ich noch in so später Stunde wach bin, woher ich komme, und ob ich von Juden abstamme. Als ich ihm erzählte, dass ich als Jude geboren war und mich der Worte „Gewalt, Esra, Chaije" erinnere, lächelte er, als wenn er das alles schon gewusst hätte. Plötzlich M Paradies. 2) Gattin des Rabbiners. 3) Prophet. aber erhob er sich von seinem Platze, begann im Zimmer auf und ab zu rennen, zu seufzen und zu schreien: „Wie rettet man eine jüdische Neschome! Helft mir, ihr unglücklichen Toten!" — In mir zitterte gleichsam die Neschome und der Körper; ich sah meine Eltern und hörte sie. Voller Schrecken warf ich mich vor dem Rebbe hin und sprach: Was soll mit mir geschehen? Er aber legte seine Hand auf mein Haupt, segnete mich in der heiligen Sprache und sagte: „Sofort sollst du fliehen — weit, weit bis nach Galizien; dort sollst du Jüdisch lernen, Jude werden, dich Esra Chaijm nennen; fürchte nichts, deine Eitern begleiten dich, ich bete für dich, und Esra Hasofra ist der Maloch,1) der dich schützt." — Er führte mich zur Tür, legte meine Hand auf die Mesusa und sprach: „Lauf, so schnell du kannst, aus dieser Stadt" — und ich lief ohne Rast und Ruhe, solange die Füssc mich trugen .. ." Wieder wird die andächtige Stimmung der Tafelrunde durch Zwischenrufe unterbrochen: „Was ein Rebbe kann!" ... . „Was tote Eltern können!" . . . „Was die Phantasie aus einer mächtigen Jugenderinnerung machen kann!" wagt halblaut der Bachur zu bemerken, der auch vorhin die Worte des Rebbe schüchtern ihrer Prophetie zu entkleiden suchte. Seine Bemerkung geht jedoch verloren, da der Rabbi ruft: „Scha! Schal2) Nur weiter, Esra Chaijm!" Der Kapitain fährt fort: „Nie mehr habe ich den heiligen Rebbe gesehen; ich weiss nicht, wie sich die Russen meine Flucht erklärten, ob sie nicht den Rebbe meines Verschwindens wegen bestraft haben. Ich lief und lief, bis ich müde niedersank und vom Schlaf überrascht wurde. Ich träumte vom Rebbe, von meinen Soldaten, von meinen Eltern, von der Parade, von Esra, vom Krieg; ich hörte im Schlaf Kanonenschüsse und erwachte. Ich entdeckte neben mir ein l) Engel. 2) Still, still! '^rC-l* REGINA MÜNDLAK. Mclamcd. BERLIN.

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