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Ost und West · 1909-12-01 · Heft 12 (Dezember 1909) · p. Seite 735 - 736

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 12 (Dezember 1909)
Article
Chaijm Esra Capitain
Date
1909-12-01
Page
Seite 735 - 736 (sequence 2)
Language
German
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735 Dr. J. Niemirower: Chaijm Esra Capitain. 736 der gelehrte Bachur und der Handwerker, die sich ein Plätzchen am Tisch eroberten. Der Greis spricht gleichsam mit Ausrufungszeichen : „Grosse Rabbiner stehen, und er sitzt neben dem Rabbi! Der Rebbe, er soll leben, wartet, bis e r fertig werden wird mit Waschen und Essen! Welches Masel!"1) Der Handwerker spricht gleichsam mit Fragezeichen: „Er sitzt und grosse Rabbiner stehen? Er wäscht sich, isst, und alles wartet? — Wofür? . . Der Bachur bemerkt spöttisch: „Die grossen Rabbiner zeichnen sich durch ihre geistvollen Köpfe aus, und für die Köpfe gibts keine Sessel! — Der Kapitain hingegen ist beliebt, weil er viel beim Rebbe gewesen, darum ehrt man ihn mit Sitzenlassen. — Der Rebbe scheint grösser als die Talmud-Weisen zu sein; diese sagten nämlich, dass der vollkommene Zadik nicht stehen kann, wo der Baalteschuwa2) steht, und unser Rebbe sitzt neben dem Baalteschuwa! — Der Kapitain muss sich die Hände gut waschen: denn er hat als Soldat Blut vergossen!" Der Greis erwidert: „Auch König David . . — Er kann nicht zu Ende sprechen, weil die Stimme des Rabbi vernehmbar wird, der zum Erstaunen aller, dem Chaijm Esra Kapitain den Becher reicht und ihn auffordert, das Tischgebet zu sprechen. Bebend ergreift Chjaim Esra den Becher, den aber die zitternde Hand fallen lässt. „Na! Nü! Nu!" rufen die erschreckten Tischgenossen. Der Rabbi spricht: „Was fürchtest du, Chaijm Esra? Du warst ein russischer Kapitain und ich bin ein Hauptmann der jüdischen Neschomes!3) Die Welt weiss, dass der dritte Baalschem4) aus Rougeau dem Sohn des Lubliner den Becher des Segens angeboten — und er zitterte wie du, Chaijm Esra. — Du bist nicht der Sohn des Lubliner und ich nicht — ich will nicht bescheiden sein; in der Bescheidenheit liegt oft der Satan der Ueberhebung —damit du Kraft hast, den Becher zu halten, den ich dir gebe, denke an den grossen Rebben Esra-Hasofar und erzähle uns deine Geschichte." Der Kapitain beginnt: „Der Fheilige Rebbe weiss alles, auch wenn man ihm nicht erzählt, und mit euch, Brüder, habe ich schon oft darüber gesprochen. Wenn es der Rebbe aber verlangt, ists gewiss gutfür meine Neschome.5) Ich will euch erzählen: Man hat mich als Kind geraubt. Ich bin der Sohn eines Sofer6), kann mich aber nicht erinnern, was ich in REGINA MUNDLAK. Beim Arzt. BERLIN. l) Glück. 2) Büsser. 3) Seelen. 4) Israel Friedman wurde als der dritte Baalschem bezeichnet. 5) Seele. €) Torschreiber. meinem Elternhaus gesehen und gehört habe. In meinem Gedächtnis blieb nur, dass, als man mich meinen Eltern entriss, meine Mutter schrie: „Gewalt, Esra!" und mein Vater antwortete: „Gewalt, Chaije!" — Man führte mich weit, weit weg über Berge und Täler, Meere und Wüsteneien, in meinem Ohr klang nur der wilde Schrei meiner Eltern. Ich weinte so lange, bis ich aufhörte und mich unter den fremden Menschen gewöhnte; ich wurde ein Russe, wurde ein Christ; ich vergass das Jüdische und sprach nur Russisch, aber von Zeit zu Zeit rief ich: „Gewalt, Esra! Gewalt, Chaije!" Man schlug mich deswegen, aber ich hörte immer in meinem Herzen die Worte, die meine Eltern mir aus der Ferne zuriefen. Ich wurde ein tüchtiger Soldat, aber so oft die Parademusik ertönte, hörte ich: „Gewalt, Esra! Gewalt, Chaije!" Ich war im Krieg. Kanonen donnerten, das Feuer blitzte, und ich hörte nur die letzten Worte meiner Eltern. Ich zeichnete mich aus und wurde Kapitain; alle schrien Hurra! und ich sprach leise „Gewalt, Esra! Gewalt, Chaije!" Ich heiratete eine reiche und schöne Frau und ich war glücklich. Mit einemmal hörte ich aber die Worte „Gewralt, Esra! Gewalt, Chaije!", die mir meine Eltern aus dem Gan-

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