Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Chaijm Esra Capitain
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 733 - 734 (sequence 1)
- Language
- German
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733 734 CHAIJM ESRA CAPITAIN/ Nachdruck verboten. Viel Leben herrscht in der Stadt, grosse Aufregung bei den Chassidim. Der berühmte Wunderrabbi aus B. hat der Einladung seiner Anhänger Folge gegeben und ist zu Roschchodesch nach N. gekommen. Menschenmassen drängen sich in das Haus, in dem der vornehme Gast seine Residenz aufgeschlagen hat. Greise, die an das Jenseits denken, Jünglinge, die im Diesseits kämpfen, Männer, die von Nahrungssorgen gequält werden, Frauen, die für die Gesundheit ihrer Kinder beben, Reiche, die sich vor dem Wechsel der Zeiten fürchten, Arme, die Erlösung aus der Not erhoffen, Gelehrte, die nach neuen Lehren lechzen, Unwissende, die der Anblick des Zadik erleuchten soll, Fromme, die von höhern Welten träumen, und Sünder, die ihre Gewissen beschwichtigen wollen, verlangen je nach ihrem Temperament stürmisch oder bittend, stolz oder demütig Einlass zum Rabbi. Aliein an der Tür wacht ein Mann von energischer Natur, der der Strenge trotzt, den Bittenden kein Gehör schenkt und sogar der Macht des Geldes Widerstand leistet. „Oben ist eine Sude1) wie beim König Salomen, die Zimmer sind voll, dass selbst Malochim2) keinen Platz haben; keiner von euch hat mehr das. Glück, heute am Roschchodesch beim Tisch des Rebbe zu sitzen!" spricht laut der Türwächter. „Lasst mich doch hinein," bittet ein Greis, „ich habe *) Tafel. 2) Engel. den Rebbe noch als Kind auf den Händen getragen." — „Alter Narr, der Rebbe war nie ein Kind," erhielt er zur Antwort. — „Macht doch Platz diesem seidenen Bocher,1) der Mischna und Gemara auswendig kann," spricht ehrfurchtsvoll ein Handwerker. — „Was? Hier gibt es keine Mejuchossim;2) wenn er lernen kann, wird er wissen, dass der Rebbe auch bis hierher leuchtet. Hört ihr denn nicht den herrlichen Gesang, der vom Tisch des Zadik hierher dringt? Schon zur Zeit des ersten Königs Saul hat man Roschchodesch eine Sude gemacht, Saul war der Rebbe, der spätere König David sang, und das Volk sass bei Tisch und stand draussen vor der Tür." — In diesem Moment erscheint ein alter Mann, der, obwohl von den Jahren gebeugt, doch eine gewisse stramme, militärische Haltung hat. „Chaijm Esra Kapitain!" murmelt die Menge. Der Alte bittet den Türsteher, ihm Einlass zu gewähren, und nennt mit einer Stimme, die ein Gemisch von Stolz und Demut ist, seinen Namen. Bunt durcheinander ertönen die Antworten der Wartenden. „Ein neuer Mejuches! Ein alter Soldat" — „Ein Maasses-Erzähler"3) — „Er muss eine grosse Seele haben" — „Er sieht noch immer wie ein Goi4) aus" — „Er ist kein gewöhnlicher Mensch" — „Vor Gott und vor dem Rebbe sind alle Menschen gleich" ■— „Hier gibt es keinen Kapitain"! — Während aus der Menge diese Bemerkungen ertönen, hat der Türhüter den Ober-Gabbe, gleichsam Hofmarschall des Rabbi, fragen lassen, was mit diesem;eigenartigen Gast geschehen - soll. Der Ober-Gabbe er-; scheint in eigener Person •V..V und öffnet für Reb Esra •r Chaijm die Pforten, bei v welcher Gelegenheit fast alle Draussenstehenden sich hineindrängen. Der Rabbi, der selten einem Gast einen Sessel anbietet, ruft: „Einen Stuhl für Reb Chaijm," und fast alle Anwesenden wiederholen schreiend diesen Ruf. — „Schnell soll man Wasser zum Waschen für Reb Chaijm Esra besorgen!" und im Chor wiederholen die Chassidim diesen Befehl des Rabbi. Während unser Kapitain Platz nimmt, sich die Hände wäscht, sie bedächtig trocknet, den Segen über das Brot spricht, eine Portion Fische verzehrt, unterhalten sich an der äussersten Ecke des Tisches der greise Chassid, REGINA MUNDIAK. Obsthändlerinnen. BERLIN. a) Feiner Knabe. 2) Bevorzugte, Aristokraten, 3) Geschichten-Erzähler, 4) Nichtjude.