Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Chaijm Esra Capitain
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 739 - 740 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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739 Dr. J. Niemirower: Chaijni Esra Capitain. 740 Paket mit jüdischen Kleidern, das mir der Rebbe bei meiner Flucht auf den Rücken gebunden und das ick in meiner Aufregung nicht bemerkt hatte. Rasch legte ich die militärischen Kleider ab und die jüdischen an. In diesem Moment ging ein Riss durch meine Neschome; es zerbrach die Brücke, die mich mit meinen Soldaten, mit meinen Freunden verband; ich sah vor mir die schöne Gestalt meiner Frau. Zu ihr wollte ich zurück, in mein schönes Haus wollte ich eilen. Ich warf von mir die jüdischen Kleider und legte von neuem die militärischen an, Kriegslieder singend und auf die Juden schimpfend. Da fiel mir ein, dass ich im Traum Schüsse gehört, dass man mich auch erschiessen könnte, weil ich in der Manöverzeit geflohen bin. Mit einemmal hörte ich wieder die Jammerrufe meiner Eltern: „Gewalt, Esra! Gewalt, Chaije!" Ich schleuderte von mir die militärischen Kleider und legte wieder die jüdischen an und lief. — Noch lange Zeit kämpfte es in mir, bis ich in Galizien wieder Jude geworden bin und mein Russentum vergass. Ganz beruhigte ich mich erst, als ich in B. beim heiligen Vater unseres heiligen Rebbe weilte, und er mir sagte, dass Esra Hasofar, der blutenden Herzens trotz seines jüdischen Erbarmens die Juden zwang, ihre fremden Frauen zu verlassen, mit mir zufrieden ist und sogar meine Sehnsucht nach dem russischen Heim als jüdische Treue lobt." •— Der Rabbi reicht rasch dem Erzähler den Becher und spricht: „Esra Chaijm! Du bist der Kapitain meines Tisches: Bensen1)!'* Dr. J. Niemirower. 1) Sprich^das Tischgebet. REVUE DER REVUEN. Nachdruck verboten. Das Reichsgericht in Wien, die höchste österreichische Rechtsinstanz, hat ausgesprochen, dass der Jargon nicht die Volkssprache einer Nationalität sei. Anlass zu dieser Rechtsentscheidung gab die Beschwerde eines Czeraowitzer Advokaten, dem eine in jüdischer Sprache (Jargon) erstattete Anzeige als zur. amtlichen Erledigung überhaupt nicht geeignet zurückgestellt war. In dem Erkenntnis des Reichsgerichts wird betont, dass von der Sprache eines Volks Stammes nur dann die Rede sein könne, wenn alle Angehörigen des Volksstamms diese Sprache beherrschen. Es sei jedoch notorisch und vom Beschwerdeführer selbst zugegeben, dass die jüdische Sprache wohl von den Juden in den östlichen Kronländern, nicht aber von den Juden in den westlichen Kronländern gesprochen wird, sie könne daher wohl als eine Art ialekt, nicht aber als Volkssprache angesehen werden. — Diese oberstrichterliche Entscheidung hat in der jüdischen Presse Oesterreichs lebhafte Auseinandersetzungen für und wider hervorgerufen. # * * Wie die „Newyork Times" ans Peking melden, wurde der jüdische Professor Dr. Oskar Einstein von der Chicagoer Universität eingeladen, an der kaiserlichen Universität in Peking ein chemikalisches Institut einzurichten und dort den ersten Lehrstuhl für angewandte Chemie zu übernehmen. Der Gelehrte hat dem Ruf Folge geleistet. * Der Bürgermeisterwahl in Newyork sind diesmal ganz ausserge wohnlich heftige Kämpfe voraufgegangen. Der „American Hebrew* berichtet über die Ansprache des neuen Stadtoberhauptes Mr. Gaynor an eine jüdische Deputation. Mr. Gaynor, der sich schon als Richter des Supreme Court allgemeine Sympathieen errang, erkennt an, dass er seine Wahl vor allem dem geschlossenen Eintreten der jüdischen Wähler zu danken habe, und sagte weiter: „Ich finde keine Worte, der grossen Freude Ausdruck zu geben, die mir Ihr Besuch hereitet hat, in dem ich ein Zeichen aussergewöhnlicher Freundschaft zu mir erblicke. Sie sind die Kinder einer Rasse und einer Volksfamilie, deren Ursprung in jener Grenzlinie liegt, die die Legende von der Geschichte scheidet. Sie gehören einer Rasse und einer Volksfamilie an, die in königlichen Palästen gestanden hat zu einer Zeit, da die Sachsen und Kelten, vielleicht auch Römer, noch nackt durch die Wälder streiften und in Höhlen wohnten .... Die ganze Welt hat Ihnen viel zu danken . . .** Eine englische Revue macht die interessante Feststellung, dass, während es zu Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr als 50000 Juden gab, die Englisch sprachen, sich heute die Zahl der Englisch sprechenden Juden auf 3 Millionen beläuft. Auf Grund dieser Steigerang kann man annehmen, dass Ende des 20. Jahrhunderts die Hälfte der gesamten Juden schaft der englischen Sprache mächtig sein wird. * * * Zum Ministerwechsel in Dänemark schreibt das „Neue Pester Journal": „Die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Italien hatten schon jüdische Minister, aber Dänemark ist das erste Land der Welt, in dem wieder ein Jude zum Premierminister ernannt wurde. Dieser Minister, Herr Zahle, ist von Beruf Rechtsanwalt und seit 10 Jahren Mitglied des Folkethings und Präsident der demokratischen Partei, die jetzt in Dänemark die Regierung übernommen hat. Neben dem Premier sind noch zwei Juden Kabinettsmitglieder: der Finanzminister Dr. Edward Brandes, Bruder von Georg Brandes, und der Handelsminister Heilbuth. * , * * In den „Münchener Neuesten Nachrichten" schildert der bekannte Publizist Oskar H. Schmitz Whitechapel und seine Juden. Interessant erseheint, was dieser Kenner über die englische. Missionstätigkeit und ihre Wirkung auf das Londoner jüdische Proletariat zu sagen weiss: „Dagegen kann man von einer fast völligen Erfolglosigkeit der „Society for Promoting Christianity among the Jews" sprechen. Sie verspricht dem Konvertiten für die Zeit der Bekehrung Wohnung und Verpflegung in der Anstalt und später Beistand, besonders in der Kindererziehung. Die guten Leute ahnen ja gar nicht, was für reale Lebens werte die ärmste jüdische Gruppe solchem atmosphärenlosen Puritanerleben gegenüber zu stellen hat: die gemütlichen Bande eines geschlossenen Familienlebens, wie es andere Rassen nur auf viel höherer sozialer Stufe entwickeln, eine uralte, auf langen Wanderungen gerettete Religion, welche Sitte und Sprache, ja den ganzen Alltag durchdringt. Wie armselig wirkt dagegen das ,,Chapel Life" englischer Non - Konformisten. Erst dann geben Whitechapeler Juden ihr orthodoxes Bekenntnis auf, wenn sie die vollen sozialen Vorteile eines englischen Bürgers, nicht eines Paupers, dagegen eintauschen können. Die jüdischen Einwohner von Ost-London steigen auf der sozialen Leiter empor."